Manchmal liegt Andreas Voßkuhle auf der Ledercouch in seinem Büro am Stadtrand von Karlsruhe, liest in den Akten, von denen sich viele auf seinem Schreibtisch türmen, schaut ins Grüne und denkt nach. Es sind große Fragen, die ihn umtreiben, die Rettung des Euro, die Rolle der Europäischen Zentralbank oder das Recht des Staates, Menschen zu töten, um Terroranschläge zu verhindern. Was Voßkuhle denkt, fließt in die Urteile des Bundesverfassungsgerichts ein, und die werden gehört, gelegentlich ändern sie sogar die Republik. Andreas Voßkuhle, der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, ist ein mächtiger Mann.

Er selbst würde sofort aufspringen vom Sofa und widersprechen, er sei gar nicht mächtig, seine Stimme zähle nicht mehr als die jedes anderen Richters in Karlsruhe, und das Gericht tue nur, was ihm das Grundgesetz aufgegeben habe: über die Verfassung zu wachen und sie bei Streitigkeiten auszulegen. Die Politik habe stets die Initiative, Karlsruhe kontrolliere nur, justiere ab und an ein wenig nach, mehr nicht.

Voßkuhle ist groß, kaum ein Gesprächspartner, auf den er nicht herabschaut, den Hals leicht vorgereckt, interessiert lächelnd. Er ist Jahrgang 1963, ein Babyboomer, das Alter hat noch keine Spuren im Gesicht hinterlassen. Seine Stimme ist sanft und unaufgeregt, und wenn man ihm so zuhört, könnte man fast glauben, mit der Macht des Gerichts sei es tatsächlich nicht weit her.

Woher kommt dann aber die kaum verhüllte Wut, mit der Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich eben erst über Voßkuhle gesprochen hat? Wenn ein Verfassungsrichter Politik machen wolle, solle er bitte schön für den Bundestag kandidieren. Das war, nach den gängigen Maßstäben, eine rhetorische Blutgrätsche. Dabei hatte der Gerichtspräsident nach den Anschlägen von Boston lediglich zu Besonnenheit gemahnt, eigentlich kaum mehr als eine Floskel.

Und Friedrich ist kein Einzelfall. Auch andere Regierungsmitglieder beschweren sich über Voßkuhle, nur meist nicht öffentlich. Seit Voßkuhle vor Kurzem in Berlin ein Hintergrundgespräch mit Hauptstadtjournalisten führte, wächst auch bei vielen, die dem Gericht wohlgesinnt sind, ein Unbehagen. Voßkuhle übertreibe es. Voßkuhle spiele sich in den Vordergrund. Voßkuhle gehe es zu sehr um Voßkuhle.

Über die "Arschlöcher in Karlsruhe" zürnte Herbert Wehner

Was ist da los? Woher kommt diese neue Giftigkeit? Der Konflikt zwischen Gericht und Politik ist nicht neu, Zoff hat es immer wieder gegeben, wegen einzelner Urteile, auch wegen einer vermeintlich allzu starken öffentlichen Präsenz einzelner Richter. Das kann auch kaum anders sein. Die Grundspannung zwischen den Institutionen ist in der Gewaltenteilung angelegt: Das Gericht soll die Politik kontrollieren, soll ihr widersprechen, soll sie gelegentlich korrigieren. Und Karlsruhe tut das auch, längst nicht so oft, wie es manchmal scheint. Aber oft genug.

Das macht keinen Politiker glücklich, und es braucht einige Demut, diese Zurechtweisungen hinzunehmen. Die hat nicht jeder. Legendär ist die Schmähung der "16 Arschlöcher in Karlsruhe", die Herbert Wehner zugeschrieben wird. Im Hintergrund hört man derlei immer wieder, nur weniger drastisch. Die Karlsruher sagen dann gern, das störe sie nicht. Es spreche ja nicht gegen ein Verfassungsgericht, wenn es von der Regierung nicht immer geliebt werde.

Und doch ist etwas passiert, mit Karlsruhe, mit der Politik und mit Voßkuhle. Etwas hat sich verändert, und dieses Etwas heißt Europa.

Übersee-Club Hamburg, vor ein paar Wochen. Viel graues Haar, viel blaues Tuch, Voßkuhle spricht über das Verfassungsgericht und Europa. Seine Argumente sind elegant, komplex, zur Freude der Hanseaten streut der Präsident auch ein paar maritime Metaphern in seine Rede. Nach einer Stunde ist Schluss. Herzlicher Beifall. Keine Fragen, keine Diskussion.

Wie ein begnadeter akademischer Lehrer habe es Voßkuhle verstanden, schwärmt der Moderator, das Publikum auf seine argumentativen Höhen zu führen. "Wir fühlen uns gut aufgehoben bei diesem Bürgergericht."