Es regnet. Der Mann, der unter dem ockerfarbenen Mauervorsprung der Zitadelle hockt, streckt seine Hand aus und lässt die dicken Tropfen versonnen auf seiner Haut hinabgleiten. Aus seiner speckigen Tasche ragt ein Pappschild: "Man spricht Deutsch." Als ich zu ihm unter den Regenschutz flüchte und ihn anspreche, schnellt er aus der Hocke auf, zupft seine Pluderhose zurecht und lächelt mich an. "Willkommen in Erbil! Darf ich Ihnen die Festung zeigen? Sie werden in der ganzen Stadt keinen besseren Guide finden! Mein Name ist Fadel." Sein Schild hat nicht zu viel versprochen.

Die mehr als 7000 Jahre alte Zitadelle thront auf einem weitläufigen Hügel im Stadtzentrum. Als der Regen nachlässt, steigen wir die steile Treppe zur Burganlage hinauf. Es riecht nach Erde und Mörtel. Erbil, die selbst ernannte Hauptstadt der unabhängigen kurdischen Region im Norden Iraks, liegt uns ringsum zu Füßen: ein architektonisches Durcheinander aus futuristischen Wolkenkratzern, klobigen Hochhausketten, geduckten, würfelförmigen Häusern mit Satellitenschüsseln und Antennenmasten. Dazwischen rumpeln Bulldozer und reißen die Erde auf, für weitere Baugruben. "Das Besondere, Einmalige eröffnet sich dem Besucher vielleicht nicht auf den ersten oder zweiten, sondern eher auf den dritten Blick", sagt Fadel. "Erbil hat Schönheitsfehler, aber dieses Unfertige, Kantige, Spröde macht die Stadt doch auch interessant."

Seit ein paar Jahren erlebt die Millionenstadt einen regelrechten Boom. Kurdistan ist reich an Bodenschätzen, besonders an Öl, Gas und Eisenerz. Rund ein Viertel des irakischen Wirtschaftsaufkommens stammt aus dem Norden des Landes. Während im Süden und in den Nachbarstaaten Bombenanschläge und Selbstmordattentate an der Tagesordnung bleiben, darf man sich in Erbil weitgehend sicher fühlen. Die Stadt geht ihren eigenen Weg. Man kooperiert mit den Amerikanern und mit dem türkischen Nachbarstaat.

Fadel hält eine Gebetskette in der Hand. Mit Daumen und Zeigefinger schiebt der Endfünfziger Perle um Perle die Schnur entlang. Er ist Kurde wie beinahe alle Einwohner von Erbil. Den Irakkrieg hat er mit seiner Familie im deutschen Exil in Köln verbracht. "Als ich nach dem Sturz von Saddam Hussein zurückkam, war meine Heimatstadt fast genauso von Kämpfen und Anschlägen zerstört wie Bagdad. Aber inzwischen hat man die kaputten Häuser abgerissen oder saniert. Überall wird gebaut – es geht voran."

Auf der Suche in der Ruinenstadt

Gemeinsam laufen wir über das "Dach der Weltgeschichte", wie er die Zitadelle nennt: Sie ist die älteste kontinuierlich bewohnte Stätte der Menschheit. Babylonier lebten hier, Perser, Römer, Mongolen und Araber. Eine Burganlage, die größtenteils aus bröckelndem Bollwerk besteht. Eine Stadt in der Stadt, mit verwinkelten Gassen und vielen kleinen Backsteinhäusern, von denen einige Lehmziegeldächer tragen.

Bis vor wenigen Jahren waren hier noch zahlreiche Gebäude bewohnt, von irakischen Flüchtlingen und ausländischen Archäologen. Gemeinsam hausten sie in der Ruinenstadt, allesamt auf der Suche – die einen nach einer sicheren Bleibe, die anderen nach historischen Fundstücken. Damit war Schluss, als die Unesco die Zitadelle ins Weltkulturerbeprogramm aufnahm. Fadel stößt die locker im Scharnier schaukelnde Tür einer Kate auf und leuchtet mit seiner Taschenlampe den Raum aus. Stuck und uralte farbige Fresken schälen sich von den Wänden. "Hier haben wir als Kinder gespielt, hatten keine Ahnung, wie wertvoll das alles ist", erzählt er.

Mittlerweile wird das gesamte Areal, ungefähr zehn Hektar groß, restauriert. Wenn die Arbeiten abgeschlossen sind, sollen hier Boutique-Hotels entstehen, Restaurants und traditionelle Werkstätten. Die Familien, die diese Geschäfte betreiben, werden dann auch hier wohnen dürfen. Das Teppichmuseum im Backsteinbau am Eingang der Zitadelle hat bereits geöffnet, ebenso wie Erbils einziger Souvenirshop in einem der frisch renovierten Ladengebäude.