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Kann man die Lehren aus der deutschen Einheit exportieren? Der Ökonom Ulrich Blum versucht das – in Korea. von Stefan Locke

Im Frühjahr 1989 schrieb der Bamberger Wirtschaftsprofessor Ulrich Blum einen Brief an das Ministerium für Innerdeutsche Angelegenheiten. Ob es denn Vorbereitungen gebe für den Fall einer Wiedervereinigung? Die Regierung in Bonn brauchte ein Dreivierteljahr für ihre Antwort. Dieser war zu entnehmen, dass nichts vorbereitet sei.

Am Tag, an dem Blum diesen Brief erhielt, fiel plötzlich die Mauer.

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Er weiß seitdem, wie schnell die Verhältnisse sich ändern können. Ein Ministerium, das zuständig war für Einheitsfragen, hat die Einheit nicht vorhergesehen. Wer gestern die Wiedervereinigung für etwas denkbar Fernes gehalten hatte – der war plötzlich unvorbereitet, als sie doch kam. Blum wollte die neue Zeit mitgestalten, er ging als Professor an die TU Dresden, dann an die Uni Halle, er machte Wiedervereinigung und Aufbau Ost zu seinem akademischen Lebensthema.

Und Blum meint: Man muss auch vorbereitet sein für den Tag, an dem sich Nord- und Südkorea wiedervereinigen. Korea wird dann von Deutschlands Erfahrungen profitieren können. Von den Deutschen und ihrer Einheitsgeschichte – im Guten wie im Schlechten. "Die Koreaner", sagt Blum, "können sehr viel von uns lernen."

Wer Blum, 59, nicht kennt, könnte das für ziemlich absurd halten: Nicht vieles scheint derzeit ferner zu liegen als eine koreanische Wiedervereinigung. Kim Jong Un provoziert die Welt, indem er mit der Atombombe droht. Er kündigt an, Seoul in ein "Flammenmeer" zu verwandeln, Südkorea droht mit sofortiger Vergeltung, die USA verlegen Flugzeugträger in die Gegend, selbst China rügt seinen Partner Nordkorea so scharf wie nie.

Aber das hält einen wie Blum nicht auf. Seit Jahren schmiedet er Pläne für Koreas Tag X. Seit Jahren reist er in den Süden der geteilten Halbinsel und berichtet dort von 1989 ff. – während daheim, in Halle, kein Mensch mehr den Begriff "Aufbau Ost" hören kann, ist Blum in Seoul ein gefragter Mann.

Er berät dort heute Regierung und Zentralbank, hält Vorträge an Universitäten, spricht auf Konferenzen. "Die meisten Leute sind sehr neugierig und reagieren ausgesprochen positiv, weil sie sehen, dass Wiedervereinigung machbar ist", sagt Blum. Dabei ist sein Befund für Korea eigentlich keiner, der Mut macht. "Die Einheit nach deutschem Vorbild ist für Südkorea allein nicht zu finanzieren", sagt er.

Deutschland war gut vier Jahrzehnte lang geteilt, Korea ist es inzwischen fast doppelt so lange. Die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Norden und Süden sind enorm. Nordkorea ist größer als der Süden – und um ein Vielfaches ärmer als die DDR. Damit Südkorea bei einer Grenzöffnung nicht von Nordkoreanern überrannt wird, müsste der Lebensstandard im Norden schnell steigen. Das südkoreanische Finanzministerium ging bisher davon aus, ähnlich wie Deutschland etwa sieben Prozent seiner Wirtschaftsleistung, gut 80 Milliarden Dollar im Jahr, über zehn Jahre in den Norden überweisen zu müssen. "Aber das ist völlig illusorisch", sagt Blum. Er rechnet mit den drei- bis vierfachen Kosten über einen deutlich längeren Zeitraum.

Aber Blum ist Optimist. Er leitete jahrelang das Institut für Wirtschaftsforschung Halle, das einzige seiner Art in den neuen Ländern. Er ging dort der Frage nach, wie sich der Übergang von einer Plan- in eine Marktwirtschaft bewältigten lässt. Die deutsche Einheit war für ihn Forschung am lebenden Objekt. Er beriet die Regierung Kurt Biedenkopfs, war Mitglied in der Bayerisch-Sächsischen Zukunftskommission und Chef des Forschungsbeirats in Sachsens Wissenschaftsministerium.

Es ist dieser Erfahrungsschatz, von dem Südkorea gerne profitieren würde: In Seoul gibt es ein eigenes Ministerium für Wiedervereinigung, in jedem Ministerium noch eine eigene Vereinigungsabteilung. Fast jede Universität des Landes unterhält Lehrstühle für Wiedervereinigung. Dass sich Ökonomen mit dem Thema befassen, ist aber ungewöhnlich: Als Blum anfangs wissen wollte, wo im Land die Fachleute für die Einheit säßen, verwies man ihn an Politiker – und Psychologen. "Die Wiedervereinigungsforschung ist dort viel zu wenig ökonomisch!", sagt Blum. Das will er ändern.

Derzeit versucht Südkoreas Regierung, einen Wiedervereinigungsfonds aufzulegen. "Aber selbst den würden die enormen Kosten des Projekts sprengen", glaubt Ulrich Blum. Eine rein koreanische Lösung, auch das ist die Lehre aus der deutschen Einheit, sei für den kleinen Staat nicht zu stemmen.

Ulrich Blum kennt Südkoreas Wiedervereinigungsminister Yu Woo-ik, zuletzt traf er ihn 2012 auf einer Wiedervereinigungskonferenz in Seoul. Dort vermisste Blum vor allem Leidenschaft: So manches in Südkoreas Wiedervereinigungsdebatten laufe viel zu technokratisch, sagt der Professor. "Bei uns in Deutschland floss ja Herzblut", sagt er. In Korea hingegen glaubten allenfalls noch die Älteren fest daran, dass die Einheit kommen werde. Den Einheitsverdruss der Jüngeren sprach selbst der Minister für Wiedervereinigung an: "Unser Wohlstand hat die Jugend selbstgefällig werden lassen und weniger überzeugt von der Notwendigkeit einer nationalen Vereinigung", sagte er auf jener Konferenz im Herbst. Aber die Jungen fürchten für den Fall der Vereinigung den Abstieg ihres Landes.

Helmut Kohl reagierte auf solche Einwände einst pathetisch: "Wenn wir zuließen, dass unser Land in dieser Schicksalsstunde aus finanziellen Gründen vor der Einheit zurückweicht, dann hätte die Bundesrepublik vor der Geschichte abgedankt." Kein schlechter Satz, findet Blum: Natürlich seien die wirtschaftlichen Herausforderungen immens gewesen. "Nur hätte eine Regierung, die das offen eingesteht, einpacken können."

Leserkommentare
  1. Zitat:
    "Bisher beherrschten wenige Familienkonzerne fast alles"
    Und:.
    "Wer einem kollabierten System eines überstülpt, das selbst reformbedürftig ist, macht es sich besonders schwer."

    Dem ist eigendlich fast nichts hinzuzufügen. Daß immer nur auf Nordkorea in dieser Frage geschaut wird, ist tatsächlich nur bequem. Den Süden "reformbedürftig" zu nennen, ist schon eine starke Untertreibung. Diese "Familienkonzerne" entstanden in einer Zeit der Militärdiktatur und auch wenn 1987 (!) erste wichtige Schritte in Richtung Demokratie getan wurden, ist diese bis heute nicht vergleichbar mit europäischen Formen.

    Wenn man die tatsächlichen Machtverhältnisse in Südkorea bedenkt (gemeint sind wieder die "Familienkonzerne"), bin ich mir nicht so sicher, ob eine Wiedervereinigung für die Koreaner wünschenswert wäre.

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    Sie schreiben: "auch wenn 1987 (!) erste wichtige Schritte in Richtung Demokratie getan wurden, ist diese bis heute nicht vergleichbar mit europäischen Formen."
    Was bitte ist an den Wahlen in Korea zu kritisieren? Ich habe hier schon 3 Wahlen erlebt und konnte soweit nichts erkennen, was bedenklich ist.
    Und wenn ich immer die Reformvorschlaege von der OECD oder jetzt auch Herrn Blum lese, dass man den Mittelstand staerken und die Chaebols schwaechen soll, frage ich mich auch jedesmal aufgrund welcher normativen Analyse wird das verlangt und zweitens sagt niemand, wie man das denn mal so bewerkstelligen sollte. Man kann ja Megaunternehmen kritisieren, wenn sie eine schlechte Performance abliefern, aber das groesste Chaebol Samsung steht recht gut da, gleiches gilt auch fuer bspw. Hyundai u.a.. Und bzgl. Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit steht Korea auch wesentlich besser da als DE. Man mag den Lehrstil an koreanischen Schulen kritisieren, aber bei PISA liegt Korea weit vor DE und kann es als einziges Land mit Finnland konkurrieren. Aber ob man unbedingt Ratschlaege aus DE folgen sollte, wage ich zu bezweifeln. Sicherlich kann man vieles verbessern, aber es ist ja nicht so als wenn ein einzigartiger Stillstand in Korea allgegenwaertig waere, der blinde Aktionismus der oft an den Tag gelegt wird ist eher hinderlich.

  2. Ist diese Aussage nicht typisch für uns ?

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    wenn die Koreaner aus den Fehlern der deutschen Wiedervereinigung nicht lernen wollten, welche Fehler man besser nicht machen sollte, dann wären sie doch blöd.

  3. ruiniert. Nun muß selbst die CDU zugeben das es so nicht weitergehen kann. Bis 2060 hat sich die jetzt schon seit der "Wende" um Millionen dezimierte Bevölkerung noch um ein Drittel dezimiert.

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  4. ... wenn Nordkoreas große Erfahrung im Bereich der Versorgung der Bevölkerung durch Staatsbetriebe verloren gehen würde.

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  5. Würden unsere Jungs nicht Südkorea beschützen wäre es lange von den roten Horden überrollt worden.

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  6. Ich finde das Problem einer Wiedervereinigung schon gut dargestellt. Allerdings gab es sehr wohl Überlegungen für eine D Wiedervereinigung, die aber schnell über den Haufen geschmissen wurden, da sie politisch unmöglich durchzusetzen waren:

    Wer hätte den ehemaligen DDR Bürgern erklären wollen, dass die West DM für sie noch nicht zur Verfügung steht, ebenso freie Wohnsitz- und Arbeitswahl, Produkte, Steuern, die Rente, Einkommen und Sozialleistungen ersteinmal komplett unterschiedlich bleiben (halt die Elemente einer Sonderwirtschaftszohne).

    Die koreanische Wiedervereinigung wird noch deutlich härter ausfallen, da Korea in vielen Belangen weit von der DDR entfernt ist, auch wenn die DDR in manchen Belangen schwach aufgegstellt war:
    - Die Bildung war der Westdeutschen sehr nah,
    - Gerichte zwar nicht unabhängig, aber die Struktur vorhaden
    - Infrastruktur baufällig, aber Grundlage vorhanden
    - Industrie war eigentlich ok
    - Mittelschicht und priv. Unternehmertum vorhanden

    Korea tut gut daran sich vorzubereiten, aber der Plan selbst wird an die Realität schnell angepasst werden müssen

    • ztc77
    • 28. April 2013 11:07 Uhr

    Blum bestätigt damit auch, was besonnene Analytiker der nordkoreanischen Bedrohungsszenerie schon seit langem sagen:

    Ein nordkoreanischer Angriffskrieg gegenüber Südkorea & USA würde sofort zur militärischen Annektion der nordkoreanischen Regionen mit wertvollsten Bodenschätzen durch die "Freunde" China & Russland führen.

    Punkt.

    Und das ist rund die HÄLFTE des nordkoreanischen Territoriums, erstaunlicherweise als Besatzungszone von China & Russland (also NICHT von Südkorea...). Logischer Grund ist, dass ja der selbstmörderische Angriffskrieg Nordkoreas das Risiko einleitet, dass diese Bodenschätze anderen in die Hände fallen könnten.

    Südkorea & USA als Angegriffene müssen erstmal eingedrungene Truppen zurückschlagen. Ob sie dann auch noch selbst ein Stück vom Kuchen abschneiden wollen, ist dann sekundär, weil schon die "wertvollere" Hälfte weg ist.

    Punkt.

    Also bitte weniger Panik auf der Titanic.

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  7. Eine Wiedervereinigung nach deutschem Vorbild kann es für Korea allein schon aus finanziellen Bedingungen nicht geben. Nicht nur das BSP Südkoreas ist deutlich niedriger als in Deutschland, sondern auch das Verhältnis der Bevölkerung zueinander (BRD zu DDR = 4:1, Südkorea zu Nordkorea = 2:1). Außerdem gibt es seit mehr als 60 Jahren absolut keine Kontakte zwischen den Menschen von Nord- und Südkorea, so dass kaum noch ein Zusammengehörigkeitsgefühl existiert. Trotzdem sollte man -wie man in Deutschland gesehen hat- niemals "Nie" sagen. Aber eine Wiedervereinigung in Südkorea kann nur erfolgen, wenn Nordkorea einen ähnlichen Weg wie China einschlägt. Die Grenze darf auf absehbare Zeit nur für den Güter- und Touristenverkehr (Verwandte gibt es kaum noch) geöffnet werden.. Erst nach 10 weiteren Jahren kann die Grenze schrittweise für weitere Bevölkerungsgruppen geöffnet werden. Alles andere würde Südkorea überfordern.

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