VogelpopulationGans lästig

Millionen Wildgänse verursachen Millionenschäden. "Abschießen", fordern Landwirte. "Vogelmörder", schallt es zurück. Was ist zu tun? von 

Zwei Graugänse ("Anser anser") über Niedersachsen

Zwei Graugänse ("Anser anser") über Niedersachsen  |  © Julian Stratenschulte/dpa

Am Anfang war das Baggerloch. Statt Sand und Kies nur noch Wasser. Der leblose See wurde renaturiert und in den Stadtwald integriert, als Schutzgebiet für Vögel. Gleichzeitig entstand so in Neuss ein Freizeitpark, mit klarem Badewasser, grünen Liegewiesen, Spiel- und Grillplatz. Bald hieß das beliebte Ausflugsziel im Volksmund "dat Jröne Meerke", das Grüne Meerchen.

Dann kamen die Schneegänse. Anwohner hatten sie eingesetzt. Die Vögel sind meist schneeweiß wie Hausgänse, aber zierlicher. Mit ihren schwarzen Flügelspitzen wirken sie wie eine Designervariante unserer fetten Hausgans. Tierfreunde fütterten ihre Ziergänse, die auf einer Insel im Jrönen Meerke fleißig Gössel ausbrüteten. Rasch mauserte sich die Kolonie zur ornithologischen Sensation: Mit weit über hundert Tieren bildet sie nun die größte freie Schneeganspopulation Europas.

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Hübsch, aber mit Nebenwirkungen. Dat Jröne Meerke wird immer jröner, die Liegewiese ringsum immer brauner. Kahl gefressen und zugeschissen, nicht nur von Schneegänsen. Auch Blessgänse, Graugänse, Kanadagänse machen inzwischen gern Station, verdoppeln zeitweilig die schnatternde Belegschaft. Jeder Starkregen spült Erde und Kot die sanften Hänge herunter, macht das Meerke zur Sickergrube. Das Umweltdezernat ließ im vergangenen Sommer tonnenweise Algen aus der grünen Suppe fischen. Und das Gesundheitsamt sperrte den Spielplatz: Infektionsgefahr durch Kolibakterien und Salmonellen im Vogelkot.

Gesundheitsschutz versus Vogelschutz – die Wogen am Jrönen Meerke schlagen hoch. "Scheißgänse, abschießen!", schallt es von hier. "Vogelmörder!", kommt es von dort. Das Neusser Experiment zeigt, wie wohlgemeinter Tierschutz in einer Kulturlandschaft heftige Konflikte schüren kann.

Die Kanadagans

ist die weltweit häufigste Gans, mittlerweile auch die häufigste faunenfremde Art in Deutschland. Sie breitet sich hier seit mehr als 40 Jahren stetig aus.

Die Nilgans

ist ebenfalls Gefangenschaftsflüchtling und erobert von den Niederlanden aus Deutschland. Ihr jährlicher Zuwachs beträgt rund 20 Prozent.

Die Rostgans

stammt aus Asien, machte als Ziervogel Karriere. Als aggressiver Invasor besiedelt sie die Schweiz und das Rheinland.

Die Schneegans

hat in Deutschland Fuß gefasst. In ihrer nordamerikanischen Heimat ist sie bereits eine kaum kontrollierbare Plage, frisst Äcker und die Tundra kahl.

Ähnlich sieht es in Norddeutschland und in den Niederlanden aus. Millionen Wildgänse fressen dort zeitweise Weiden und Äcker kahl. Empörte Bauern fordern die Bejagung. Sie wollen keine Schädlinge mästen, die im nächsten Jahr noch zahlreicher einfallen. Abschüsse wiederum empören Tier- und Vogelschützer. Sie erfreuen sich an den Riesenschwärmen der geselligen, schönen Großvögel und bekämpfen die "sinnlose, brutale Jagd". Mitte März dokumentierte der NDR den Gänsekrieg in Ostfriesland. Frieden stiften ist schier unmöglich.

Die Neusser versuchten es mit einem runden Tisch, um die Schuldfrage zu klären. Natürlich waren nicht die Gänse schuld, sondern naive Tierfreunde, die sie ständig fütterten. Also wurde ein Fütterungsverbot verhängt. Daraufhin suchten hungrige Gänse in nahen Vorgärten nach Nahrung. Erneuter Aufruhr, diesmal von Gartenbesitzern. Doch auch die Tierschützer waren in Sorge: Rings um das Jröne Meerke rauschen eine vielbefahrene Straße, eine Bahntrasse und die Autobahnen A57 und A52. Problemlösung durch Plattfahren? Nein. Die Polizei musste her und watschelnde Scharen mit Blaulicht zum Meerke eskortieren.

Nun soll ein Zweistufenplan das gänsliche Wachstum dämmen: Die schnellen Brüter auf der Insel dürfen nur mehr ein Ei pro Nest wärmen, die Gelege werden kontrolliert. Mittelfristig wolle man die Population umsiedeln, heißt es aus Neuss. Die Genehmigung des Landes stehe noch aus.

Die Niederländer wollen mehrere invasive Gänsearten ausrotten

Wie auch immer der Eiertanz weitergeht: Die Gänse werden siegen, weil sich die Zweibeiner bekriegen. Deren Fehde blockiert die sauberste ökologische Lösung: das Freisetzungsexperiment beenden und die aus Nordamerika stammenden Schneegänse ausrotten, bevor sie Europa besiedeln. Doch eine Gänsevernichtung im Vogelschutzgebiet ist kaum durchsetzbar, sie böte juristischen Zündstoff für Jahre. Derweil werden sich die Schneegänse ausbreiten, über Neuss und die Landesgrenzen hinaus.

In den nahen Niederlanden droht ihnen hingegen das, was ihnen in Deutschland erspart bleibt: eine Ausrottung aus ökologischen Gründen. So jedenfalls lautet das Ergebnis langjähriger Debatten im Nachbarland um den besten Umgang mit den riesigen Gänsescharen. Die wachsen sonst unaufhörlich – und mit ihnen die Millionenschäden in der Landwirtschaft, die Gefährdung des Flugverkehrs, die Verschmutzung sauberer Gewässer, die Zerstörung seltener Vegetation in Schutzgebieten. Darum raufte man sich zusammen und schloss Ende vergangenen Jahres einen landesweiten "Ganzenakkoord". Das Gänseabkommen wurde von sieben großen Interessengruppen unterzeichnet, darunter alle zuständigen Provinzen des Landes, Bauernverbände, Landbesitzer, Vogelschützer, Umweltbehörden. Es enthält eine bemerkenswerte Liste von Grausamkeiten.

Leserkommentare
    • Atan
    • 06. Mai 2013 11:25 Uhr

    mit dem Artikel zu den Anglern einen aufschlussreichen Einblick zur Prägekraft diverser Lobbygruppen auf Naturschutzdiskurse in Europa gibt.
    In einer Gesellschaft, in der 95% der Bevölkerung ihre Ernährung über Discounter und Supermärkte beziehen, herrscht ein geradezu bizarres Unverständnis über die Herkunft von Nahrung - Natur und Landschaft wird als entscheidender Faktor anscheinend gar nicht wahrgenommen.

    Und so zerfällt es einerseits in die Produktionsfläche, in der jede natürliche Fauna wie Abfall beseitigt, vergast wird; auf der anderen Seite ein abstrus-pittoresker Naturkult auf Schutzflächen getrieben wird, der diese völlige Entfremdung vom natürlichen Lebensraum wieder kompensieren soll.

    Eine Bio-Gans, um einen Vergleich zum kostbaren Lebensmittel "Wildgans" darzustellen, kostet im Herbst leicht über 100 Euro. Den gönnt sich der wohlhabende "Biedermann" einmal im Jahr, während das Volk um die Tierfkühltruhen drängelt - während der natürliche Reichtum unserer Naturräume EU-konform nur noch für den Abdecker interessant ist.

    Vielleicht schaffen wir es ja irgendwann, in bester "silent running"-Manier unseren Planeten komplett zu sterilisieren, um dort garantiert normkonform-hygienische Kunstnahrung zu kultivieren; und einen winzigen Teil Natur sperren wir dann unter Glas ein, um ihn von außen sicher und behaglich zu betrachten.

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    "... in der jede natürliche Fauna wie Abfall beseitigt ..."
    Naja, die Schneegänse sind ja nicht gerade natürliche Fauna, da sie ursprünglich in Nordamerika heimisch sind. Durch ihre unbedachte Ansiedlung in Europa wird unser hiesiges ohnehin bereits gestörtes Gleichgewicht von Flora und Fauna noch weiter durcheinander gebracht. Da ist es verständlich, wenn man Lösungen für dieses Problem sucht. Nur dass eben alle möglichen Lösungen wiederum neue Probleme nach sich ziehen.
    Es wäre also besser gewesen, die Gänse wären niemals hier angesiedelt und zusätzlich auch noch von Parkbesuchern gefüttert worden. Denn auch wenn es im ersten Augenblick wie eine Bereicherung unserer Artenvielfalt wirkt, verdrängen diese Gänse eben doch heimische Arten, und legen zudem ein unnatürliches Verhalten an den Tag.

  1. "Meerke" würde ich nicht mit Meerchen sondern mit Teich oder Weiher übersetzen. Da verwendet nicht etwa der Volksmund ironisch das Wort für den Ozean, wenn ein Dorfteich gemeint ist, sondern im Platt sagt man einfach Meer zu einem Teich oder See und See zum Meer (Ozean).

  2. Der Artikel zeigt sehr gut die verschiedenen Seiten des Problems auf. Und die Ratlosigkeit, die aus tiefen Eingriffen in die Natur entstehen kann ... es bleibt nur zu hoffen, dass man Lösungen für diese Probleme finden kann.

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    • csz
    • 06. Mai 2013 14:20 Uhr

    Ja, das ist das tolle an diesem Artikel: Er beschreibt differenziert, zeigt, wie komplex die tatsächlichen Zusammenhänge sind - und liefert konsequent eben keine Lösung zu diesem Problem . Die es mglw. auch gar nicht gibt, denn was man an der einen Ecke in diesem riesigen ökologischen Netzwerk zu reparieren versucht, verursacht woanders wieder Folgeprobleme.

    Im "kleinen" und an mehreren Orten in D kann man diese "Gänseproblematik" übrigens, wie auch im Artikel erwähnt, anhand der Nilgänse (die eigentlich Enten sind) gut beobachten. Die zeigen sich anderen Gänsen (und allg. Vögeln) sehr unbeeindruckt gegenüber, sind an Menschen gewöhnt und kaum furchtsam und ziehen im Jahr erfolgreich (!) 6-8 Gössel auf. Auch diese Vögel sind also längerfristig eher keine Bereicherung der hiesigen, natürlichen Fauna...

  3. Wenn ich mich recht erinnere, soll in der aztekischen Kosmologie eine unserer Vorgängerwelten durch Jaguare untergegangen sein.

    Das scheint plausibel, denn in Europa scheint derzeit der Weltuntergang durch Gänse zu drohen, zumindest entsteht dieser Eindruck, wenn man sich Mühe gibt, den einigermassen hysterischen Grundton der Debatte für einige Minuten ernst zu nehmen.

    Immer wieder interessant zu sehen, wie schnell Homo Sapiens, der mittlerweilse selbst sein grösstes Problem geworden ist, doch bereit ist, sofort an Ausrottung zu denken, sobald auch nur eine Lebensform einen Grashalm anknabbert, den er als sein eigen betrachtet. Und das noch dazu im geheiligten europäischen Reich des Tierschutzes, in dem man sich empört darüber mokiert, dass unzivilisierte Halbwilde in China Katzen essen und verschämt daran denkt, dass die bösen Urgrossväter dereinst zur Grosswildjagd nach Indien und Afrika gereist sind.

    Ach was sind wir doch zivilisiert. Nur ein wirklich bösartiger Mensch kann auf den Gedanken kommen, dass Homo S. sich im Grunde nicht allzu sehr unterscheidet von einer brüllenden Affenhorde, die mit Stöcken, Steinen und Exkrementen nach allem wirft, was ihr nicht passt. Gut, wir sind wesentlich besser bewaffnet. Wie es scheint, hat aber unsere ethische Entwicklung nicht so ganz mit der Waffentechnik Schritt halten können, und steckt immer noch im Dschungel fest.

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    "Wenn ich mich recht erinnere, soll in der aztekischen Kosmologie eine unserer Vorgängerwelten durch Jaguare untergegangen sein."

    Immer diese E-Typen. Gab wohl kein Tempolimit dunnemals.

  4. Agrarindustrie mit Monokulturen wieder der Tisch gedeckt und wer ist dasProblem?
    Nicht etwa der Mensch, der meint alles habe nur seinem Wohlbefinden und Freizeittrieb unterworfen zu werden, nein, es ist das "böse" Tier, das es wagt, seinen Lebensraum zu besiedeln und auch zu fressen, was es findet und deshalb.Wie gehabt - vergasen, abknallen, vergrämen.
    Hauptsache wir haben überreichlich von dem, was zu 40% auch noch weg geschmissen wird.
    Ich würde am liebsten sehr zynisch reagieren und die Frage des zu viel und wie man es verhindert, mal andersrum stellen, wie Miersch in der Hart, aber fair-Sendung.
    http://mediathek.daserste...
    ab Minute 11:53
    Und ich würde das nicht nur auf die bayrische Regierung beziehen, sondern auf Autofahrer, Agrarindustrielle, Freizeitaktivisten etc. ausdehnen!

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  5. "... in der jede natürliche Fauna wie Abfall beseitigt ..."
    Naja, die Schneegänse sind ja nicht gerade natürliche Fauna, da sie ursprünglich in Nordamerika heimisch sind. Durch ihre unbedachte Ansiedlung in Europa wird unser hiesiges ohnehin bereits gestörtes Gleichgewicht von Flora und Fauna noch weiter durcheinander gebracht. Da ist es verständlich, wenn man Lösungen für dieses Problem sucht. Nur dass eben alle möglichen Lösungen wiederum neue Probleme nach sich ziehen.
    Es wäre also besser gewesen, die Gänse wären niemals hier angesiedelt und zusätzlich auch noch von Parkbesuchern gefüttert worden. Denn auch wenn es im ersten Augenblick wie eine Bereicherung unserer Artenvielfalt wirkt, verdrängen diese Gänse eben doch heimische Arten, und legen zudem ein unnatürliches Verhalten an den Tag.

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  6. und in die Nahrungskette einfuegen.

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    Für jede in Freiheit geschossene Gans muss eine Mastgans weniger leiden. Also, liebe Jäger, Waidmannsheil! Ich freu mich auf Gänsebraten frisch von See.

    • TDU
    • 06. Mai 2013 13:42 Uhr

    Eine Route de sGiro dÌtalia ging druch ein gemischtes Naturschutzgebiet. Ausflugsmöglichkeite mit geschützem Gebiet.

    Geht in Deustchland nicht. Nur ein entweder oder. Es geht eben um Ideologie und nicht um Menschen und sein Zusammensein mit der Natur. In USA kann man gut weglocken bei dem Platz und berücksichtigt beide Interessen und nicht nur die eigenen.

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