Anglerverein : Einheit mit vielen Haken

Die deutschen Angler in West und Ost stritten sich 23 Jahre lang, nun überwinden sie die Teilung. Doch die schwierigsten Monate stehen ihnen noch bevor.

Im Deutschland des Jahres 2013 ist die Einheit ein Verdienst des Kormorans. Der Kormoran ist ein prächtiger Vogel mit schwarzem Gefieder, der sich Fische tauchend erbeutet. Die westdeutschen Angler mögen ihn nicht, die ostdeutschen mögen ihn auch nicht. Und das ist eine ihrer wenigen Gemeinsamkeiten. "Beide haben wir den Kormoran zum Schießen gern", sagt Peter Mohnert.

Beide – das sind er, der Chef des Anglerverbands West, und Günter Markstein, der Chef des Anglerverbands Ost. Der eine, Mohnert, ist Präsident des Verbands Deutscher Sportfischer (VDSF), der andere, Markstein, Präsident des Deutschen Anglerverbands (DAV). Diese Männer sind die Hauptfiguren in einem der letzten deutschen Einheitsmärchen.

Die deutschen Angler vereinen sich, nicht nur im Kampf gegen den Kormoran, der ihrer Ansicht nach zu viel Fisch wegfrisst: Zwei Dachverbände werden zu einem. Das Vereinsregister muss die Verschmelzung in den kommenden Monaten nur noch bestätigen.

Annähernd 23 Jahre nach der großen deutschen Wiedervereinigung nun also die Einheit im Kleinen. Das klingt nach einer drollig-guten Nachricht aus der fernen Welt der Fischer, die doch angeblich in aller Seelenruhe am Wasser hocken und die Dinge gemächlich angehen lassen, auch die Wiedervereinigung.

Aber dieses Märchen hat mehr als einen Haken. Die Fusion der Angler ist eher Krampf als Kampf. Ihr Zustandekommen offenbart, was im Deutschland der Nachwendezeit so schief gehen konnte. Und dass den vereinigten Anglern die schwierigsten Monate noch bevorstehen, kann jeder ausrechnen: Der neue, vereinigte Dachverband nämlich, der Deutsche Angelfischerverband (DAFV), wird wahrscheinlich etwa 608.000 Mitglieder haben. Nur: Der West-Verband allein hatte bislang 652.000, also 40.000 mehr. Ost plus West ergibt ein Minus?

Fusionieren wollte man nicht

Wer das verstehen will, der kann zum Beispiel mit ebenjenem Peter Mohnert sprechen. Mohnert führt zwar den Verband der West-Angler, aber er ist ein Ostdeutscher. Er lebt in Naunhof bei Leipzig und sieht an einem der ersten sonnigen Frühlingstage des Jahres schon ziemlich braun gebrannt aus. Mohnert sagt, er habe einst mit dem Fischen begonnen, weil er in der Nachkriegszeit so oft Hunger hatte. Heute ist er extra von Naunhof nach Dresden gefahren, an die Elbe, weil er es dort so schön findet. Dies ist die passende Atmosphäre, um das Glück der Angler-Einheit zu erklären.

Auf dem Fluss müht sich ein Entenpaar die Strömung hinauf, der 70-Jährige steckt die Hände hinter dem schon etwas krummen Rücken in den Gürtel, später holt er Decken aus dem Kofferraum. Eben hat Mohnert noch erklärt, dass er eigentlich keine Interviews gebe. "Ich glaube, dass man Ideen in einem Verband durchsetzen muss", sagt er, und das soll wohl so viel heißen wie: Ich rede nur intern. Aber dann gesteht er doch ein: "Man hat mir vorgeworfen, dass ich nicht ein einziges Mal gesagt hätte, was ich will." Mohnert ist einer, der lieber macht, statt zu reden; der seinen Willen durchsetzt, ohne zuvor andere davon zu überzeugen, was er will. Wie damals, nach dem Mauerfall.

Da war der westdeutsche Anglerverband auf den ostdeutschen zugekommen. Ob man sich nicht auch vereinen wolle? Man wollte nicht. Die Gründe dafür sind heute schwer zu rekonstruieren. Mochten sich die Verbandschefs einfach nicht? Hatte man schlicht anderes zu regeln als die Angler-Einheit? Waren die DDR-Bürger schon skeptisch geworden angesichts der Übernahmelust der alten Bundesrepublik? Mohnert jedenfalls gehörte damals noch zum Anglerverband Ost und wollte die Fusion unbedingt. Weil die anderen nicht mitmachten, trat er aus und in den VDSF ein.

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Kommentare

19 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Na, dann fragen Sie mal meinen Nachbarn, der bei regelmäßigen

Spaziergängen an Berliner Seen, die auf dem Trockenen zappelnden Fische elend verrecken sieht.
Ich finde diese Haltung: Natur ist nur für mich (als Mensch) da und wer mir mein Spielzeug wegfrisst, ist mein Feind und muss vernichtet werden, nicht nur ärgerlich, er ist ein ausgemachtes Verbrechen.
Hier eine NABU-Stellungnahme zu dem Abschuss von Kormoranen im Saarland.
http://www.nabu-saar.de/l...