Alles geht, anything goes: Vielleicht war dieser Lehrsatz der Postmoderne doch zu ungenau, und es hätte heißen sollen: Alles geht mit allem. Schwarz geht mit Grün, Schokolade geht mit Chili, Sakko geht mit T-Shirt, knallhartes Geschäft geht mit legerer Kreativität, Beruf mit Familie, und Kunst geht mit Natur.

Das könnte auch die wachsende Popularität von Skulpturengärten erklären. Kaum ein Jahr vergeht, ohne dass ein solcher Garten in den angrenzenden Grünflächen eines Museums eröffnet, ohne dass auf irgendeiner abgelegenen Allmendewiese die Kunst ins Kraut schießt. Das Ergebnis sind Gärten, die den modernen Multitasker in uns ansprechen (und den alten Sparfuchs – Buy one, get one free): Warum trennen, was man zusammen haben kann! Idealerweise hat sich beides gegenseitig zu befördern und befruchten. Die Sumpfdotterblume soll noch gelber leuchten, wenn sie sich an den Busen einer Nixe am Rande eines Tümpels schmiegt. Die enigmatische Stahlskulptur kann sich etwas von der unzweifelhaften Würde einer benachbarten Birke borgen.

Der Skulpturengarten, wie er heute zu Ehren kommt, ist aber auch einem moralisch-pädagogischen Glaubenssatz entwachsen. Er soll die Versöhnung von Mensch und Natur feiern, oder besser gesagt, daran gemahnen, weil ja die Geschichte zwischen Mensch und Natur eher zu schlechtem Gewissen als zur Feier Anlass gibt. Eingedenk der Schändung der Natur durch Menschenhand wäre dann der Skulpturengarten ein Versuch, herauszutreten aus dem finsteren Schatten der Selbstherrlichkeit des Menschen, ein Versuch, den Alb des Anthropozentrismus abzuschütteln, ein Wiedergutmachungsversuch an der Natur. Er soll augenfällig machen, dass der Mensch mit seiner Kunst in diese Welt passe.

Allerdings darf dieser Nachweis nicht vorschnell erbracht werden. Alles Naturalistische, das wie gemacht für Skulpturengärten erscheint, weil es zu einer unmittelbaren Identifikation von Menschlichem und Natürlichem neigt, geht deshalb gar nicht. Das betrifft all die Skulpturen von gertenschlanken Schönen, die ihre Hände dem Himmel entgegenstrecken, bärtigen Waldschraten oder hopsenden Kindern: als wäre die Versöhnung von Mensch und Natur so einfach zu haben wie ein Strauß Gänseblümchen.

Am besten bewähren sich in den Skulpturengärten wohl Kunstwerke, denen eine gewisse Bescheidenheit eignet, Kunstwerke, die nicht nach dem Vermögen des Menschen fragen, sondern nach seinen Grenzen. Kontingenz und Unverfügbarkeit sind Kennzeichen solcher Werke, die dem alten künstlerischen Imperativ der totalen Materialbeherrschung spotten. Statt auf den idealistischen Kanon des Guten, Wahren und strahlend Schönen setzen sie auf das Verworfene, Unbrauchbare, Schweigsame und Sichentziehende. Richards Serras Bleche passen beispielsweise in Skulpturengärten, auch Henry Moores Werke, zumindest seine abstrakten.

Aber auch abstrakte Kunst hat es noch schwer im Grünen. Ein mittelmäßiges Werk kann durchaus reizvoll sein im Foyer einer kleinstädtischen Behörde. An der frischen Luft hingegen zeigt es sich nicht mal den Grashalmen gewachsen, die zu seinen Füßen sprießen. Natur ist halt der unbarmherzigste Rahmen, in dem man Kunst zeigen kann. In der schlichten Schönheit ihrer reinen Gegebenheit lässt sie so gut wie jede Kunst als Mätzchen erscheinen – es sei denn, diese Kunst erlangt an dem äußersten Punkt ästhetischen Gelingens eine Art zweite Natur, eine unhinterfragbare Selbstevidenz.

Angesichts der Seltenheit solch großer Kunst gibt es freilich entschieden zu viele Skulpturengärten. Doch einige gibt es, die einen Besuch unbedingt verlangen. Sie zu entdecken lädt uns der Sommer ein.