ZEITmagazin: Herr Ahlers, noch nie war Sex so sichtbar und leicht verfügbar wie in unserer Zeit, noch nie gab es so viel Offenheit gegenüber allen möglichen Spielarten. Wie würden Sie einem Außerirdischen erklären, was das eigentlich ist: Sex?

Christoph Joseph Ahlers: Sex ist die intimste Form von Kommunikation, die uns Menschen zur Verfügung steht. Unsere Möglichkeit, Liebe leiblich zu erleben. Das fängt weit vor genitaler Interaktion an. Es beginnt damit, dass wir uns auf eine Art berühren, die uns etwas bedeutet.

ZEITmagazin: Deshalb erinnern sich die meisten Menschen an ihr erstes Mal ein Leben lang, obwohl tatsächlich vielleicht ein Arzt die erste fremde Person war, die ihre Genitalien berührte?

Ahlers: So ist es. Ob wir etwas als erotisch erleben oder nicht, hängt nicht nur davon ab, was auf der Handlungsebene passiert, sondern vor allem davon, wie wir es bewerten. Deshalb kann es passieren, dass sich jemand vor uns auszieht, und wir werden dadurch erregt. Aber wenn jemand anders das Gleiche tut, schielen wir nach dem Ausgang.

ZEITmagazin: Sex ist also, wenn es erregend ist?

Ahlers: Erregungslust ist, neben der Fortpflanzung, der Aspekt, den die meisten Menschen als Erstes mit Sex in Verbindung bringen. Aber seine zentrale Bedeutung besteht darin, dass wir durch Sex psychosoziale Grundbedürfnisse erfüllen können, die Männer und Frauen gleichermaßen erstreben: Angenommensein, Zugehörigkeit. Alles, was wir im Leben tun, zielt darauf ab: Wenn ich einen guten Job bekomme, die richtige Wohnung habe, sind das alles Ableitungen der Botschaft: Ich bin okay. Und die intensivste Form, das zu spüren, ist sexuelle Körperkommunikation. Das ist die tiefere Bedeutung von Sex. Das, was die Kirche Himmel nennt. Und die frohe Botschaft der Sexualpsychologie ist: Ein bisschen was davon können wir auch auf Erden haben.

ZEITmagazin: Das ist aber ein großes Versprechen...

Ahlers: Eher eine Beschreibung unserer Wesensart – wir sind auf Bindung programmiert, und das ist es, worum es auch beim Sex im besten Fall geht: Erlösung durch Überwindung von Vereinzelung. Lust kann sich jeder selber machen oder jemanden mieten, der sie einem macht. Fortpflanzung kann man mittlerweile von Sex abkoppeln. Das Einzige, was wir nicht alleine hinkriegen, ist das Gefühl, angenommen zu sein. Und darum tun wir uns auch heute noch als Paare zusammen und wollen auch in langjährigen Partnerschaften im Idealfall immer wieder miteinander schlafen.

ZEITmagazin: Warum ist denn ausgerechnet Sex der direkteste Weg in dieses Paradies?

Ahlers: Weil die körperliche Erfahrbarkeit von Bindung in unserer stammesgeschichtlichen Entwicklung aus einer Zeit stammt, die vor dem Spracherwerb liegt. Früher dachten die Verhaltensforscher: Affen lausen sich. Mittlerweile wissen wir: Die führen Beziehungen. Körperkontakt war unsere prominente Kommunikationsform über Jahrtausende hinweg, und daher rührt der Umstand, dass wir uns nur über Berührungen wirklich beruhigen können.

ZEITmagazin: Hat das vielleicht auch mit der Erinnerung an die Kindheit zu tun: Wenn alles gut läuft, beginnt das Leben eines Menschen ja damit, dass er gestreichelt, geküsst, umsorgt wird – einfach deshalb, weil er da ist.

Ahlers: Das wäre dann die Ebene der Individualentwicklung: Die Fähigkeit, durch innigen Hautkontakt Stress zu dämpfen und Wohlgefühl heraufzuregulieren, wohnt uns inne und wird mit dem Moment nach der Geburt, in dem wir unserer Mutter auf den Bauch gelegt werden, auch neuronal etabliert. Darum hört das Thema Sex für uns lebenslang nicht auf. Selbst wenn irgendwelche Sexualfunktionen nicht mehr gegeben sind.

ZEITmagazin: Wenn wir davon ausgehen, dass die wichtigste Funktion von Sex Kommunikation ist...

Ahlers: ...die wichtigste und die, für die wir am wenigsten Bewusstsein haben...

ZEITmagazin: ...was bedeutet dann folgende sexuelle Situation: Zwei Menschen beschließen, an einem warmen Frühlingstag...

Ahlers: ...das können Sie nur die beiden selbst fragen. Es gibt Personen, die haben einen Orgasmus beim Küssen, und es gibt andere, die haben Analverkehr vorm Spiegel und empfinden dabei nichts. Wir können also nur die Beteiligten fragen, was das für sie bedeutet. Wenn ich das in meiner Praxis mache, blicke ich meist in fragende Gesichter. Wir haben kaum Bewusstsein für die Hintergründe unseres sexuellen Handelns.

ZEITmagazin: Welche Motive begegnen Ihnen denn besonders oft?

Ahlers: Viele Männer erleben Sex als einen wichtigen Grund, überhaupt eine feste Beziehung einzugehen – neben Bindungswünschen, die natürlich auch Männer haben. Wenn es dann, nach Etablierung der Beziehung keinen Sex mehr gibt, steht für sie die Beziehung infrage. Der Deal ist geplatzt – sie fühlen sich verarscht. Anders herum ist für viele Frauen Sex als Pfand für Beziehung immer noch ein häufiges, oft unbewusstes Motiv. Als Pfand, das sie gelernt haben, geben zu müssen, im Tausch für Bindung und Sicherheit. Also geben sie Sex vor allem dann, wenn die Bindung noch nicht gefestigt oder gefährdet ist.

ZEITmagazin: Das heißt, ein Mann, dessen man sich nie ganz sicher sein kann, ist sexuell attraktiver als der, der emotional beständig ist?

Ahlers: Ja, vor allem dann, wenn eine Frau Sex nicht als Ausdruck von Bindung erleben kann. Und wenn der Mann dann nach einem Streit nach Hause kommt, gibt es Granatensex, in der Hoffnung, dass die Verbindlichkeit wiederhergestellt werden möge. Das ist auch der Grund, warum Versöhnungs-Sex so großartig sein kann.