Björn Ulvaeus"Will ich fremd- oder selbstbestimmt leben?"

Das frühere Abba-Mitglied Björn Ulvaeus träumt von einer Welt ohne Länder und Religionen. Und er möchte länger leben um zu sehen, was "hinter der nächsten Kurve kommt". von Ralph Geisenhanslüke

John Lennon träumt in seinem Song Imagine einen Traum, den auch ich träume. Ich meine diese Zeilen: "Stell dir vor, es gibt keine Länder", "nichts, wofür man töten oder sterben würde / und auch keine Religionen".

Ich weiß natürlich, dass das absolut unmöglich ist. Und ich bin auch kein Fundamentalist in umgekehrter Richtung. Ich finde, es ist einfach ein interessanter Gedanke.

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Nahezu jeder Konflikt im Nahen Osten und im Rest der Welt hat mit Religion und den verschiedenen Strömungen und Sekten zu tun. Schiiten, Sunniten, Juden, Christen, alle bekämpfen sich. Die gesamte Auffassung vom Unterschied zwischen Menschen wurzelt in der Religion. Gäbe es keine Religion und ein Jude und ein Araber stünden sich nackt gegenüber, gäbe es keinen Unterschied zwischen ihnen. Sie wären gleich. Sie könnten in Frieden leben.

BJÖRN ULVAEUS

68, geboren in Göteborg, war Mitbegründer von Abba. Von 1971 bis 1978 war er mit der Sängerin Agnetha Fältskog verheiratet. Für die ethischen Ideale des Humanismus engagiert er sich seit 2005 im schwedischen Verband Humanisterna. Im Oktober gab Björn Ulvaeus bekannt, dass am 7. Mai ein Abba-Museum in Stockholm eröffnet wird

Mich fasziniert die Tatsache, dass Menschen an etwas glauben können, für dessen Existenz es keinen Beweis gibt. Sie ordnen ihr Leben vollkommen einer Idee unter, als ob es ein Wesen namens Gott gäbe. Das fasziniert mich, weil ich es nicht verstehe. Das rationale Denken aufzugeben und an etwas zu glauben, das sich niemals gezeigt hat und es auch weiterhin vorzieht, sich nicht zu zeigen. Mir will das einfach nicht gelingen. Ich selbst bevorzuge die Philosophie. Es gibt Milliarden von Fragen, die uns niemand beantworten kann. Das ist okay für mich, das ist die Natur unseres Daseins. Aber manche Menschen brauchen Antworten und finden sie bei einem Gott. Das macht die Welt für sie weniger kompliziert.

Wir haben jahrhundertelang darum gerungen, unseren Geist zu befreien. Seit der Aufklärung haben wir daran gearbeitet, die Kirche aus dem öffentlichen und politischen Leben herauszuhalten. Und jetzt kommt alles wieder. Die Menschen, auch in der westlichen Welt, halten sich am Glauben fest, um zu sagen: Wir haben ebenfalls eine Religion, auch wir haben eine Identität, die wir verteidigen. Warum brauchen Menschen diese Art von Gruppenidentität? Ich verstehe das nicht. Wozu ist das gut? Was macht einen Menschen aus, abseits von solchen kulturellen Konstruktionen? Will ich fremd- oder selbstbestimmt leben? Natürlich handelt es sich um eine Reaktion auf fremde Religionen, die in unsere Sphären kommen. Gar nicht zu reden von George Bushs unseligem "Kreuzzug", ohne den die Welt heute anders aussähe.

Ich habe einen Traum
Alle bisherigen Träume zum Nachlesen

Alle bisherigen Träume zum Nachlesen  |  © Miss Jones/Photocase

Wir müssen und können gut damit leben, nicht auf alle Fragen eine Antwort zu bekommen. Das gehört zur menschlichen Natur. Deshalb streben wir nach Erkenntnis, wir wollen mehr und mehr erforschen, wir finden immer mehr Antworten, und trotzdem bleibt so viel unbeantwortet. Und das ist sogar das Gute am Leben. Das hält uns neugierig. Das sorgt dafür, dass ich länger leben möchte, weil ich sehen will, was hinter der nächsten Kurve kommt. Schon jetzt fliegen riesige Teleskope durch das Weltall, wir können Milliarden Jahre in die Zukunft schauen. Das finde ich viel interessanter als die Frage, ob es Gott gibt oder nicht.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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Leserkommentare
  1. Mit den Teleskopen können wir nur Milliarden Jahre in die Vergangenheit schauen, noch nicht in die Zukunft...
    Aber wir können dann berechnen bzw. vermuten, wie das Weltall in der Zukunft beschaffen sein wird.
    Diese Woche ein (halbes) ABBA-Magazin! Klasse!

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  2. ...dann ist das entweder peinlich oder - wie in diesem Fall - einfach dämlich.

    "Warum brauchen Menschen diese Art von Gruppenidentität? Ich verstehe das nicht. Wozu ist das gut? Was macht einen Menschen aus, abseits von solchen kulturellen Konstruktionen? Will ich fremd- oder selbstbestimmt leben?"

    Diese Frage stellt ein Mann, dessen Identität ihm jährlich ein paar Mio Dollar einspielen. Dessen "kulturelle Konstruktion" aus Dividenden und Tantiemen besteht, die für schöne Melodien mit Schwachsinnstexten gezahlt werden.

    Tja, was macht einen Menschen abseits von seinen "kulturellen Konstruktionen" aus? Vielleicht, dass ihn außer Fressen und Saufen und Geldzählen noch andere Bedürfnisse umtreiben, Bedürfnisse, auf die Abba-Songs keine Antwort geben. Der Mann ist nicht unsymphatisch. Aber er ist ein so unglaublicher Simpel, dass er lieber wieder Schlagertexte schreiben sollte.

    3 Leserempfehlungen
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    ...muss das nicht zwangsläufig gehaltvoller ausfallen. Was der ABBA-Mann an Fragen stellt ist jedenfalls gehaltvoller und überlegenswerter als diese Kritik daran. Denn in der Tat: Hängen an Religionen hat die Menschheit nicht unbedingt dahin gebracht, sich gegenseitig zu tolerieren. Und über das Phänomen, da kann man schon mal drüber räsonieren...

    ... ein Simpel mit einfachen, aber weit-führenden Gedanken, als ein Hater wie Sie es zu sein scheinen. :-)

    Was die Texte von Abba mit der persönlichen Weltsicht von Bjoern Ulvaeus zutun haben, wissen auch nur Sie.
    Es war zu erwarten, dass der Text in Kombination mit der Rolle des Autors solche Reaktionen hervor ruft, ich hätte nur nicht gedacht, dass es so schnell geht.
    Die meisten von uns sind leider, auch gedanklich, viel zu involviert in das, was ist, als sich mit dem, was sein könnte, frei auseinander zu setzen.

    Was soll daran dämlich sein, wenn man sich darüber Gedanken macht.

    Außerdem hat er recht. Sich die Schädel einzuschlagen, wegen leerer Worthülsen, die von anderen Menschen gemacht wurden, das ist dämlich.

    Das rationale Denken abzustellen, das ist dämlich.

    Die Religionen werden schon seit Jahrtausenden für die Zwecke Machthungriger Menschen missbraucht. Immer noch daran festzuhalten, ist mehr als dämlich.

    Und zu glauben das Menschen, die mit Religionen nichts anfangen können, nur Fressen, Saufen und Geldscheffeln kennen würden ist es auch.

    • Koon
    • 27. April 2013 17:18 Uhr

    ...Sie schreiben:

    "...einfach dämlich..."

    Mir scheint, Sie haben nicht wirklich verstanden, um was es Herrn Ulvaeus eigentlich ging - und vor allen Dingen - was hat die Musik von ABBA und seine Einnahmen aus ihr damit zu tun?

    wenn man genug Kohle verdient, kann man sich solche Fragen stellen. Wir anderen müssen arbeiten und haben dafür keine Zeit.

  3. <<< Nahezu jeder Konflikt im Nahen Osten und im Rest der Welt hat mit Religion und den verschiedenen Strömungen und Sekten zu tun. <<<

    Ich sehe das eher wie Rousseau:
    http://de.wikipedia.org/w...
    << ... Das Entstehen des Eigentums, meint Rousseau, spaltet also die Menschheit in Klassen. Das Eigentum offenbart sich als die Ursache des gesamten gesellschaftlichen Unglücks. Über die Entstehung eines „alles verschlingenden Ehrgeizes“,„künstlicher Leidenschaften“ und die „Sucht, sein Glück auf Kosten anderer“ zu machen, schreibt er:
    „… alle diese Übel sind die erste Wirkung des Eigentums und das untrennbare Gefolge der entstehenden Ungleichheit.“
    ... „Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen »Dies gehört mir« und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: »Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, aber die Erde niemandem gehört.“ <<

    Religion (auch Nationalismus oder politische Ideologien die auf Herrschaft grunden), ist dann die Nebelkerze, Macht-, Eigentums- und Profitunteressen einzelner zu verschleiern und die Einfältigen und Doofen für Ziele kämpfen zu lassen, die nicht deren eigene sind.

    Eine Leserempfehlung
  4. ...muss das nicht zwangsläufig gehaltvoller ausfallen. Was der ABBA-Mann an Fragen stellt ist jedenfalls gehaltvoller und überlegenswerter als diese Kritik daran. Denn in der Tat: Hängen an Religionen hat die Menschheit nicht unbedingt dahin gebracht, sich gegenseitig zu tolerieren. Und über das Phänomen, da kann man schon mal drüber räsonieren...

    4 Leserempfehlungen
  5. ... ein Simpel mit einfachen, aber weit-führenden Gedanken, als ein Hater wie Sie es zu sein scheinen. :-)

    Was die Texte von Abba mit der persönlichen Weltsicht von Bjoern Ulvaeus zutun haben, wissen auch nur Sie.
    Es war zu erwarten, dass der Text in Kombination mit der Rolle des Autors solche Reaktionen hervor ruft, ich hätte nur nicht gedacht, dass es so schnell geht.
    Die meisten von uns sind leider, auch gedanklich, viel zu involviert in das, was ist, als sich mit dem, was sein könnte, frei auseinander zu setzen.

    3 Leserempfehlungen
  6. Was soll daran dämlich sein, wenn man sich darüber Gedanken macht.

    Außerdem hat er recht. Sich die Schädel einzuschlagen, wegen leerer Worthülsen, die von anderen Menschen gemacht wurden, das ist dämlich.

    Das rationale Denken abzustellen, das ist dämlich.

    Die Religionen werden schon seit Jahrtausenden für die Zwecke Machthungriger Menschen missbraucht. Immer noch daran festzuhalten, ist mehr als dämlich.

    Und zu glauben das Menschen, die mit Religionen nichts anfangen können, nur Fressen, Saufen und Geldscheffeln kennen würden ist es auch.

    2 Leserempfehlungen
    • Koon
    • 27. April 2013 17:18 Uhr

    ...Sie schreiben:

    "...einfach dämlich..."

    Mir scheint, Sie haben nicht wirklich verstanden, um was es Herrn Ulvaeus eigentlich ging - und vor allen Dingen - was hat die Musik von ABBA und seine Einnahmen aus ihr damit zu tun?

    2 Leserempfehlungen
  7. wenn man genug Kohle verdient, kann man sich solche Fragen stellen. Wir anderen müssen arbeiten und haben dafür keine Zeit.

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