Die Konkurrenz ist prompt zur Stelle: "FlexStrom ist Ex-Strom. Ab zu Yello", hieß es vergangene Woche in einer quietschgelben Anzeige auf dem Bild-Titel. Wenige Tage zuvor hatte der Berliner Stromlieferant Flexstrom Insolvenz angemeldet. Seitdem rangeln die Stromkonzerne um 500.000 Kunden.

FlexStrom, das ist die Geschichte der zweitgrößten Insolvenz in Deutschland, zumindest, wenn es nach der Zahl der Gläubiger geht. Nur beim Stromanbieter Teldafax, der vor zwei Jahren spektakulär pleiteging, waren noch mehr Kunden betroffen: 700.000. Beide Insolvenzen werfen ein Schlaglicht auf eine Branche, in der Stromdiscounter mit Kampftarifen agieren.

In der riesigen FlexStrom-Firmenzentrale in Berlin drängen sich an diesem Montagmittag, nur wenige Tage nach dem Insolvenzantrag, ehemalige Kunden am Empfangstresen. Sie haben ihre Stromrechnungen mitgebracht und reden auf zwei FlexStrom-Mitarbeiterinnen ein. Die Frauen versuchen, die Gemüter zu beruhigen, schauen sich geduldig jedes Schreiben an – und können doch nicht helfen. Wie schon am Eingang prangt auch hinter dem Tresen der Firmenslogan: "FlexStrom – verboten günstig". Seit dem 12. April erscheint dieses Motto in einem ganz anderen Licht. Da stellte der Berliner Konzern nicht nur für sich, sondern auch für die zwei Ökostromsparten Löwenzahn Energie und Optimal Grün einen Insolvenzantrag – unter anderem wegen "schlechter Zahlungsmoral zahlreicher Stromkunden".

Damit kam FlexStrom nur der Bundesnetzagentur zuvor. Die Aufsichtsbehörde für den Strommarkt wollte just am gleichen Tag FlexStrom die Praxis verbieten, bei Neukunden Vorkasse zu verlangen. Darauf allerdings basiert das komplette Geschäftsmodell des Stromanbieters: Kunden zahlen für ein Jahr im Voraus und profitieren im Gegenzug von unglaublich günstigen – und in der Regel unrentablen – Stromtarifen. Damit dieses Modell aufgeht, braucht es regelmäßig Neukunden, die treu bleiben und am Ende auch Tariferhöhungen tolerieren. Es ist eine Art Schneeballsystem. Es funktionierte allerdings bei der FlexStrom-Kundschaft nicht. Das weiß inzwischen Insolvenzverwalter Christoph Schulte-Kaubrügger, ein Insolvenzrechtspezialist in Deutschland. Er sitzt in der hellen Firmenkantine im Erdgeschoss der Unternehmenszentrale. "Die FlexStrom-Kunden sind jung, dauernd online und wechselfreudig", sagt der Jurist der Wirtschaftskanzlei White & Case. "Wenn denen ein Tarif nicht mehr günstig erscheint, sind die weg." Seit knapp zwei Wochen versucht Schulte-Kaubrügger abzuschätzen, wie viel Vermögen noch vorhanden ist.

Es ist ein Mammutverfahren mit mehreren Tausend Aktenordnern. Die Kanzlei hat Erfahrung mit Billiganbietern im Strommarkt. Sie wickelt seit mehr als zwei Jahren auch Teldafax ab. Vor dem Jahr 2017 werde das Insolvenzverfahren von Flexstrom kaum beendet sein, sagt Schulte-Kaubrügger.

Allein mit 900 Stadtwerken machte Flexstrom Geschäfte, dazu kommen die Netzbetreiber und die halbe Million Stromkunden. Schulte-Kaubrügger sucht nach Investoren für den Stromanbieter. Es gebe Interessenten, auch aus Russland.

Die ausstehenden Forderungen von Flexstrom gegenüber seinen Kunden beziffert er auf einen zweistelligen Millionenbetrag. Welche Summe Flexstrom im Gegenzug seinen Kunden schulde, das sei noch unklar. Viele Kunden pochen auf versprochene Boni-Zahlungen oder zugesagte Prämien und verlangen Abschlagszahlungen zurück. Anfang Juli will Schulte-Kaubrügger das Insolvenzverfahren offiziell eröffnen lassen. Dann können Gläubiger sich in Meldelisten eintragen und ihre gesammelten Ansprüche geltend machen.

Ein gigantischer Insolvenzfall

FlexStrom mag ein gigantischer Insolvenzfall sein – überraschend kam er nicht. Stiftung Warentest hatte schon im Jahr 2010 vor den Lockangeboten von Teldafax und FlexStrom gewarnt, ebenso die Verbraucherzentralen. "Wir raten seit Jahren von Vorkassemodellen und intransparenten Paketangeboten ab", sagt Energieexperte Jürgen Schröder von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. "Oft verbergen sich dahinter unseriöse Köderangebote." Einige Billiganbieter hätten offensichtlich kein nachhaltiges Geschäftsmodell.

Wegen zahlreicher Kundenbeschwerden entschied sich im Herbst 2011 sogar das Vergleichsportal verivox, einer der führenden Strompreisrechner im Internet, FlexStrom nicht mehr zu vermitteln. Das Unternehmen zahle versprochene Neukunden-Boni nicht aus, nutze sie aber gezielt in der Preisgestaltung, um in den verivox-Rankings auf einem der obersten Plätze zu landen, hieß es bei verivox.

Ungefähr zum gleichen Zeitpunkt, also Ende 2011, legte auch die unabhängige Schlichtungsstelle Energie ihre erste Empfehlung vor. Sie betraf: FlexStrom. Das Unternehmen hatte sich geweigert, einem Kunden den versprochenen Bonus auszuzahlen. Ein Gericht hatte FlexStrom bereits zuvor "versuchte Bauernfängerei" attestiert. Die Schlichtungsstelle war nur wenige Monate zuvor gegründet worden, um zwischen Energieversorgern und Kunden zu vermitteln – eine Lehre aus der Teldafax-Pleite.