Korea : Aufbau Fernost

Kann man die Lehren aus der deutschen Einheit exportieren? Der Ökonom Ulrich Blum versucht das – in Korea.

Im Frühjahr 1989 schrieb der Bamberger Wirtschaftsprofessor Ulrich Blum einen Brief an das Ministerium für Innerdeutsche Angelegenheiten. Ob es denn Vorbereitungen gebe für den Fall einer Wiedervereinigung? Die Regierung in Bonn brauchte ein Dreivierteljahr für ihre Antwort. Dieser war zu entnehmen, dass nichts vorbereitet sei.

Am Tag, an dem Blum diesen Brief erhielt, fiel plötzlich die Mauer.

Er weiß seitdem, wie schnell die Verhältnisse sich ändern können. Ein Ministerium, das zuständig war für Einheitsfragen, hat die Einheit nicht vorhergesehen. Wer gestern die Wiedervereinigung für etwas denkbar Fernes gehalten hatte – der war plötzlich unvorbereitet, als sie doch kam. Blum wollte die neue Zeit mitgestalten, er ging als Professor an die TU Dresden, dann an die Uni Halle, er machte Wiedervereinigung und Aufbau Ost zu seinem akademischen Lebensthema.

Und Blum meint: Man muss auch vorbereitet sein für den Tag, an dem sich Nord- und Südkorea wiedervereinigen. Korea wird dann von Deutschlands Erfahrungen profitieren können. Von den Deutschen und ihrer Einheitsgeschichte – im Guten wie im Schlechten. "Die Koreaner", sagt Blum, "können sehr viel von uns lernen."

Wer Blum, 59, nicht kennt, könnte das für ziemlich absurd halten: Nicht vieles scheint derzeit ferner zu liegen als eine koreanische Wiedervereinigung. Kim Jong Un provoziert die Welt, indem er mit der Atombombe droht. Er kündigt an, Seoul in ein "Flammenmeer" zu verwandeln, Südkorea droht mit sofortiger Vergeltung, die USA verlegen Flugzeugträger in die Gegend, selbst China rügt seinen Partner Nordkorea so scharf wie nie.

Aber das hält einen wie Blum nicht auf. Seit Jahren schmiedet er Pläne für Koreas Tag X. Seit Jahren reist er in den Süden der geteilten Halbinsel und berichtet dort von 1989 ff. – während daheim, in Halle, kein Mensch mehr den Begriff "Aufbau Ost" hören kann, ist Blum in Seoul ein gefragter Mann.

Er berät dort heute Regierung und Zentralbank, hält Vorträge an Universitäten, spricht auf Konferenzen. "Die meisten Leute sind sehr neugierig und reagieren ausgesprochen positiv, weil sie sehen, dass Wiedervereinigung machbar ist", sagt Blum. Dabei ist sein Befund für Korea eigentlich keiner, der Mut macht. "Die Einheit nach deutschem Vorbild ist für Südkorea allein nicht zu finanzieren", sagt er.

Deutschland war gut vier Jahrzehnte lang geteilt, Korea ist es inzwischen fast doppelt so lange. Die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Norden und Süden sind enorm. Nordkorea ist größer als der Süden – und um ein Vielfaches ärmer als die DDR. Damit Südkorea bei einer Grenzöffnung nicht von Nordkoreanern überrannt wird, müsste der Lebensstandard im Norden schnell steigen. Das südkoreanische Finanzministerium ging bisher davon aus, ähnlich wie Deutschland etwa sieben Prozent seiner Wirtschaftsleistung, gut 80 Milliarden Dollar im Jahr, über zehn Jahre in den Norden überweisen zu müssen. "Aber das ist völlig illusorisch", sagt Blum. Er rechnet mit den drei- bis vierfachen Kosten über einen deutlich längeren Zeitraum.

Aber Blum ist Optimist. Er leitete jahrelang das Institut für Wirtschaftsforschung Halle, das einzige seiner Art in den neuen Ländern. Er ging dort der Frage nach, wie sich der Übergang von einer Plan- in eine Marktwirtschaft bewältigten lässt. Die deutsche Einheit war für ihn Forschung am lebenden Objekt. Er beriet die Regierung Kurt Biedenkopfs, war Mitglied in der Bayerisch-Sächsischen Zukunftskommission und Chef des Forschungsbeirats in Sachsens Wissenschaftsministerium.

Es ist dieser Erfahrungsschatz, von dem Südkorea gerne profitieren würde: In Seoul gibt es ein eigenes Ministerium für Wiedervereinigung, in jedem Ministerium noch eine eigene Vereinigungsabteilung. Fast jede Universität des Landes unterhält Lehrstühle für Wiedervereinigung. Dass sich Ökonomen mit dem Thema befassen, ist aber ungewöhnlich: Als Blum anfangs wissen wollte, wo im Land die Fachleute für die Einheit säßen, verwies man ihn an Politiker – und Psychologen. "Die Wiedervereinigungsforschung ist dort viel zu wenig ökonomisch!", sagt Blum. Das will er ändern.

Derzeit versucht Südkoreas Regierung, einen Wiedervereinigungsfonds aufzulegen. "Aber selbst den würden die enormen Kosten des Projekts sprengen", glaubt Ulrich Blum. Eine rein koreanische Lösung, auch das ist die Lehre aus der deutschen Einheit, sei für den kleinen Staat nicht zu stemmen.

Ulrich Blum kennt Südkoreas Wiedervereinigungsminister Yu Woo-ik, zuletzt traf er ihn 2012 auf einer Wiedervereinigungskonferenz in Seoul. Dort vermisste Blum vor allem Leidenschaft: So manches in Südkoreas Wiedervereinigungsdebatten laufe viel zu technokratisch, sagt der Professor. "Bei uns in Deutschland floss ja Herzblut", sagt er. In Korea hingegen glaubten allenfalls noch die Älteren fest daran, dass die Einheit kommen werde. Den Einheitsverdruss der Jüngeren sprach selbst der Minister für Wiedervereinigung an: "Unser Wohlstand hat die Jugend selbstgefällig werden lassen und weniger überzeugt von der Notwendigkeit einer nationalen Vereinigung", sagte er auf jener Konferenz im Herbst. Aber die Jungen fürchten für den Fall der Vereinigung den Abstieg ihres Landes.

Helmut Kohl reagierte auf solche Einwände einst pathetisch: "Wenn wir zuließen, dass unser Land in dieser Schicksalsstunde aus finanziellen Gründen vor der Einheit zurückweicht, dann hätte die Bundesrepublik vor der Geschichte abgedankt." Kein schlechter Satz, findet Blum: Natürlich seien die wirtschaftlichen Herausforderungen immens gewesen. "Nur hätte eine Regierung, die das offen eingesteht, einpacken können."

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Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Demokratische Kultur

Daß Südkorea eine erstaunliche wirtschaftliche Entwicklung genommen hat, bezweifelt ja auch niemand. Auch der PISA Studie glaube ich sofort.
Das hat aber alles wenig mit der demokratischen Kultur zu tun, von der ich schrieb. Tatsache ist, daß die Militärdiktatur bis heute ihre Spuren gelassen hat, nicht zu letzt durch die aus der Zeit stammenden Gesetze, die Südkoreanern drakonische Strafen einbringen können, wenn sie Kontakte, gleich welcher Art, mit dem Norden unterhalten.
Ein Beispiel:
http://de.wikipedia.org/w...

Auch die Politik des Lee Myung-bak (nach kleineren Entspannungen wieder "harte Linie" gegenüber dem Norden)war wohl nicht sehr hilfreich, wenn man von einer Wiedervereinigung träumt.

Daher spekulierte ich, daß es dort mächte Interessengruppen gibt, denen die jetzigen Verhältnisse durchaus recht sind, und eben darauf hinarbeiten.
Jedenfalls schaut es aus der Ferne so aus.