Weil hierbei nach ihrer Ansicht aber Fehler gemacht wurden, klagte Fuchs dagegen vor dem Verwaltungsgericht – und bekam Recht. Dieser Streit dauerte sieben Jahre und führte dazu, dass sie etliche Entscheidungen der Arbeitsgerichte noch einmal anfechten und kippen konnte. Mit anderen Worten: Jahrelang wurde in zwei völlig unterschiedlichen Zweigen des Rechtssystems über die gleichen Kündigungen gestritten. "Das ist ein extremer Fall", sagt Matthias Jacobs, Professor an der Bucerius Law School in Hamburg. "Aber das Arbeitsrecht ist generell viel zu kompliziert geworden. Und die Verschränkung mit dem Schwerbehindertenrecht macht Kündigungsschutzprozesse noch unberechenbarer."

Die Bank engagierte teure Anwälte und verlor trotzdem immer wieder

Ein weiterer Grund für den Endlosstreit liegt bei der Bank. Schließlich hat sie nach erfolglosen Kündigungen immer neue ausgesprochen. Egal ob eine Kündigung an der Zustimmung des Integrationsamts scheiterte oder daran, dass Richter erklärten, hier hätte auch eine Abmahnung gereicht. Dabei kämpfte die Bank zeitweilig offenbar mit harten Bandagen. So zitiert das Hessische Landesarbeitsgericht in einem Urteil einen als "glaubwürdig" charakterisierten Zeugen, dem nach eigenen Angaben gedroht worden war, eine Aussage zu Fuchs’ Gunsten könne sein Arbeitsverhältnis bei der Bank "erheblich belasten".

Und obwohl die Bank im Lauf der Jahre viele teure Anwälte engagierte – von namhaften Großkanzleien wie Baker & McKenzie oder Hengeler, Mueller, Weitzel, Wirtz oder Skadden, Arps, Slate, Meagher & Flom –, scheiterte auch zuletzt wieder eine Kündigung in erster Instanz. Laut Urteil wurde der Betriebsrat nicht richtig angehört. Die Bank legte Berufung ein, nun entscheidet die zweite Instanz. Die DZ Bank erklärte auf Anfrage der ZEIT, sie habe mehrfach Angebote zur Einigung gemacht. Darüber hinaus lehnte sie eine Stellungnahme ab.

Dass dieser Konflikt so lange dauert, liegt schließlich auch an Andrea Fuchs. Viele hätten an ihrer Stelle längst kapituliert. Sie dagegen hat diesen Kampf zu ihrem Lebensinhalt gemacht. Sie zeigt eine Liste mit den Gerichtsverfahren, die sie schon geführt hat. Darauf stehen 75 verschiedene Aktenzeichen.

Um das Jahr 2003 herum sah es schon so aus, als ob sie endgültig verloren hätte. "Mir ging es damals sehr schlecht", erzählt sie. Viele Freunde und Verwandte hätten sich abgewandt. "Sie konnten einfach nicht verstehen, dass ich meinen Arbeitgeber verklage und dass ich immer weitermache." In dieser Zeit muss ihr der Kampf zur Obsession geworden sein. Sie schrieb ein Buch, mehr als 500 Seiten dick, mit dem Titel Die Judasbank. Ein Erlebnisbericht. Darin wettert sie gegen alles und jeden, gegen Kollegen, Vorgesetzte, Richter und Betriebsräte. Viele tituliert sie mit Spitznamen wie Wichtl, Bückling oder Sensemann. Sie spekuliert über eine "Totmacher-Kampagne" gegen sich und erhebt zum Teil haarsträubende Vorwürfe gegen die DZ Bank. Das Buch erschien 2004 und ist der Grund für die zwei jüngsten, noch nicht entschiedenen Kündigungen.

Die extreme Bitterkeit und Wut, die aus diesem Buch spricht, ist Andrea Fuchs heute nicht anzumerken. In zahlreichen Telefonaten, in vielen Mails und langen persönlichen Gesprächen äußert sie sich immer ausgesprochen sachlich, höflich, sie macht sogar Scherze, und einmal sagt sie selbst über einen Kollegen, dem sie eine Lüge unterstellt, der sei eigentlich ein netter Mensch.

Am Montag kommender Woche wird wieder einmal über "DZ Bank gegen Andrea Fuchs" verhandelt. In Raum B 106 des Hessischen Landesarbeitsgerichts. Es geht in zweiter Sitzung um ihre neunzehnte Kündigung, nach Zählung von Fuchs. Verliert sie, will sie vor das Bundesarbeitsgericht ziehen. Gewinnt sie, beginnt das nächste Verfahren. Denn die zwanzigste Kündigung liegt schon vor. Der Streit geht also weiter.