Allein der Name! "Internationale Übereinkunft über die Beseitigung aller Formen rassischer Diskriminierung". Man sieht sie vor sich, die Staatssekretäre und Menschenrechtsbeauftragten mit ihren John-Lennon-Brillen und Mao-Anzügen, wie sie 1965 in New York zusammenkamen, um in einem Akt äußerster politischer Korrektheit gleich alle Formen des Rassismus auf einmal vertraglich abzuschaffen.

Gerade hat das UN-Komitee, das besagte Übereinkunft zu exekutieren hat, uns Deutsche verurteilt. Es geht noch einmal um Thilo Sarrazin und seine Ansichten über Türken und "Kopftuchmädchen", nachzulesen in einem berüchtigten Interview der Zeitschrift Lettre International. Der Türkische Bund in Berlin-Brandenburg hatte Sarrazins Äußerungen als Akt der Volksverhetzung aufgefasst und Strafantrag gestellt, die Berliner Staatsanwaltschaft fand an dem strittigen Interview aber rechtlich nichts zu beanstanden – was das Antidiskriminierungskomitee der UN nun rügt.

Die Fronten sind also klar: politisch korrekte Eiferer gegen liberale Rechtsstaatsvertreter, Gedankenpolizei gegen Meinungsfreiheit.

Den Sachverhalt schlichtweg abstreiten?

Wer das Urteil der UN liest, muss nach Belegen nicht lange suchen. Die Deutschen, heißt es da, hätten nicht genau genug geprüft, ob Sarrazins Aussagen "auf die Verbreitung von Ideen hinausliefen, die auf rassischer Überlegenheit oder Rassenhass beruhen". Verbreitung von Ideen? Wer das verbieten will, der schätzt die Meinungsfreiheit gering.

Könnte man meinen, wenn man zufällig der etablierten Mehrheit einer Einwanderungsgesellschaft angehört. Es ist nur so: Wer sich als liberaler Hurra-Patriot in die Kritik des UN-Komitees vertieft, der erlebt, wie das anfängliche Vorurteil mehr und mehr ins Wanken gerät.

Was hatten die deutschen Vertreter zu unser aller Verteidigung vorzubringen? Zum Beispiel dies: Es gebe "keine Hinweise" darauf, dass Übergriffe gegen Einwanderer nach Sarrazins öffentlichen Äußerungen zugenommen hätten.

Das kann man anders sehen. Nicht deutsche Teilnehmer der Debatte berichteten damals von einer regelrechten Flut der Hassmails und Drohungen. Nun sind für solche Zumutungen die Täter verantwortlich, nicht Intellektuelle, durch die sie sich möglicherweise ermutigt fühlten. Aber den Sachverhalt schlichtweg abstreiten, das hat etwas sehr Selbstzufriedenes. Und man kann sich fragen, ob diese satte Bequemlichkeit Behörden zusteht, die zehn Jahre lang eine neonazistische Terrorgruppe übersehen haben und die rechtsradikale Gewalt auch dann noch leugnen, wenn sie öffentlich dokumentiert ist.

Traditionell berufen sich deutsche Liberale im Streit um die Meinungsfreiheit auf eine Kommunistin, Rosa Luxemburg. Auch das ist eine Übung, die bei der Lektüre der Sarrazin-Kontroverse zunehmend abwegig erscheint. Der schöne Satz über die Freiheit der Andersdenkenden stammt von einer Frau, die für ihre Sache ihr eigenes Leben riskiert und am Ende verloren hat. Während es von den Vertretern der Mehrheitsgesellschaft nur ein wenig Gratismut verlangt, Einwanderer zu Gelassenheit im Umgang mit Zeitgenossen wie Sarrazin aufzufordern.