NordirakFadels Traum

Im nordirakischen Erbil hofft ein Beamter darauf, deutschen Touristen seine Stadt zu zeigen. Bisher lassen sie noch auf sich warten – dabei gibt es viel zu entdecken. von Birgit Weidt

Die Zitadelle von Erbil, die Fadel das Dach der Weltgeschichte nennt.

Die Zitadelle von Erbil, die Fadel das Dach der Weltgeschichte nennt.  |  © Safin Hamed/AFP/Getty Images

Es regnet. Der Mann, der unter dem ockerfarbenen Mauervorsprung der Zitadelle hockt, streckt seine Hand aus und lässt die dicken Tropfen versonnen auf seiner Haut hinabgleiten. Aus seiner speckigen Tasche ragt ein Pappschild: "Man spricht Deutsch." Als ich zu ihm unter den Regenschutz flüchte und ihn anspreche, schnellt er aus der Hocke auf, zupft seine Pluderhose zurecht und lächelt mich an. "Willkommen in Erbil! Darf ich Ihnen die Festung zeigen? Sie werden in der ganzen Stadt keinen besseren Guide finden! Mein Name ist Fadel." Sein Schild hat nicht zu viel versprochen.

Die mehr als 7000 Jahre alte Zitadelle thront auf einem weitläufigen Hügel im Stadtzentrum. Als der Regen nachlässt, steigen wir die steile Treppe zur Burganlage hinauf. Es riecht nach Erde und Mörtel. Erbil, die selbst ernannte Hauptstadt der unabhängigen kurdischen Region im Norden Iraks, liegt uns ringsum zu Füßen: ein architektonisches Durcheinander aus futuristischen Wolkenkratzern, klobigen Hochhausketten, geduckten, würfelförmigen Häusern mit Satellitenschüsseln und Antennenmasten. Dazwischen rumpeln Bulldozer und reißen die Erde auf, für weitere Baugruben. "Das Besondere, Einmalige eröffnet sich dem Besucher vielleicht nicht auf den ersten oder zweiten, sondern eher auf den dritten Blick", sagt Fadel. "Erbil hat Schönheitsfehler, aber dieses Unfertige, Kantige, Spröde macht die Stadt doch auch interessant."

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Seit ein paar Jahren erlebt die Millionenstadt einen regelrechten Boom. Kurdistan ist reich an Bodenschätzen, besonders an Öl, Gas und Eisenerz. Rund ein Viertel des irakischen Wirtschaftsaufkommens stammt aus dem Norden des Landes. Während im Süden und in den Nachbarstaaten Bombenanschläge und Selbstmordattentate an der Tagesordnung bleiben, darf man sich in Erbil weitgehend sicher fühlen. Die Stadt geht ihren eigenen Weg. Man kooperiert mit den Amerikanern und mit dem türkischen Nachbarstaat.

Fadel hält eine Gebetskette in der Hand. Mit Daumen und Zeigefinger schiebt der Endfünfziger Perle um Perle die Schnur entlang. Er ist Kurde wie beinahe alle Einwohner von Erbil. Den Irakkrieg hat er mit seiner Familie im deutschen Exil in Köln verbracht. "Als ich nach dem Sturz von Saddam Hussein zurückkam, war meine Heimatstadt fast genauso von Kämpfen und Anschlägen zerstört wie Bagdad. Aber inzwischen hat man die kaputten Häuser abgerissen oder saniert. Überall wird gebaut – es geht voran."

Auf der Suche in der Ruinenstadt

Gemeinsam laufen wir über das "Dach der Weltgeschichte", wie er die Zitadelle nennt: Sie ist die älteste kontinuierlich bewohnte Stätte der Menschheit. Babylonier lebten hier, Perser, Römer, Mongolen und Araber. Eine Burganlage, die größtenteils aus bröckelndem Bollwerk besteht. Eine Stadt in der Stadt, mit verwinkelten Gassen und vielen kleinen Backsteinhäusern, von denen einige Lehmziegeldächer tragen.

Bis vor wenigen Jahren waren hier noch zahlreiche Gebäude bewohnt, von irakischen Flüchtlingen und ausländischen Archäologen. Gemeinsam hausten sie in der Ruinenstadt, allesamt auf der Suche – die einen nach einer sicheren Bleibe, die anderen nach historischen Fundstücken. Damit war Schluss, als die Unesco die Zitadelle ins Weltkulturerbeprogramm aufnahm. Fadel stößt die locker im Scharnier schaukelnde Tür einer Kate auf und leuchtet mit seiner Taschenlampe den Raum aus. Stuck und uralte farbige Fresken schälen sich von den Wänden. "Hier haben wir als Kinder gespielt, hatten keine Ahnung, wie wertvoll das alles ist", erzählt er.

Mittlerweile wird das gesamte Areal, ungefähr zehn Hektar groß, restauriert. Wenn die Arbeiten abgeschlossen sind, sollen hier Boutique-Hotels entstehen, Restaurants und traditionelle Werkstätten. Die Familien, die diese Geschäfte betreiben, werden dann auch hier wohnen dürfen. Das Teppichmuseum im Backsteinbau am Eingang der Zitadelle hat bereits geöffnet, ebenso wie Erbils einziger Souvenirshop in einem der frisch renovierten Ladengebäude.

Leserkommentare
    • postit
    • 07. Mai 2013 19:08 Uhr

    danke schön, Frau Weidt!

    Eine Leserempfehlung
  1. ist zumindest verwirrend. Man bekommt bei Ankuft am Airport in Erbil ein Visa on arrival, neuerdings sogar für 15 Tage, bisher waren es nur 10. Auch eine Verlängerung ist möglich. Eine Beantragung über die Botschaft in Berlin macht man nur, wenn man zuviel Zeit und Nerven hat...;-))

    • khamel
    • 08. Mai 2013 0:20 Uhr

    Dass Erbil mal die Aufmerksamkeit bekommt, die es verdient.
    Allerdings sind Sie da wohl etwas auf Ihren Guide hereingefallen, Erbil ist keineswegs die älteste bewohnte Stätte der Menschheit, zumindest kann man das nicht nachweisen, da es nie groß angelegte Grabungen auf der Zitadelle gegeben hat. Man ist dort lediglich mit Sondagen bis in das Islamische Mittelalter vorgedrungen.
    Den besten Hinweis auf das Alter der Stadt bieten Schriftzeugnisse aus der Akkade-Zeit (ca.2300 v.Chr.), wo die Stadt Arba'u Ili genannt wird, was soviel heißt wie "vier Götter".
    Nach aktuellen Kenntnissen ist Aleppo die am längsten durchgängig besiedelte Stadt, aber das kann sich natürlich durch neue Funde ändern.

    Letzendlich sind solche Titel wie "älteste Stadt" Schall und Rauch. Tatsache ist, dass Erbil auf eine unfassbar spannende Geschichte zurückblickt, die jede europäische Metropole vor Neid erblassen lässt.
    Man muss sich ja nur vostellen, dass die Stadt und ihre Umgebung eigentlich sehr flach sind, die Steilwand auf dem Bild besteht einzig und allein aus den Siedlungsresten von mindestens 5 Jahrtausenden!

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  • Schlagworte Irak | Kurdistan | Saddam Hussein | Unesco | Afghanistan | Bagdad
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