Gab es irgendwann mal eine Zeit, in der Schuhe einzig die Funktion hatten, den Fuß vor Kälte und Schmutz zu schützen? Vermutlich war das so, als sie vor gut 5500 Jahren erfunden wurden. So alt ist jedenfalls ein Lederschuh, den man 2008 in Armenien entdeckt hat – das älteste existierende Modell. Über die Jahrhunderte hat sich Fußbekleidung zum Statussymbol gewandelt – und neigt immer mal wieder zu Extremen. Mitte des 15. Jahrhunderts beispielsweise etablierte sich in Spanien die Chopine, ein Damenschuh mit zehn Zentimeter hoher Plateausohle. Die Frau distanzierte sich damit förmlich vom Dreck unter ihr. Aus dem ständig überschwemmten Venedig sind Varianten überliefert, die über 70 Zentimeter hoch waren. Darin konnte man nur noch durch Mithilfe von Bediensteten laufen – was die Schuhe umso mehr zum Indikator für Reichtum machte. "Well heeled" wurde zum Synonym für Wohlstand.

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In modernen Zeiten gibt es vergleichsweise wenig Schmutz auf den Straßen – aber noch immer verwendet man Schuhe als Ausdrucksform: Die Nachfrage ist in großen Kaufhäusern stetig gestiegen. Das Berliner KaDeWe hat den Schuhen fast ein ganzes Stockwerk gewidmet. Ähnlich wie bei Handtaschen gibt es heute It-Shoes. Bei Valentino beispielsweise ist das nietenbeschlagene Modell Rockstud zum Bestseller geworden. Ständig werden neue Variationen davon auf den Markt gebracht.

Längst ist nicht mehr nur die Höhe des Absatzes entscheidend – der ganze Schuh ist zur Projektionsfläche geworden. Zum Beispiel bei den Entwürfen von Fendi, die bunt, grafisch und skulptural daherkommen. Eines der Modelle wird mit Aufsatz geliefert, sodass der Schuh nach dem Steckprinzip beliebig variiert werden kann. Ähnlich architektonisch muten Modelle der Labels Helmut Lang und Rodarte an. Hatte man früher einen Schuh, trägt man nun eine Skulptur am Fuß. Manchmal kommt man dabei auch ohne Absatz aus – wie Victoria Beckham, die einmal zu einer Parfüm-Präsentation in hochhackigen, aber absatzlosen Stiefeln von Antonio Berardi erschien. Die ganze Zeit krallte sie sich an Ehemann David fest, um nicht umzukippen. Es geht eben immer noch darum, zu zeigen, welches Personal man sich zum Stützen leisten kann.