Kunst im ParkGrüne Orte der Versöhnung

Skulpturengärten, wohin das Auge schaut – doch was hat die Kunst zwischen Butterblumen eigentlich zu suchen? Ein Spaziergang in Gedanken von Maximilian Probst

Die "Three Piece Sculpture - Vertebrae' " ("Dreiteilige Skulptur - Wirbel") von Henry Moore in Perry Green, England

Die "Three Piece Sculpture - Vertebrae' " ("Dreiteilige Skulptur - Wirbel") von Henry Moore in Perry Green, England  |  © Matthew Lloyd/Getty Images

Alles geht, anything goes: Vielleicht war dieser Lehrsatz der Postmoderne doch zu ungenau, und es hätte heißen sollen: Alles geht mit allem. Schwarz geht mit Grün, Schokolade geht mit Chili, Sakko geht mit T-Shirt, knallhartes Geschäft geht mit legerer Kreativität, Beruf mit Familie, und Kunst geht mit Natur.

Das könnte auch die wachsende Popularität von Skulpturengärten erklären. Kaum ein Jahr vergeht, ohne dass ein solcher Garten in den angrenzenden Grünflächen eines Museums eröffnet, ohne dass auf irgendeiner abgelegenen Allmendewiese die Kunst ins Kraut schießt. Das Ergebnis sind Gärten, die den modernen Multitasker in uns ansprechen (und den alten Sparfuchs – Buy one, get one free): Warum trennen, was man zusammen haben kann! Idealerweise hat sich beides gegenseitig zu befördern und befruchten. Die Sumpfdotterblume soll noch gelber leuchten, wenn sie sich an den Busen einer Nixe am Rande eines Tümpels schmiegt. Die enigmatische Stahlskulptur kann sich etwas von der unzweifelhaften Würde einer benachbarten Birke borgen.

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Der Skulpturengarten, wie er heute zu Ehren kommt, ist aber auch einem moralisch-pädagogischen Glaubenssatz entwachsen. Er soll die Versöhnung von Mensch und Natur feiern, oder besser gesagt, daran gemahnen, weil ja die Geschichte zwischen Mensch und Natur eher zu schlechtem Gewissen als zur Feier Anlass gibt. Eingedenk der Schändung der Natur durch Menschenhand wäre dann der Skulpturengarten ein Versuch, herauszutreten aus dem finsteren Schatten der Selbstherrlichkeit des Menschen, ein Versuch, den Alb des Anthropozentrismus abzuschütteln, ein Wiedergutmachungsversuch an der Natur. Er soll augenfällig machen, dass der Mensch mit seiner Kunst in diese Welt passe.

Diese Gärten muss man sehen

Museum Insel Hombroich: Ein weitläufiger Park mit Tümpeln, Terrassen und Auen, Ausstellungspavillons und Skulpturen unter dem Cézanneschen Motto: »Kunst parallel zur Natur«

Neue Nationalgalerie: Ummauerter Skulpturengarten alten Schlages; die Architektur des Hauses nimmt das spärliche Grün in seinen Dienst

Skulpturenpark Köln: Wechselausstellungen, die sich der »Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Skulptur« widmen (dazu gehört auch das kleine Freibad, das auf unserer Deutschlandkarte zu sehen ist)

Skulpturenpark Waldfrieden: Verwildertes Ausstellungsgelände in Wuppertal, auf dem der britische Bildhauer Tony Cragg eigene Werke und die Arbeiten prominenter Kollegen zeigt

Viersener Skulpturensammlung: Besticht durch seine Internationalität mit Werken von Roberto Matta, Mark di Suvero und Wang Du

Thieles Garten: Parklandschaft in Bremerhaven, vorwiegend mit Aktskulpturen der Künstlerbrüder Gustav und Georg Thiele

Allerdings darf dieser Nachweis nicht vorschnell erbracht werden. Alles Naturalistische, das wie gemacht für Skulpturengärten erscheint, weil es zu einer unmittelbaren Identifikation von Menschlichem und Natürlichem neigt, geht deshalb gar nicht. Das betrifft all die Skulpturen von gertenschlanken Schönen, die ihre Hände dem Himmel entgegenstrecken, bärtigen Waldschraten oder hopsenden Kindern: als wäre die Versöhnung von Mensch und Natur so einfach zu haben wie ein Strauß Gänseblümchen.

Am besten bewähren sich in den Skulpturengärten wohl Kunstwerke, denen eine gewisse Bescheidenheit eignet, Kunstwerke, die nicht nach dem Vermögen des Menschen fragen, sondern nach seinen Grenzen. Kontingenz und Unverfügbarkeit sind Kennzeichen solcher Werke, die dem alten künstlerischen Imperativ der totalen Materialbeherrschung spotten. Statt auf den idealistischen Kanon des Guten, Wahren und strahlend Schönen setzen sie auf das Verworfene, Unbrauchbare, Schweigsame und Sichentziehende. Richards Serras Bleche passen beispielsweise in Skulpturengärten, auch Henry Moores Werke, zumindest seine abstrakten.

Aber auch abstrakte Kunst hat es noch schwer im Grünen. Ein mittelmäßiges Werk kann durchaus reizvoll sein im Foyer einer kleinstädtischen Behörde. An der frischen Luft hingegen zeigt es sich nicht mal den Grashalmen gewachsen, die zu seinen Füßen sprießen. Natur ist halt der unbarmherzigste Rahmen, in dem man Kunst zeigen kann. In der schlichten Schönheit ihrer reinen Gegebenheit lässt sie so gut wie jede Kunst als Mätzchen erscheinen – es sei denn, diese Kunst erlangt an dem äußersten Punkt ästhetischen Gelingens eine Art zweite Natur, eine unhinterfragbare Selbstevidenz.

Angesichts der Seltenheit solch großer Kunst gibt es freilich entschieden zu viele Skulpturengärten. Doch einige gibt es, die einen Besuch unbedingt verlangen. Sie zu entdecken lädt uns der Sommer ein.

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Leserkommentare
  1. Richard Serras, Moore und Matschinky-Denninghoff - und da hätte man schon fast alles zusammen, was unsere Verantwortlichen sich so zugetraut haben - oder besser, sich als BEDEUTSAM haben aufschwätzen lassen.

    Seien wir doch mal ehrlich, das allermeiste, was in Deutschland irgendwo rumsteht, ist genauso langweilig wie unsere deutschen Fußgängerzonen - und fällt wohl nur DESWEGEN auch nicht weiter negativ auf.

    Wenn jetzt aber die Zielsetzung "Versöhnung" von Kunst-Natur und Mensch (es geht ja immer nur um das ALLERgrößte in der Kunst!) angepeilt wird, so wünschte ich mir mal was mit Witz, Können, Originalität und - auch wieder mal so eine Idee - Bezug zum Ort. D.h. solche Kunstwerke, die eben nicht ÜBERALL rumstehen können sondern genau dahin passen, wo sie stehen.

    Ach, was ich da nur für Träume habe?

    Eine Leserempfehlung
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    ... wird Ihnen in Bodmann, wo auf einem Grundstück an der Kaiserpfalzstraße eine veritable Sammlung von Entwürfen und Skulpturen von Peter Lenk zu sehen sind ;-)

    • Varech
    • 01. Mai 2013 13:07 Uhr
    2. P.S.:

    Ob sich wohl mal jemand getrauen würde, soetwas wie die "Vertebrae" von Henry Moore einfach so ins Unterholz zu legen, ohne sinnloses Präsentierbrett?

    • cmim
    • 02. Mai 2013 10:00 Uhr

    und ich frage mich, ob der Rahmen, den die 'Natur' der Skulptur gewähren soll nicht doch wieder ein Versuch ist, eine Hauptansicht für das Kunstwerk zu schaffen. Der uralte Streit zwischen Gemälde und Skulptur sollte doch wohl nicht wiederbelebt werden. Dem Panegone geschuldet sei die Frage erlaubt ...

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  2. ... wird Ihnen in Bodmann, wo auf einem Grundstück an der Kaiserpfalzstraße eine veritable Sammlung von Entwürfen und Skulpturen von Peter Lenk zu sehen sind ;-)

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  • Schlagworte Garten | Kunst | Kunstwerk | Natur
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