ChinaZittere, Amerika!

Jung, wütend, patriotisch: Chinas Hacker sahen sich als moderne Kung Fu-Kämpfer. Bis sich die Regierung ins Netz einmischte. von  und

Einheit 61398

Die "Einheit 61398", eine Gruppe chinesischer Hacker, arbeitet angeblich in diesem Bürokomplex im Shanghaier Stadtteil Pudong.  |  © REUTERS/Carlos Barria

Seine Leidenschaft ist der Krieg im Netz, der Cyberwar. Spricht er davon, huscht ein Lächeln über sein rundes, weiches Gesicht. Noch immer ist der Junge vom Land zu erkennen, bloß steckt der jetzt im Unternehmeroutfit, am Handgelenk eine fette Armbanduhr.

Der junge Chinese hat zwei Leben. Im ersten heißt er Liu Qing und ist Geschäftsführer einer IT-Sicherheitsfirma namens Xianxin Technology in Shanghai. Doch wen interessiert schon das normale Leben, wenn es im Netz so viel spannender ist?

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Im zweiten, virtuellen Leben ist Liu Qing ein Held. Ein Sieger. Hier heißt er Sharpwinner. Er steht einer Allianz aus sogenannten Roten Hackern vor, einem gigantischen patriotisch gestimmten Onlineheer von 700.000 Soldaten. Einst kämpften sie für China. Sie taten es aus freien Stücken – nicht weil der Staat es von ihnen verlangt hatte. Sie fühlten sich wild und ungebunden, wie Kung-Fu-Kämpfer im Kino, die sie als Vorbild betrachten – nur dass sie ihre Tritte in einer anderen Welt austeilten: im Netz.

2001 schlug ihre große Stunde, Sharpwinner nennt es: "erster chinesisch-amerikanischer Cyberkrieg". Damals war ein amerikanisches Aufklärungsflugzeug vor der chinesischen Küste mit einem chinesischen Jet zusammengestoßen, der chinesische Flieger stürzte ab. Für die Chinesen ein unerhörter Eklat, ein feindlicher Akt. Sie sahen es so: Das amerikanische Flugzeug war in den chinesischen Luftraum eingedrungen und damit schuld am Absturz. Die Amerikaner haben das immer bestritten. So oder so, die patriotisch entflammten chinesischen Hacker wollten die Sache nicht hinnehmen. Sie verunstalteten die Webseiten amerikanischer Behörden. Daraufhin schlugen amerikanische Hacker zurück und griffen ihrerseits chinesische Webseiten an. Dabei blieb es allerdings, Menschen kamen damals nicht zu Schaden.

Die Angreifer machten pünktlich Feierabend

Voll Nostalgie erzählt Sharpwinner von dieser großen Zeit. Der erste "Cyberkrieg" sei ja noch überschaubar und harmlos gewesen. Der nächste werde ganz andere Dimensionen erreichen, prophezeit er, er werde gigantisch sein. "Das ganze Internet wird erfasst und kein Land verschont bleiben. Die Hacker werden die Stromnetze abschalten, auf den Straßen wird Chaos herrschen." Er lächelt sein weiches Jungenlächeln. "So wird es kommen, glaubt mir. Wir müssen dem ins Auge sehen."

Sharpwinner selbst ist – allen martialischen Visionen zum Trotz – mittlerweile zahm geworden. Mit seinen 33 Jahren gilt er in der Szene längst als Veteran. Für den Angriff fühlt er sich nicht mehr zuständig: "Das sollen mal die Jungen machen." Er selbst kümmert sich lieber um die Sicherheit im Internet – damit macht seine Firma ein gutes Geschäft.

Unabhängige Hacker wie Sharpwinner sind nicht der Auslöser jener gravierenden Kontroverse zwischen China und den USA. Für Konflikte sorgen jene Hacker, die im Auftrag der chinesischen Regierung die Geheimnisse amerikanischer Firmen ausspionieren. Mit Vorliebe solcher, die mit sensibler Infrastruktur befasst sind: mit Stromnetzen, Ölrohren, Gaspipelines, Wasserversorgung. Theoretisch könnte China damit Angriffe auf die USA vorbereiten – wahrscheinlicher ist, dass es sich technologisches Know-how für die eigene Energieversorgung verschaffen will.

Die amerikanische Sicherheitsfirma Mandiant hat Mitte Februar die sogenannte Einheit 61398 aufgestöbert, eine Gruppe von Armeehackern, die genau solchen Regierungsaufträgen nachgegangen sein sollen. Aus einem unscheinbaren Bürokomplex im Shanghaier Stadtteil Pudong heraus verrichteten sie ihr Werk. Die Einheit 61398 soll vorzugsweise zu den chinesischen Kernarbeitszeiten aktiv gewesen sein. Auch Hacker machen offenbar gern pünktlich Feierabend.

Mandiant erregte damit beträchtliche Aufmerksamkeit in den USA. Kurz zuvor hatten schon US-Medien wie die New York Times und das Wall Street Journal öffentlich gemacht, dass ihre Computernetze von chinesischen Hackern infiltriert worden waren. Es handelte sich – das räumten amerikanische Regierungsberater später ein – um eine sorgfältig orchestrierte Kampagne, die ein Thema vorbereiten sollte: die Cyberstrategie des Präsidenten Barack Obama.

Lange haben sich die Amerikaner mit Drohungen gegen China zurückgehalten, umgetrieben von der Sorge, dadurch die politischen und geschäftlichen Beziehungen zu beschädigen. Mittlerweile aber hat die Cyberspionage ein Maß erreicht, das die Supermacht nicht hinnehmen kann: Amerikanische Firmen verlieren jedes Jahr Daten im Wert von 250 Milliarden Dollar an ausländische Hacker, schätzt das auf elektronische Kriegsführung spezialisierte amerikanische Cyberkommando. Industriespionage gehört zur chinesischen Industriepolitik, ausländische Unternehmen, die in China ansässig sind, klagen häufig darüber.

Allerdings spionieren auch amerikanische Hacker im Auftrag der Regierung – und sie sind technisch sehr viel besser als die Chinesen. Trotzdem ist es ein Spiel, bei dem die Amerikaner verlieren. Denn in den USA leben vielleicht 500 Menschen, deren Chinesischkenntnisse für den Job eines Industriehackers ausreichen und die bereit sind, ihn zu machen. Umgekehrt gibt es in China unzählige Hacker, die Englisch sprechen.

Leserkommentare
    • 29C3
    • 02. Mai 2013 12:53 Uhr
    2 Leserempfehlungen
  1. ...da die Angriffe hauptsächlich während chinesischer Kernarbeitszeiten durchgeführt werden? Aha, welch bestechend eindeutiger Beweis. Vorallem wenn man bedenkt, dass dieses Land wegen seiner laschen Arbeitsgesetze als Produktionsstandort so beliebt ist.

    Nicht, dass ich das den Chinesen nicht zutraue, aber die USA hier als Opfer der roten Cyberinvasion hinzustellen ist schon ziemlich schräg. Soweit ich weiß, hat die USA auch im Virtuellen die mit Abstand schlagkräftigste Armee. Und sie ist auch das einzige Land, dass es als legitim ansieht auf virtuelle Angriffe mit konventionellen Waffen zu antworten.

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  2. kann mir hier jemand helfen?
    Um welchen Aufstand dieser Organisation dreht es sich hier?

    Soweit mir bekannt ist, wurde diese Organisation verboten und zerschlagen, da sie einfach zu groß wurde und somit eine Gefahr für das Regime darstellte.

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    Einfach mal hier nachlesen:

    http://www.religio.de/dia...

    Da äußert sich der Politologe und Sinologe Thomas Heberer, der gewiss nicht der Regierungshörigkeit bezichtigt werden kann.

  3. "Das Internet war eine Welt, die der KP gänzlich fremd war. Und es im Grunde noch immer ist: Die chinesische Regierungselite besteht aus Männern zwischen 50 und 60 – im Netz sind drei Viertel aller Nutzer keine 30."
    Ist ja fast so schlimm wie bei uns. Nur dass bei uns die Politiker älter sind.

  4. Einfach mal hier nachlesen:

    http://www.religio.de/dia...

    Da äußert sich der Politologe und Sinologe Thomas Heberer, der gewiss nicht der Regierungshörigkeit bezichtigt werden kann.

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    Antwort auf "Falun Gong Aufstand?"

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  • Schlagworte Barack Obama | China | USA | Allianz | Cyberwar | Internet
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