Der ehemalige Spitzenmanager einer bekannten deutschen Bank sitzt im Restaurant eines teuren Hotels und versucht, zu erklären, wie es kam, dass er wegen Betrugs und Untreue vor Gericht steht. Er spricht von schwierigen Geschäftspartnern, von der noch schwierigeren Finanzkrise. Und dann, irgendwann, sagt er diesen Satz: "Wenn man als Banker nur die normalen, üblichen Bankgeschäfte macht, ist das zwar gut für den Kunden, aber als Bank gehst du pleite. Du verdienst zu wenig."

Damit ist ein Verdacht ausgesprochen: Manager, die erfolgreich sein wollen, müssen die Grenzen des gewohnten Geschäftes überschreiten.

Wie weit ist es jetzt noch zur Illegalität, zum Verbrechen?

Der amerikanische Versicherungskonzern Chubb Insurance bot deutschen Managern Mitte der achtziger Jahre an, ihre eigenen Entscheidungen zu versichern, also sich abzusichern gegen eigene Fehler, gegen Ansprüche anderer. Die Reaktion der deutschen Chefs: Achselzucken. Warum sollen wir uns versichern? Wir wissen doch, was wir tun.

Gut fünfzehn Jahre lang war die Geschäftsidee ein Ladenhüter. "Aber Anfang 2000 änderte sich das", sagt José David Jiménez, Vice President von Chubb Insurance. Das Platzen der Internetblase und weitere Krisen ließen die Angst der Unternehmensvorstände wachsen. Heute sind die Managerversicherungen weltweit ein Milliardenmarkt, es gibt keinen Dax-Konzern mehr, dessen Chefs sich nicht gegen eigene Schnitzer abgesichert hätten, wie Chirurgen gegen Fehlgriffe im OP.

Könnte es auch daran liegen, dass viele Manager wissen, wie riskant, wie gefährlich, wie kriminell ihre Geschäfte geworden sind?

Der Justizminister von Nordrhein-Westfalen, Thomas Kutschaty, lässt in diesen Wochen einen Gesetzentwurf für ein Unternehmensstrafrecht ausarbeiten. Der SPD-Politiker sagt, er sei es leid, dass oft nur einzelne Manager "als Bauernopfer" vor Gericht stünden. "Wir wollen kriminelle Unternehmen künftig direkt anklagen." Eile sei geboten. Geht es nach Kutschaty, soll der Bundesrat noch in diesem Jahr über das neue Gesetz abstimmen.

Ein Banker, der ein Geständnis ablegt, weil er vor Gericht steht. Manager, die sich gegen eigenes Fehlverhalten versichern, um nicht im Gefängnis zu landen. Ein Minister, der ein Unternehmensstrafrecht fordert, um härter gegen Gesetzesverstöße vorgehen zu können. Sind das alles Anzeichen dafür, dass sich an den Spitzen der deutschen Unternehmen die Kriminalität ausbreitet?

Anfang des 19. Jahrhunderts formulierte der französische Schriftsteller Honoré de Balzac den berühmten Satz: "Hinter jedem großen Vermögen steht ein Verbrechen." Bis heute ist dieser Satz leicht zu widerlegen: Erfindet ein schlauer Ingenieur ein neues Produkt, erobert ein kluger Unternehmer den Weltmarkt, was soll daran verbrecherisch sein?

Balzac aber dürfte es nicht um geniale Erfindungen gegangen sein oder um sensationelle Unternehmerideen. Er betrachtete allein das Geld, es erschien ihm als eine Art Maschine, die größer werden will, die Menschen auffrisst, sie unterdrückt, die nur an sich denkt. Der Fall Uli Hoeneß hätte Balzac wohl mit Genugtuung erfüllt. Der Präsident des FC Bayern inszenierte sich als moralische Instanz und steht jetzt wegen Steuerhinterziehung am Pranger. Auch von den sogenannten Offshore-Leaks wäre Balzac kaum überrascht worden. Sie offenbaren ein System mancher Vermögenden. Der Reichtum wird verborgen, vor der Öffentlichkeit und den Finanzämtern, in nicht sehr schönen Briefkastenfirmen an umso schöneren Orten: auf den Cayman Islands, auf Barbados, auffallend oft in der Karibik – als würden die vielen Millionen gerne baden gehen.

Wem kann man noch trauen?

Wo ist das Ideal Max Webers geblieben, der von den Reichen Gutes forderte, weil das Geld ihnen Verpflichtungen auferlegt? Warum macht einer wie Hoeneß so etwas? Gibt es oben an den Spitzen deutscher Unternehmen überhaupt noch einen, dem man trauen kann?

Wohin man blickt auf den Chefetagen der deutschen Wirtschaft: Der Staatsanwalt war schon da. Eine kleine Auswahl: Da sind die vier ehemaligen Gesellschafter der Privatbank Sal. Oppenheim, die sich in einem der größten Wirtschaftsstrafverfahren der Bundesrepublik wegen schwerer Untreue verantworten müssen. Die Angeklagten sollen die Bank mit dubiosen Immobiliendeals um knapp 150 Millionen Euro geschädigt haben – weitere, noch schwerwiegendere Anklagen werden erwartet.

Da sind die beiden Gründer und Chefs der Immobilienfirma S&K, Stephan Schäfer und Jonas Köller, die mithilfe eines gigantischen Schneeballsystems Tausende Anleger um einen mindestens dreistelligen Millionenbetrag geprellt haben sollen. Es ist der größte Anlagebetrug in Deutschland seit Jahren.

Da sind der Deutsche-Bank-Co-Chef Jürgen Fitschen und sein Finanzvorstand Stefan Krause, die im vergangenen Dezember zusehen mussten, wie Mannschaftswagen der Polizei anrückten und 500 Beamte die Büros der Bank durchwühlten. Der Verdacht: schwerer Steuerbetrug, Geldwäsche und versuchte Strafvereitelung.

Da sind verschiedene Manager des Energieriesen EnBW, deren Büros und Privaträume vergangene Woche durchsucht wurden. Der Verdacht: mögliche Schmiergeldzahlungen bei undurchsichtigen Geschäften mit einem noch undurchsichtigeren russischen Lobbyisten.