Österreich auf der BiennaleDie ganze Welt im Stadtpark

In Venedig fand 1895 die erste Kunstmesse der Welt statt. Nun wurde die österreichische Beteiligung an der Biennale erforscht. von 

Eröffnung des österreichischen Pavillons, Giardini della Biennale, 12. Mai 1934

Eröffnung des österreichischen Pavillons, Giardini della Biennale, 12. Mai 1934  |  © Archiv Kramreiter, Wien

Kunst verhext die Stadt, als habe eine "Märchenfee ihren Zauberstab" über dem Häusermeer geschwungen. "Für diejenigen, die Bescheid wussten", erzählt der amerikanische Schriftsteller Tom Wolfe in Back to Blood, seinem neuen Sittenbild über ein außer Rand und Band geratenes Zeitalter, sei dreitägige Hemmungslosigkeit angebrochen: "Eine Tour de Force aus Stehempfängen, Dinnerpartys, After-Partys, Kokainorgien und der Jagd nach Frischfleisch. Fast überall Berühmtheiten aus Film, Musik, Fernsehen, Mode und sogar aus dem Sport, die alle nichts über Kunst wussten und auch gar keine Zeit hatten, sich darum zu kümmern." Während der jährlichen Kunstmesse im Dezember herrscht Ausnahmezustand in Miami.

In Florida befindet sich heute die jüngste und schrillste jener Karawansereien, in denen der Tross des internationalen Kunstbetriebes im Laufe des Jahres Station macht. Es ist immer das gleiche Ritual aus aufgeregter Betriebsamkeit, exklusivem Stelldichein und elitärer Selbstbespiegelungen, dessen Tradition über 100 Jahre zurückreicht, in eine Zeit, als die moderne Kunst erst einen Ahnungsschatten in das Europa der Belle Époque warf. Die Mutter dieser Leistungsschauen für bildende Kunst wurde 1895 in Venedig zum ersten Mal feierlich eröffnet. Seitdem trifft sich im Zweijahresrhythmus die Kunstwelt an der Lagune. Zunächst beschränkt auf das ursprüngliche Ausstellungsgelände der Giardini, eines unter napoleonischer Besatzung angelegten Parks, und nunmehr über das ganze Stadtgebiet verstreut präsentieren mittlerweile 77 Teilnehmerländer in eigenen Pavillons oder angemieteten Räumen auf der Esposizione Internazionale d’Arte die Schaffenskraft ihrer Kunstszene.

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Kunst sollte die altersschwache Stadt vor dem Verfall retten

Österreich war schon bei der Premiere dieser ersten Biennale, die überall Nachahmer fand, vertreten. Als Beitrag zur diesjährigen 55. Auflage der Traditionsveranstaltung initiierte nun der österreichische Kommissär Jasper Sharp eine ausführliche Dokumentation der Biennale-Beteiligungen des Landes, die nächste Woche in Wien präsentiert wird. Die mustergültige Chronik spannt einen Bogen von der Habsburgermonarchie bis in aktuelle republikanische Tage. In dem Mikrokosmos in den Giardini spiegelt sich auf erstaunliche Weise die österreichische Geschichte: von den Ambitionen und Spannungen des Vielvölkerreiches im Spiel der europäischen Mächte über den Untergang der alten Ordnung, den schwankenden Kurs in Republik und Austrofaschismus, das Ende der Eigenstaatlichkeit, die Verdrängung der Nazijahre bis hin zu dem Versuch, einen Platz in einer globalisierten Öffentlichkeit einzunehmen. In Venedig waren stets Momentaufnahmen der österreichischen Befindlichkeit zu bestaunen.

Als Riccardo Selvatico, der Bürgermeister von Venedig, die Einladungen zur Teilnahme an der ersten Biennale in ganz Europa auf den Weg brachte, war die Serenissima nur mehr ein Schatten ihrer selbst. Die frühere Seemacht war zu einer pittoresken Kulisse verkümmert, zu einer vergleichsweise bedeutungslosen Provinzstadt in dem noch jungen Königreich Italien. Vor allem nach dem Vorbild der damals beliebten Weltausstellungen erhoffte sich nun die Stadtregierung von einer internationalen Kunstausstellung, der ersten ihrer Art, eine Belebung von Gewerbe und Fremdenverkehr. Die neue Veranstaltung sollte zahlungskräftiges Publikum anziehen und die Lagunenstadt in den Blickpunkt des kultivierten Europa rücken. Ein eigener Kritikerpreis wurde ausgelobt und ein Verkaufsbüro eingerichtet, das den Handel mit den ausgestellten Werken vermittelte. Bei jedem abgeschlossenen Geschäft erhielt die Biennale eine Provision von zehn Prozent.

Als die Einladung zur Teilnahme in Wien eintraf, waren keine 30 Jahre vergangen, da die Flagge der Habsburger noch über dem Markuspalast geweht hatte. Die Wiener trösteten sich für den Verlust mit einem Themenpark, der soeben im Prater eröffnet worden war, ein Kulissen-Venedig komplett mit Kanälen, Brücken, Palazzi und Gondeln. Für einen Kunstausflug in das reale Venedig herrschte indes kein gesteigertes Interesse. Das Auswahlkomitee im kaiserlichen Ministerium entsandte eine Riege akademischer Genremaler, welche die Doppelmonarchie in den internationalen Sälen des Zentralpavillons, dem vorläufig einzigen Ausstellungsgebäude, vertraten. Von der Biennale selbst wurde nur in Kurzmeldungen Notiz genommen.

Die neue Kunstmessen-Idee war hingegen voll aufgegangen, wohl auch weil ein publikumswirksamer Skandal um ein erotisch aufgeladenes Riesengemälde mehr als 200.000 Besucher angezogen hatte. Mehr als die Hälfte der insgesamt 350 ausgestellten Werke aus 14 Ländern fanden einen Käufer – auch drei aus Österreich-Ungarn. Akzente setzten Künstler aus der Doppelmonarchie in den ersten Jahren der Biennale hingegen kaum, von der modernen Kunstblüte an der Donau war in Venedig nichts zu erfahren. Überdies emanzipierte sich 1909 Ungarn von der gemeinsamen Ausstellungspraxis der Monarchie und errichtete einen der ersten Länderpavillons in den Giardini, ein Gebäude, das in seinem dezidiert magyarischen Stil kulturellen Separatismus ausdrücken sollte. Bestrebungen in Wien, dieser Herausforderung mit einem eigenen Nationalpavillon zu antworten, füllten hingegen jahrzehntelang nur dicke Aktenkonvolute mit Eingaben und Petitionen.

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