ZEITmagazin: Frau Sawatzki, wie nah reichen Ihre Rollen an Ihr wahres Selbst heran?

Andrea Sawatzki: In dem Moment, in dem man die Rolle spielt, ist man sie, aber schon eine Sekunde später nicht mehr. Die meisten Rollen hören dann doch an der Oberfläche auf und lassen einen nach Drehschluss wieder allein mit sich. Ich war an der Entwicklung des Charakters von Charlotte Sänger, der Tatort-Kommissarin, mit beteiligt. Dieses Sich-nicht-öffnen-Können anderen gegenüber, dieses Introvertierte, Ängstliche, keine Liebe geben oder empfangen zu können, das hatte aber schon mit mir zu tun, auch wenn ich das nie zugegeben hätte.

ZEITmagazin: Kennen Sie das Gefühl, sich selbst fremd zu sein?

Sawatzki: Als ich 13 war, starb mein Vater. Ich konnte aber nicht trauern, was sicher auch daran lag, dass mein Vater schwer krank gewesen war: Er hatte Alzheimer, und er hat mich als Tochter nicht mehr erkannt. Meine Mutter und ich sind erst zu ihm gezogen, als ich acht Jahre alt war. Wir sind uns fremd geblieben, es konnte keine Liebe zwischen uns wachsen. Für mich war meine Empfindungslosigkeit verwirrend. Ich fühlte eine Schuld, die ich damals nicht verstand.

ZEITmagazin: Mit wem konnten Sie denn über Ihre Gefühle sprechen?

Sawatzki: Mit niemanden. Damals sprach man nicht über Gefühle, es galt, durchzuhalten. Alzheimer war in den achtziger Jahren ein gesellschaftliches Tabuthema.

ZEITmagazin: Wie hat diese Erfahrung Ihre Bindungsfähigkeit beeinflusst?

Sawatzki: Ich hatte Angst davor, Gefühle zu empfinden, und auch Angst vor Verlust. Ich wusste aber nicht, was der Grund dafür war. Anfangs habe ich versucht, mich über die Schauspielerei quasi zu therapieren, indem ich mich in andere Menschen verwandelt habe. Sicher habe ich den Beruf auch gewählt, weil ich die Illusion hatte, dass einen die Menschen mögen, wenn man gut spielt. Man wünscht sich diese Liebe, aber die Zuschauer mögen am Ende ja nur die Rolle. Man selbst bleibt der, der man ist. Erst in den letzten Jahren habe ich verstanden, dass man sich selbst nicht beschummeln kann. Man muss sich der Vergangenheit irgendwann stellen, wenn es unverarbeitete, verdrängte Erlebnisse gibt. Das ist ein mühsamer Weg, aber in der Trauerarbeit liegt sehr viel Positives.