Welche wichtigen Dinge habt ihr von eurem Vater gelernt und welche von eurer Mutter?" Die Frage der Referentin verhallt erst einmal im Raum F106 der Universität Hildesheim. Es ist ein grauer Montagmorgen Ende März, 17 Lehramtsstudierende sitzen sich in zwei Stuhlkreisen zum Kennenlernspiel gegenüber. Gerade kamen die Antworten von ihnen noch wie aus der Pistole geschossen. "Über welche Stereotype habt ihr euch schon mal aufgeregt?" war zum Beispiel einfach. "Darüber, dass Mädchen immer rumzicken!", hatte Henrike Müller, 29, gesagt. "Darüber, dass Männer nicht mehrere Dinge gleichzeitig machen können", meinte Simon Böker. Er trägt Brille, Jeans, zwei T-Shirts übereinander, ist 21 und eigentlich schlagfertig, doch jetzt muss auch er überlegen: "Vom Vater habe ich gelernt, die Reifen am Fahrrad aufzupumpen", sagt er schließlich. Und von der Mutter? "Vielleicht, wie man mit Emotionen umgeht."

Ziemlich klischeehaft, oder? Die Studentinnen und Studenten grinsen, doch gerade deshalb sind sie hier: "Willkommen zum Gendertraining" steht hinter Simon Böker, Henrike Müller und den anderen an der Tafel. In den folgenden beiden Tagen sollen die angehenden Lehrer und Lehrerinnen ihre eigenen Rollenklischees hinterfragen und erkennen, um anschließend Schülern "Entfaltungsräume jenseits traditioneller Rollenzuschreibungen eröffnen zu können", wie es ein wenig umständlich im Flyer zur Veranstaltung heißt. Simon Böker übersetzt das für sich so: "Ich möchte jeden einzelnen Schüler ganz individuell sehen und mich immer wieder fragen: Was braucht das jeweilige Kind?" In Hildesheim geben die Studenten schon vom zweiten Semester an einzelne Unterrichtsstunden. Das Training ist begehrt, es ist eine Mischung aus Genderquiz mit Fragen wie "Wann hat der DFB das Fußballverbot für Frauen aufgehoben?", Rollenspielen, Gruppenarbeit und einer Schulbuchanalyse. Bereits zum dritten Mal findet es statt, und auf der Warteliste für das kommende Wintersemester stehen schon wieder 30 Interessierte.

"Wer weiß, welches Bild er selbst von Geschlechterrollen, von Frauen und Männern hat, geht auch bewusster mit Jungen und Mädchen um", sagt Sabine Hastedt von der Universität Hildesheim. Sie organisiert das Seminar im Rahmen des Projektes "Männer und Grundschullehramt", das dafür sorgen will, dass Geschlechterstereotype rund um den Beruf hinterfragt werden und sich mehr männliche Schüler dafür entscheiden, Grundschulpädagogik zu studieren.

2011 gab es an deutschen Grundschulen nur 13 Prozent männliche Lehrer. Dass das so ist, liegt nicht nur daran, dass die Lehrkräfte dort im Vergleich zu ihren Kollegen an den Gymnasien weniger verdienen und es kaum Aufstiegschancen gibt – es hat vor allem auch mit Rollenklischees zu tun: Der Beruf gilt als weiblich. "Um kleine Kinder kümmern sich Frauen, diese Meinung hat sich mittlerweile in den Köpfen festgesetzt – die eigentlichen Anforderungen des Berufes werden kaum beachtet", sagt Sabine Hastedt. Und: "Sie werden sich noch tiefer festsetzen, je weniger Lehrer es an Grundschulen gibt und je länger Lehrkräfte Schüler und Schülerinnen bewusst und unbewusst in bestimmte Rollen zwängen und ihnen so vermitteln, dass es typisch weibliche und typisch männliche Eigenschaften gibt."

Wie stark die Rollenbilder wirken, hat Simon Böker schon selbst gemerkt. "Wenn ich anderen erzähle, dass ich später Grundschullehrer werden will, dann werde ich manchmal komisch angeschaut." Doch gerade der Unterricht mit jüngeren Schülern ist für ihn kein Kinderkram. "Grundschüler sind sehr anspruchsvoll. Sie reagieren auf das, was man macht, sofort gut oder schlecht. Daher muss man als Lehrer auch in jeder Sekunde an sich selbst arbeiten, um den Kindern gerecht zu werden." Vor seinem Bachelorstudium in den Fächern Deutsch und Musik hat Böker eine Ausbildung zum Sozialassistenten an einer Grundschule gemacht, an der es fast nur Lehrerinnen gab. "Als Mann konnte ich die Beziehung zu den Kindern ganz anders gestalten, sie hatten sofort Respekt, und für die Jungen war ich der erste Ansprechpartner", sagt Böker. Wenn sie auf dem Pausenhof Fußballspielen wollten, sind sie zu ihm gekommen. "Aber das ist natürlich auch so ein Stereotyp."