Ein Unwohlsein beschleicht jeden, wenn der Arzt im Krankenhaus ankündigt: "Das muss noch weiter abgeklärt werden." Was mag da kommen an Eingriffen, an Diagnosen, womöglich eine Operation oder gar mehrere? Patienten, die Sonia Mikichs Streitschrift Enteignet gelesen haben, wird erst recht der Angstschweiß ausbrechen. Sonia Mikich, langjährige Moderatorin des politischen Magazins Monitor und Inlandschefin des WDR, schildert, wie und warum in Deutschland immer öfter voreilig oder unnötig operiert wird. Ja, OP-Weltmeister sind wir auch! Das hat jüngst die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bestätigt.

Deutsche Krankenhausmediziner legten ein deutlich höheres "Aktivitätsniveau" an den Tag als ihre Kollegen in den anderen Mitgliedsstaaten, formuliert ein Experte lapidar. Das Gros der "früheren und invasiveren" Therapien sei nur mit wirtschaftlichen "Fehlanreizen" zu erklären. Erstaunlich, wie wenig Bürger sich bislang aufregen über ihr steigendes Risiko einer Körperverletzung durch überflüssige Eingriffe.

Sonia Mikich tut es umso mehr. Leidenschaftlich verteidigt die streitbare Journalistin das öffentliche Gut Gesundheit gegen seine betriebswirtschaftliche Belagerung. Mikich schildert Risiken und Nebenwirkungen eines Wandels, der weit über unnütze Eingriffe hinausgeht. Das Krankenhaus, das nach ihrer Meinung ein Ort "elementaren Menschseins" sein sollte, an dem geboren, geheilt, gelitten und gestorben werde, sei zu einer Workflow-optimierten, industriellen Produktionsstätte mutiert. In der schönen neuen Klinikwelt, die sie schildert, scheint die Sprache keimfreier zu sein als die Waschbecken. Zu viele "Kunden" würden dort ihrer Lebens-, ja auch Sterbenschancen beraubt.

Der Zorn, der diesen Text prägt, nährt sich auch aus einer persönlichen Erfahrung. Mikich beginnt ihr Buch mit der Schilderung einer misslungenen Darmoperation. Nach dem Motto "Das muss noch weiter abgeklärt werden" folgten fünf Monate Verwirrungen, Fahrlässigkeiten, Komplikationen, für die Mikich die Lücken in einer durchrationalisierten Versorgung verantwortlich macht. Ihre Patienten-Odyssee schildert sie in lakonischen Sätzen und mit einem Sarkasmus, der sie sogar angesichts der "schönen Prospekte der Stomabeutel-Firma" nicht verlässt. Endlos wartet sie vor Untersuchungslabors. Überforderte Mediziner halten sich die Ansprüche ihrer Patientin auf Aufklärung, Trost, Hoffnung, ja überhaupt Kommunikation mit einem "rational paternalistischen Tonfall" vom Leibe – und schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu. Die Pflegekräfte schaffen es nur selten, zwischen die schnell getakteten Verrichtungen eine Geste des Mitgefühls zu schieben. Die Lieblosigkeit beginnt schon beim Speisepamps, der "bestenfalls als Nahrungsmittelzufuhr bezeichnet werden kann".

Mikich fühlt sich als Störfall, sie erlebt sich als verängstigt und "enteignet" – warum? Weil "eine Gewissheit außer Kraft gesetzt wurde: als aufgeklärter, abgesicherter Mensch in Deutschland das eigene Leben gestalten und verantworten zu können". Dieser subjektiven Einleitung des Buches folgen Protokolle von Interviews mit Chefärzten, Pflegenden, einem Kunstfehleropfer, einem Anwalt, auch einem Sozialethiker, sie nehmen den umfänglichsten Teil des Buches ein. Die Gesprächspartner bekräftigen Mikich in ihrem Eindruck, dass "das System" seine Maßstäbe verloren habe, seit es dem Markt immer stärker ausgesetzt wurde. Schon mal von "OP-Surfen" gehört? So nennt das Klinikpersonal die Zumutung, dass manche Anästhesisten in zwei Sälen gleichzeitig die Betäubung der Patienten kontrollieren müssen, stetig hin- und herpendelnd. Das ist riskant und zugleich eine Kränkung des beruflichen Ethos.

Beim Lesen beschleicht den (noch) gesunden Leser die Hoffnung, das könne doch nicht alles wahr sein. Aber der Name Mikich steht wie der ihrer Kollegen und Co-Autoren Ursel Sieber und Jan Schmitt für gründliche Recherche. So eröffnet sich eine dritte Dimension des Buches: die Analyse der politischen Ursachen der Fehlentwicklung. Verantwortlich gemacht wird etwa das Abrechnungssystem über Fallpauschalen, das vor zehn Jahren eingeführt wurde und ungleiche Krankenhäuser in einen gnadenlosen Konkurrenzkampf zwang. Das eigentliche Problem, eine ungerecht verteilte Überversorgung, wurde nicht gelöst.

Schmitt und Sieber zeigen, wie sich Politiker immer wieder in den lähmenden Zuständigkeitsegoismen von Bund und Ländern und in den widersprüchlichen Ansprüchen der Fürsorgebranchen verstricken – und am Ende oft der durchsetzungsstärksten Lobby folgen. Schließlich präsentieren die Autoren auch Reformansätze: Die Krankenhauslandschaft müsse zum Beispiel in neuen Gremien gezielter geplant werden, fordern die Autoren. Gesetze sollten eine Mindestzahl von Pflegekräften festlegen und Krankenkassen darauf verpflichten, dass sie ihren Patienten eine Zweitmeinung bezahlen.

Das Buch rüttelt auf, doch es hat auch Schwächen. Die Anklagen wiederholen sich, die Darstellung ist teilweise einseitig. Krankenhausmanager zum Beispiel kommen nicht zu Wort, dabei würde man auch ihre Gegenargumente gern kennenlernen. Vermutlich wird man den Autoren auch vorwerfen, dass sie pauschalisieren und das sensible Vertrauen der Bürger in eine doch insgesamt gute Versorgung erschüttern. Zu Unrecht: Genau diese Art von Appell hat immer wieder verhindert, dass reale oder drohende Schieflagen des Gesundheitssystems zu einem breiten gesellschaftlichen Thema wurden. Dabei werden sich die Probleme mit der zunehmenden Alterung der Gesellschaft verschärfen – je später man handelt, desto schwieriger wird es sein, gegenzusteuern.

Sonia Mikich macht keinen Hehl daraus, dass sie mit einem Kampagnenbuch die Bürger nicht nur aufklären, sondern auch mobilisieren, öffentlichen Druck erzeugen und zu einer "patientenfreundlichen Revolution" beitragen will – der Kranken wie der Gesunden. Gewiss ist es kein Zufall, dass Enteignet just in diesem Jahr erscheint – ob die Wahlkampfdebatten noch den Sinn erfüllen, Lösungen für brisante Zukunftsaufgaben abzuwägen? Auch das muss jetzt weiter abgeklärt werden.