Seit fast 30 Jahren dieselbe Frisur: Rod Stewart © Universal Music

DIE ZEIT: Mr. Stewart, Sie waren auch berühmt für das Verwüsten von Hotelzimmern. Sind Sie noch auf schwarzen Listen einiger Luxusetablissements?

Rod Stewart: Nein, die haben mir vergeben. Es dauerte halt etwas länger, bis ich ein braver Gast wurde. Die einzig aufregende Erinnerung an diesen schönen Laden, in dem wir hier sitzen, ist sowieso, dass ich in der Hoteldisco meine Frau Penny Lancaster kennengelernt habe.

ZEIT: Ahnten Ihre Frauen eigentlich, dass es eine Zeit gab, in der Sie sich kein Hotel leisten konnten?

Stewart: Daraus machte ich nie ein Geheimnis. Im Gegenteil, mit Penny bin ich sogar mal nach Paris gefahren, wo ich als Teenager die schönste Zeit meines Lebens als abgebrannter Straßenmusiker unter freiem Himmel verbrachte. Da spielte ich Blues-Klassiker und Dylan-Songs an einem Brunnen. Bei diesem Brunnen trank ich mit Penny neulich einen Kaffee. Der Witz an der Sache war, dass da tatsächlich ein Knabe mit Gitarre saß, der ebenso zerzaust aussah wie ich damals, und meinen Song Tonights the Night zum Besten gab. Zum Glück erkannte der mich nicht, denn ich war wirklich zu Tränen gerührt. Diese romantische Vorstellung, wie der Kreis des Lebens sich schließt. Aber das ist auch ein ziemlich guter Song von mir.

ZEIT: Was macht einen Rod-Stewart-Song aus?

Stewart: Meinen Sie einen guten oder einen schlechten Rod-Stewart-Song?

ZEIT: Sowohl als auch!

Stewart: Fangen wir mit den schlechten an! Denn es gibt spektakulär verunglückte Rod-Stewart-Songs, das weiß ich auch. Der erste Song, den ich mit Ronnie Wood für ein Jeff-Beck-Album schrieb, war so missraten, dass ich sogar den Namen verdrängt habe. Aber ich schäme mich nicht dafür, denn Ronnie und ich lernten ja noch unser Handwerk. Wir waren gerade zwanzig, wollten die Welt erobern und wussten nur nicht so genau, wie eigentlich.

ZEIT: Ist Do Ya Think I’m Sexy ein guter oder ein schlechter Rod-Stewart-Song?

Stewart: Meinem Publikum gefällt er. Ich bin ein Dienstleister, meine Fans zahlen Eintritt, um mich Songs singen zu hören, die ihnen etwas bedeuten. Wer wäre ich, wenn ich da geschmäcklerisch auf einige Bestseller verzichten würde, nur weil sie mir nicht mehr gefallen?

ZEIT: Kritiker werfen Ihnen seit Langem vor, dass Sie Ihr großes musikalisches Talent als Songwriter missbraucht hätten, um schnell an Geld und Blondinen zu kommen. Ihr alter Fan, der legendäre BBC-DJ John Peel, war sehr enttäuscht von Ihnen. Im US-Fachblatt Rolling Stone schrieb ein Autor: "Selten hat jemand sein Talent so weggeschmissen wie Rod Stewart!" – Können Sie das nachvollziehen?

Stewart: Diesen Vorwurf habe ich mir oft anhören müssen. Der amerikanische Starkritiker Lester Bangs machte mir das auch immer wieder deutlich. Er schrieb: "Rod Stewart ist längst eine Parodie seiner selbst." Und wissen Sie was? Die haben recht! Das meine ich ernst! Was soll ich da abstreiten? Es gab eine Zeit, in der mein Leben entgleist ist,in der ich zu einer Parodie meiner selbst wurde, nur noch Geld verdienen wollte und mich für Gottes Geschenk an die Frauen hielt. Es war eine finstere Periode meines Lebens, was die Musik angeht.

ZEIT: Welche Jahre meinen Sie genau?

Stewart: Die achtziger Jahre. Mein Album Blondes Have More Fun war schlimm, da kreiste alles nur um Sex und Frivolität.

ZEIT: Bereuen Sie diese Jahre?

Stewart: Nein! Keine Sekunde! Ich hatte ja persönlich eine wahnsinnig aufregende Zeit. Nur die Musik war eben schlecht. Wenn ich heute an diese Zeit denke, überkommt mich da eher so ein Gefühl von Melancholie, das auch einige Songs meines neuen Albums prägt. Aber ich habe kein Problem mit Melancholie. Manchmal ist sie sogar sehr wohltuend.

ZEIT: Die meisten Texte Ihres neuen Albums sind aus der Perspektive eines in die Jahre gekommenen Mannes geschrieben, der Bilanz zieht. Keine Spur mehr von Hot Legs und Blondes Have More Fun! Sind Sie jetzt offiziell alt?

Stewart: Vermutlich! Nun ja, nur bedingt. Da ist ja immer noch ein Song wie Sexual Religion, der an meine wilderen Zeiten erinnert. Aber den habe ich wiederum über meine Ehefrau geschrieben, genauer gesagt, über den Abend, an dem ich sie in der Hoteldisco kennenlernte. Ja, ich bin wohl alt. Ich habe alle neuen Songs nüchtern verfasst und dann zuerst meiner Frau vorgespielt – die übrigens das Porträt von mir auf der Plattenhülle fotografiert hat. Und Pure Love, der letzte Song auf dem Album, ist sogar über meine Kinder.