Roger Waters liebt es, zornig zu sein. Dieser Multimillionär und Großmogul der Popmusik pflegt seinen Zorn, weil er ihn auf Tuchfühlung mit den sogenannten kleinen Leuten hält. Schließlich: Was haben die kleinen Leute außer ihrem Zorn?

Er sitzt im siebten Stock in einem Fauteuil des Hotels Mandarin Oriental, London, Knightsbridge, die Baumwipfel des Hyde Park sind durchs Fenster zu sehen, und der große hagere Mann rutscht beim Gespräch immer tiefer, als sei es seine Pflicht, wenn schon nicht unbequem zu leben, so doch wenigstens unbequem zu sitzen. Als könne es mit dem Luxus im nächsten Moment vorbei sein. Er wäre darauf vorbereitet. Er trägt seine übliche Kleidung, mit der er auf Promo-Fotos und übrigens auch auf der Bühne zu sehen ist, Jeans, schwarzes T-Shirt, Turnschuhe.

Als wir auf Tony Blair zu sprechen kommen, den Herold von New Labour und von Cool Britannia, sagt er: "Ich liebe es, dass Blair gehasst wird. Ich sah kürzlich ein Bild, auf dem Jimmy Savile, Sie wissen schon, der verstorbene Kinderschänder, zusammen mit Blair abgebildet war. Und drunter stand: Der meistgehasste Mann Englands, hier zu sehen mit Mr. Jimmy Savile."

Verachtet er Blair so sehr?

"Oh ja, ich verachte ihn. Er zerrt mein Land in den Krieg gegen den verdammten Irak! Ohne jeden Grund! 87 Prozent meiner Landsleute waren dagegen, und er tat es doch! Schickte unsre Jungs dort runter! Und dann ist er noch zum Katholizismus konvertiert. Was soll das alles?"

Man spürt in Waters’ lakonischem Wesen ein Hinterland aus trockenem Zorn, das nur darauf wartet, durch einen Gesprächsfunken entzündet zu werden. Im Flackerlicht dieses Zorns sieht man dann, wie alles zusammenhängt: der Großkapitalismus und der Krieg, beispielsweise.

In seiner Show The Wall wird viel mit Videoprojektionen gearbeitet, man sieht, wie ein Flugzeug lauter Bomben abwirft, und diese Bomben entpuppen sich in der Großaufnahme als Christuskreuze, Davidsterne, Halbmonde, Mercedessterne, Dollarzeichen.

Vom Zorn der Zivilsation hinter brüchigen Mauern

The Wall war das letzte Studioalbum der Gruppe Pink Floyd, es kam 1979 heraus und hat ein Eigenleben als Großmetapher entwickelt, wie es vermutlich nur die eher simplen Zeichensysteme tun: Nach dem Fall der Mauer organisierte Waters ein Wall-Konzert auf dem Potsdamer Platz, damals kamen 300.000 oder 400.000 Leute und feierten das Ende des Kalten Krieges, indem sie We Don’t Need No Education sangen.

Seit September 2010 ist Waters mit einer erneuerten Version von The Wall auf Welttournee, im Sommer spielt er in deutschen Fußballstadien. Er braucht diese Dimensionen, denn The Wall handelt von gewaltigen Kräften: von dem Zorn, den unsere Zivilisation hinter hohen, aber brüchigen Mauern staut. Der Clou der Bühnenshow ist, dass eine Wand aus Leichtbauteilen erst mühsam errichtet und dann triumphal eingerissen wird. Man kann das als Illustration von nahezu allem deuten: der Entfremdung der Menschen, des Sieges der Propaganda über den Verstand, der Allmacht des Krieges.

Die alten Zeiten voller Frustration

Waters hat erreicht, was Millionen gern erreichen würden. Er ist, wie er selbst sagt, "on a happy ship". In früheren Zeiten wirkte er oft frustriert, und er war jahrelang in Therapie. Wenn man ihn darauf anspricht, erzählt Waters eine Geschichte, die er in Varianten immer wieder in der Öffentlichkeit erzählt. Er erzählt sie auch mir.

Zwei große Gründe gebe es für seine Frustration, sagt er. Erstens: die Familiengeschichte. Er hat seinen Vater verloren, als er selbst neun Monate alt war: Eric Fletcher Waters, Sohn eines Minenarbeiters, frommer Christ, Mitglied der kommunistischen Partei. Gefallen im Zweiten Weltkrieg – im Kampf gegen die Deutschen. Auch sein Großvater fiel im Krieg, 1916 – im Kampf gegen die Deutschen.

Die zweite Unglücksquelle: Popgeschichte. Deren kurze Version lautet: Waters ist Verrätern zum Opfer gefallen. Ehemalige Verbündete haben versucht, ihm sein Lebenswerk zu rauben.