ZeitgeistDer digitale Dozent

Warum die Online-Uni das Studium reale nicht ersetzen kann von 

"Moocs", glauben die Enthusiasten, sind die größte Erfindung der Bildungsgeschichte seit den Domschulen (circa 1100), aus denen Europas große Universitäten hervorgegangen sind. Mooc steht für Massive Open Online Course, und die Fans weissagen, die Online-Uni werde das Bildungssystem so revolutionieren, wie es einst Paris und Bologna getan haben.

Die meisten Moocs findet der Möchtegern-Student bei Coursera, der Firma, die zwei Stanford-Professoren 2011 gegründet haben. Außerdem gibt es in der Stanford-Ecke der "iTunes U" 3000 Audio- und Video-Dateien, etwa den hochkomplexen, aber gebührenfreien Kurs "Konvexe Optimierung II" für IT-Ingenieure. Die Sache ist also ernst, keine digitale Volkshochschule.

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Irgendwann werden die Stanfords und Harvards mit ihren Online-Shops richtig Geld verdienen – so wie es die Print-Medien seit bald zwanzig Jahren versuchen. Der Markt wächst nicht so rasant wie Facebook, aber inzwischen haben sich weltweit fünf Millionen Studenten in den virtuellen Hörsaal eingeloggt. Das Konzept ist so verführerisch wie eine Plattform, auf der man umsonst Filme gucken kann. Noch besser: Jeder, ob auf der Hallig oder in Sri Lanka, kann MIT oder Yale "besuchen" und muss dabei keinen längeren Weg in Kauf nehmen als den zwischen Bett und Küchentisch. Er kann dem Nobelpreisträger sogar im Liegen lauschen.

Derlei entspannte Position mag dazu beitragen, dass ein Coursera-Kurs in Bioelektrizität, gelehrt von einer Koryphäe der Duke University, eine Drop-out-Quote von 97 Prozent hatte. In der New York Times resümiert A. J. Jacobs, Reporter des Esquire- Magazins, seinen Selbstversuch: "Meine Abbruch-Rate war nicht ganz so schlimm. Angefangen habe ich elf Kurse, beendet zwei." Der Grund: "Das Hinschmeißen kostet nichts; es gibt keine soziale Ächtung fürs Dilettieren."

"Sozial" ist das Schlüsselwort. Die Gesellschaft, die sich im Netz formiert, ist virtuell – unwirklich. Der Ausstieg ist so einfach wie der Einstieg. Wie kann da jene "Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden" entstehen, die in Padua und Prag gewachsen ist und noch heute im Seminar fortbesteht? Der Student hat den Star-Prof dicht vor seiner Nase, aber in Wahrheit ist der ein paar Tausend Kilometer weit weg. Die Nähe gerät zur Illusion. Wie kann dann der eine den anderen inspirieren oder korrigieren? Wie entstünde das adrenalintreibende Duell, in dem Argument und Widerspruch in Echtzeit aufeinanderprallen? Bei Coursera gibt es keinen "sokratischen Dialog" zwischen Dozenten und Studenten. Oder ganz simpel: Worüber man nicht redet, vergisst man so schnell, wie man es gehört hat. Twitter und Chatroom sind kein Ersatz für geistige Geselligkeit, sei’s in der Mensa oder WG.

In Wahrheit – welche Ironie! – sind Moocs letztlich die Fortführung der uralten Vorlesung mit anderen Mitteln – wo der eine doziert und der andere notiert. In beiden Fällen entsteht nicht das vitale Mit- und Gegeneinander, das Erlernen durch Erfahren, das nur das genauso alte Seminar- und Laborsystem im realen Raum gewährleistet. Richtig: Dieses System ist so uncool wie teuer. Aber es muss einen Grund haben, weshalb das sokratische Gymnasium seit 2500 Jahren noch jeden Technologie-Sprung überlebt hat. Möge es nicht im Getwitter untergehen.

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Leserkommentare
  1. Ob die netzbasierte Vorlesungen erfolgreicher als das Bildungsfernsehen oder Bildungsradio sein werden, wird man sehen. Massenbildung jedenfalls ist nicht neu und hat eine lange Tradition, die sich mit Informationstechnologien verbindet.
    Hier ein Hinweis auf eine Tagung in der es auch um MOOCs und Co geht.
    http://www.dgwf.net/agf/t...

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