Megacity Uruk : Der Weltkulturhügel

Das Pergamonmuseum zeigt Uruk als erste Großstadt der Menschheit
Die archäologische Stätte im Irak, wo einst die Megacity Uruk stand. Der Ort liegt 30 Kilometer östlich der Stadt Samawa. © Essam Al-Sudani/AFP/Getty Images

Uruk ist kein Ort der spektakulären Funde. Auf den ersten Blick nicht zu vergleichen mit Stätten wie Pergamon oder Giseh. So ist das auffälligste Exponat der Ausstellung über die mesopotamische Metropole ein Fundstück, das nur am Rande mit Uruk zu tun hat. Die Kopie einer Kolossalstatue stammt weder aus der Stadt, noch zeigt sie, wie die Beschriftung suggeriert, nachweislich deren Herrscher König Gilgamesch.

Aber der 5,25 Meter hohe Brocken ist zumindest auffälliger als Rollsiegel, Masken und Terrakottareliefs. Deswegen empfängt dieser bärtige "sechslockige Held" aus Gips, dessen Original im Pariser Louvre steht, die Besucher des Berliner Pergamonmuseum zu Uruk. 5000 Jahre Megacity. Als mythische Figur hat er zumindest entfernt mit dem Helden aus dem Gilgamesch-Epos zu tun, jenem nach Unsterblichkeit strebenden sumerischen Haudegen.

Dass es (noch) an imposantem Fundmaterial aus dem erst zu einem Prozent freigelegten Uruk (heute: Warka) fehlt, schmälert nicht die Tatsache, dass der Ort im südlichen Irak zu den bedeutendsten archäologischen Stätten der Welt gehört. Schlüsselszenen der Kulturgeschichte wurden hier geschrieben. Von der Stadt ist, nachdem sie im 4. Jahrhundert nach Christus endgültig verlassen wurde, zwar nur ein riesiger staubbedeckter Siedlungshügel in der Wüste Mesopotamiens übrig geblieben. Doch in Uruk feierte einst die Literatur mit dem Epos um König Gilgamesch ihre Geburtsstunde. Hier entwickelte sich aus Piktogrammen und Symbolen die Keilschrift. Der Ort, Wirtschafts- und Verwaltungszentrum, ist die Keimzelle der Bürokratie. Und schon 5.000 Jahre vor dem ersten Oktoberfest wurde hier Bier gebraut.

Vor 100 Jahren begannen deutsche Archäologen, den Siedlungshügel zu ergründen. Heiligtümer wurden ausgegraben, darunter ein mehr als 35.000 Quadratmeter großer Tempel- und Verwaltungskomplex; man entdeckte die Zikkurat, den Hochtempel der Liebes- und Kriegsgöttin Ischtar, und den Anu-Tempel. Und man stellte fest, dass die neun Kilometer lange Stadtmauer, erbaut von Gilgamesch, sich noch immer als sichtbarer Wall um die einstige Metropole zieht.

Seit 1996 leiten Margarete van Ess und Ricardo Eichmann, Direktoren der Orient-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts, die Forschungen in Uruk. Die Wissenschaftler können inzwischen rekonstruieren, welch eine Bedeutung die Stadt, die 4.500 Jahre lang bewohnt war, gehabt haben muss. Aus kleinen Siedlungen bildete sich ein überregionales, 5,5 Quadratkilometer großes Zentrum. Es war, das zeigen geophysikalische Messungen und hochaufgelöste Satellitenbilder, von Wasserstraßen durchzogen. Die Planer hatten den damals noch nahen Euphrat umgeleitet und Uruk schiffbar gemacht; mit Passagierkähnen aus Schilf und mit Handelsflößen gelangten die Städter von den Außenquartieren in die City – eine Art "Amsterdam im Sand". Und im Umland findet man noch immer Spuren jener Strukturen, mit denen die 50.000 Einwohner einst versorgt wurden: Kanäle, Obstgärten und Dattelpalmenhaine.

Die Berliner Ausstellung zeigt an Modellen und 3-D-Rekonstruktionen, wie Uruk und wie einzelne Gebäude ausgesehen haben könnten, und vergleicht Stadt und Vorstädte mit dem Aufbau moderner Megacitys wie Hongkong. Wegen der Kriegswirren ruhen die Ausgrabungen vor Ort seit zehn Jahren. Margarete van Ess hofft, dass es in diesem Jahr wieder losgeht. Die Region ist ruhig, einzig anstehende Wahlen sorgen für Aufruhr, und noch immer warnt das Auswärtige Amt vor Reisen in den Irak. "Wir werden garantiert nicht aus Abenteuerlust da hingehen", sagt van Ess.

Die Zeit drängt – freigelegte Bauten müssten konserviert werden. "Die Erosion macht momentan viel kaputt", sagt van Ess. Ihr Institut unterstützt außerdem die Kandidatur Uruks als Unesco-Weltkulturerbe. Eine Vorgabe ist die Einrichtung einer schützenden Pufferzone um die Stadt herum. Doch Satellitenbilder zeigen, dass dies schwieriger wird. "Die Felder rücken näher", sagt van Ess. Zumindest die äußeren Spuren der Megacity drohen von den Bauern einfach umgepflügt zu werden.

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Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Ugarit

Ich hatte das Glück 2009 Ugarit zu besichtigen. Obwohl dort nur meist Fundamente der Häuser standen, war es ein ganz besonderes Gefühl durch die Ruinen zu wandern. Von vielen Häusern waren noch die Keller vorhanden in denen angeblich die Verstorbenen einer Familie in Sarkophagen aufbewahrt wurden. Im Rahmen dieser Syrien-Reise haben wir viele Museen und Ausgrabungsstätten besucht. Unter anderem auch Palmyra, was absolut faszinierend war.
In Deutschland angekommen habe ich dann ein paar Wochen später einen Ausflug ins Neanderthal-Museum gemacht. Das war schon beeindruckend, wenn man das Alter und die Qualität der Exponate verglich. Während in Europa die Menschen noch mit Faustkeilen hantierten, gab es anderswo auf der Erde Städte....

Es scheint

so, dass im Zweistromland tatsächlich die ältesten Überreste dessen gefunden worden sind, dass was wir als die ältesten bekannten Zeugnisse der Hoch-Zivilisation halten. Die Dinge, die Sie ansprachen sind ein Beleg dafür. Allerdings bei der Schrift könnte es sein, dass die vielleicht sogar noch älter ist, siehe oben. Es hängt davon ab, wie man Schrift definiert. Nur ein akademischer Streit? Es scheint aber so, als das was die Organisation anbelangt und das kulturelle Fortschreiten tatsächlich das meiste von dort stammt. Ebenso der Ackerbau, wenn ich nicht irre, der tatsächlich auch aus dem "fruchtbaren Halbmond" stammt.

Wenn wir mal eine gedankliche Übung machen und uns vorstellen, was von uns in 5000 Jahren noch zu sehen ist, dann rechne ich den meisten Dingen keine hohe Lebenserwartung zu, einige Obelisken und Denkmäler würden vielleicht überleben, aber dann....?
Wenn wir das Spiel in umgekehrter Richtung fortsetzen, könnten wir genauso gut fragen, ob vor den Sumerern es noch irgendwo frühere Zivilasationen gab als diese. Nur diejenigen nichts in Stein gemeißelt haben, bzw. die Art von Schrift nicht hatten, die wir heute als Maßstab nehmen.