Sexualität : Vom Himmel auf Erden

Wissen wir wirklich alles über Sex? Ein Gespräch mit dem Sexualpsychologen Christoph Joseph Ahlers

ZEITmagazin: Herr Ahlers, noch nie war Sex so sichtbar und leicht verfügbar wie in unserer Zeit, noch nie gab es so viel Offenheit gegenüber allen möglichen Spielarten. Wie würden Sie einem Außerirdischen erklären, was das eigentlich ist: Sex?

Christoph Joseph Ahlers: Sex ist die intimste Form von Kommunikation, die uns Menschen zur Verfügung steht. Unsere Möglichkeit, Liebe leiblich zu erleben. Das fängt weit vor genitaler Interaktion an. Es beginnt damit, dass wir uns auf eine Art berühren, die uns etwas bedeutet.

ZEITmagazin: Deshalb erinnern sich die meisten Menschen an ihr erstes Mal ein Leben lang, obwohl tatsächlich vielleicht ein Arzt die erste fremde Person war, die ihre Genitalien berührte?

DR. CHRISTOPH JOSEPH AHLERS
Dr. Christoph Joseph Ahlers© Alexander Gehring

44, ist Klinischer Sexualpsychologe und Leiter einer Praxis für Paarberatung und Sexualtherapie in Berlin. Davor arbeitete er zehn Jahre lang am Institut für Sexualwissenschaft der Charité. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die Beratung bei partnerschaftlichen Beziehungsstörungen sowie die Behandlung bei sexuellen Funktions-, Präferenz- und Verhaltensstörungen

Ahlers: So ist es. Ob wir etwas als erotisch erleben oder nicht, hängt nicht nur davon ab, was auf der Handlungsebene passiert, sondern vor allem davon, wie wir es bewerten. Deshalb kann es passieren, dass sich jemand vor uns auszieht, und wir werden dadurch erregt. Aber wenn jemand anders das Gleiche tut, schielen wir nach dem Ausgang.

ZEITmagazin: Sex ist also, wenn es erregend ist?

Ahlers: Erregungslust ist, neben der Fortpflanzung, der Aspekt, den die meisten Menschen als Erstes mit Sex in Verbindung bringen. Aber seine zentrale Bedeutung besteht darin, dass wir durch Sex psychosoziale Grundbedürfnisse erfüllen können, die Männer und Frauen gleichermaßen erstreben: Angenommensein, Zugehörigkeit. Alles, was wir im Leben tun, zielt darauf ab: Wenn ich einen guten Job bekomme, die richtige Wohnung habe, sind das alles Ableitungen der Botschaft: Ich bin okay. Und die intensivste Form, das zu spüren, ist sexuelle Körperkommunikation. Das ist die tiefere Bedeutung von Sex. Das, was die Kirche Himmel nennt. Und die frohe Botschaft der Sexualpsychologie ist: Ein bisschen was davon können wir auch auf Erden haben.

ZEITmagazin: Das ist aber ein großes Versprechen...

Ahlers: Eher eine Beschreibung unserer Wesensart – wir sind auf Bindung programmiert, und das ist es, worum es auch beim Sex im besten Fall geht: Erlösung durch Überwindung von Vereinzelung. Lust kann sich jeder selber machen oder jemanden mieten, der sie einem macht. Fortpflanzung kann man mittlerweile von Sex abkoppeln. Das Einzige, was wir nicht alleine hinkriegen, ist das Gefühl, angenommen zu sein. Und darum tun wir uns auch heute noch als Paare zusammen und wollen auch in langjährigen Partnerschaften im Idealfall immer wieder miteinander schlafen.

ZEITmagazin: Warum ist denn ausgerechnet Sex der direkteste Weg in dieses Paradies?

Ahlers: Weil die körperliche Erfahrbarkeit von Bindung in unserer stammesgeschichtlichen Entwicklung aus einer Zeit stammt, die vor dem Spracherwerb liegt. Früher dachten die Verhaltensforscher: Affen lausen sich. Mittlerweile wissen wir: Die führen Beziehungen. Körperkontakt war unsere prominente Kommunikationsform über Jahrtausende hinweg, und daher rührt der Umstand, dass wir uns nur über Berührungen wirklich beruhigen können.

ZEITmagazin: Hat das vielleicht auch mit der Erinnerung an die Kindheit zu tun: Wenn alles gut läuft, beginnt das Leben eines Menschen ja damit, dass er gestreichelt, geküsst, umsorgt wird – einfach deshalb, weil er da ist.

Ahlers: Das wäre dann die Ebene der Individualentwicklung: Die Fähigkeit, durch innigen Hautkontakt Stress zu dämpfen und Wohlgefühl heraufzuregulieren, wohnt uns inne und wird mit dem Moment nach der Geburt, in dem wir unserer Mutter auf den Bauch gelegt werden, auch neuronal etabliert. Darum hört das Thema Sex für uns lebenslang nicht auf. Selbst wenn irgendwelche Sexualfunktionen nicht mehr gegeben sind.

ZEITmagazin: Wenn wir davon ausgehen, dass die wichtigste Funktion von Sex Kommunikation ist...

Ahlers: ...die wichtigste und die, für die wir am wenigsten Bewusstsein haben...

ZEITmagazin: ...was bedeutet dann folgende sexuelle Situation: Zwei Menschen beschließen, an einem warmen Frühlingstag...

Ahlers: ...das können Sie nur die beiden selbst fragen. Es gibt Personen, die haben einen Orgasmus beim Küssen, und es gibt andere, die haben Analverkehr vorm Spiegel und empfinden dabei nichts. Wir können also nur die Beteiligten fragen, was das für sie bedeutet. Wenn ich das in meiner Praxis mache, blicke ich meist in fragende Gesichter. Wir haben kaum Bewusstsein für die Hintergründe unseres sexuellen Handelns.

ZEITmagazin: Welche Motive begegnen Ihnen denn besonders oft?

Ahlers: Viele Männer erleben Sex als einen wichtigen Grund, überhaupt eine feste Beziehung einzugehen – neben Bindungswünschen, die natürlich auch Männer haben. Wenn es dann, nach Etablierung der Beziehung keinen Sex mehr gibt, steht für sie die Beziehung infrage. Der Deal ist geplatzt – sie fühlen sich verarscht. Anders herum ist für viele Frauen Sex als Pfand für Beziehung immer noch ein häufiges, oft unbewusstes Motiv. Als Pfand, das sie gelernt haben, geben zu müssen, im Tausch für Bindung und Sicherheit. Also geben sie Sex vor allem dann, wenn die Bindung noch nicht gefestigt oder gefährdet ist.

ZEITmagazin: Das heißt, ein Mann, dessen man sich nie ganz sicher sein kann, ist sexuell attraktiver als der, der emotional beständig ist?

Ahlers: Ja, vor allem dann, wenn eine Frau Sex nicht als Ausdruck von Bindung erleben kann. Und wenn der Mann dann nach einem Streit nach Hause kommt, gibt es Granatensex, in der Hoffnung, dass die Verbindlichkeit wiederhergestellt werden möge. Das ist auch der Grund, warum Versöhnungs-Sex so großartig sein kann.

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Kommentare

433 Kommentare Seite 1 von 46
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Schreiend wegrennen?

Ähh, wenn ich als Partner meines Gefährten der Ort bin, an dem er zur Ruhe kommen, wo er sich verstecken, verkriechen, zu sich kommen kann, dann würde ich nicht schreiend weglaufen. Ganz im Gegenteil.
Denn erstens beruht das auf Gegenseitigkeit. Auch ich kann mich bei meinem Partner verkriechen, verstecken, zur Ruhe kommen. Wir bilden einander eine Familie, wo wenn nicht dort soll man denn zur Ruhe kommen können?
Wie gesagt, oft reicht ja schon bloßer Körperkontakt. Und wenn ein Mann nicht lernen musste, dass er diesen nur durch Sex bekommt, dann bleibt es bei einer liebevollen Umarmung. Haben wir denn nicht alle hin und wieder das Bedürfnis uns vor der garstigen Welt da draußen zu verstecken und jemand macht "Ei, ei, alles wird gut, hab dich lieb"?

Rollenspiele

Es gibt doch kaum was schöners, wenn auch Frau ihre Bedürfnisse äußern kann, sowohl für Frau als auch für den Mann. Und ich bin sicher nicht der/die erste der das erfahren hat. Ich kenne Frauen, die zu äußern imstande sind und auch Männer die es sehr schätzen. Dein Wunsch ist also zumindest schon in einem Teil deiner Gesellschaft angekommen. Aber, und da spanne ich wieder den Bogen zum Artikel, hängt es dennoch von der Kommunikation ab, ob es gelingt. Der Wille, das Ideal reichen nicht, wenn das Gegenüber nicht mitspielt bzw. wenig ankommt. Das ist keine Böswilligkeit, vermutlich nicht mal Unfähigkeit, sondern viel Mutlosigkeit und mangelnde oder ungünstige Erfahrungen.

Wenn du von der Rollenzuschreibung sprichst, darfst du nicht die klassische Männerrolle vergessen, welche zusätzlich das sexuelle Miteinander erschwert, weil der Mann kein Gefühle äußern darf oder angeblich nicht kann und er diese Rolle so verinnerlicht hat, dass er glaubt es würde stimmen. Wenn der Mann dann sagt, er wolle Ficken kann das dann genau so viel Gehalt habe wie das Nichtäußern der rollentreuen Frau. Es geht den Männern da also nicht wirklich besser, wenn man den Anspruch an Sexualität beimisst, den der Artikel anspricht.

Wenn ich eine „offenherzige“ Frau abweise obwohl ich Lust hätte, liegt das nicht am Flittchengedanken, sondern eher an dem Gefühl, dass dabei nicht das entsteht, was mir beim Sex wichtig ist. Sex ohne Gefühl empfinde ich als auslaugend und vermeidenswert.

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