Angela MerkelBei den dicken Fischen

Dass Angela Merkel eine gewiefte Machtpolitikerin ist, erwies sich schon vor der Wende: Damals führte sie einen Angelverein. von Anne Hähnig

Schwer zu sagen, ob es Angela Merkel wirklich ums Angeln ging. Aber sie ist in einen Angelverein eingetreten, damals, als es die DDR noch gab. Ach was: Sie hat ihn mit geführt.

Als junge Frau wollte Merkel, zu Hause in der Uckermark, mit dem Boot über den See schippern. Das war vor allem den Mitgliedern des Angelvereins in Hohenwalde möglich – und den meisten anderen nicht. Also wurde Merkel Mitglied dieses Clubs. Und, schon damals mit machtpolitischem Gespür ausgestattet, ließ sich dann sogar in den Vorstand wählen.

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Ein Anruf in Hohenwalde – dort, wo Angela Merkel einmal Angelclub-Mitglied war. Was hat sie so erreicht, im Vorstand? Fragen wir ihren Nachfolger, den heutigen Vorstandschef des örtlichen Angelvereins: "Kein Kommentar", lautet die Antwort. Und auch kein Kommentar dazu, warum es keinen Kommentar gibt. Heinz Feldmann, Vorsitzender des Kreisanglerverbands im benachbarten Templin, mithin zuständig für Hohenwalde, ist redseliger: Merkel sei die Sportverantwortliche im Verein in Hohenwalde gewesen, habe Wettbewerbe organisiert. "Aber wenn die Bundeskanzlerin im Bundestag redet, dann merke ich nicht, dass die mal Anglerin war", sagt Feldmann. "Angela Merkel setzt sich gar nicht für die Interessen der Fischer ein, obwohl sie hier in Hohenwalde doch erleben konnte, wie wichtig der Angelsport ist."

Die Bundeskanzlerin besitze einen Angelschein, bestätigte einmal ihr Sprecher. Sie finde allerdings nur mehr selten noch Gelegenheit, "in Muße am Teich zu sitzen".

Und dann setzt Fischer-Funktionär Feldmann zu einer Klagerede an: Früher habe das Angeln noch Spaß gemacht, sagt er. Inzwischen sei das Vereinsleben in der Uckermark müßig geworden, der Nachwuchs fehle. "Ich habe mehr Angler im Alter über 80 als unter 18", meint Feldmann. Finanzbehörden machten regelrecht Jagd auf Vereine, überprüften pingeligst, ob diese tatsächlich gemeinnützig wirtschafteten. Bald müssten einige Vereine auch um ihre Gelände fürchten. Die ursprünglichen, zu DDR-Zeiten enteigneten Besitzer erhöben Ansprüche darauf. Um die Ehrenamtlichen bei Laune zu halten, würden wie zu DDR-Zeiten noch Auszeichnungen vergeben: die bronzene, die silberne, die goldene Nadel, Ehrenurkunden, Ehrenspangen.

Dass sie damals im Club gleich an die Spitze gegangen ist, erzählt etwas über Angela Merkel, natürlich: Sie ist Strategin, offenbar immer schon gewesen. Sie denkt die Dinge vom Ende her. Vor allem aber verrät dieser Vorgang aus der DDR auch etwas über das Angeln: Es geht dabei offenbar nicht darum, Fische zu fangen. Es geht entweder um weniger – nämlich darum, keine Fische zu fangen, Ruhe zu finden. Oder es geht um viel mehr: um Politik, um Macht, um Bündnisse. Denn Angeln ist politisch.

George W. Bush, der frühere US-Präsident, fischt gern, sein Nachfolger Barack Obama ließ sich schon mit Angelrute fotografieren, Wladimir Putin ebenfalls, natürlich oberkörperfrei. Sogar Helmut Kohl hat sich ablichten lassen bei einem gemeinsamen Fischerausflug – damals mit dem indonesischen Herrscher. Das sagt etwas über die Politiker, aber auch über das Angeln selbst: Kaum ein Staatschef will gern beim Jagen, mit der Waffe, gesehen werden. Die Angelrute ist da schon eher ein Vorzeigeobjekt. Sie hat nichts Brutales, nichts Beängstigendes, allenfalls etwas Geheimnisvolles – auch deshalb, weil Angler meist kein Publikum haben. Wer anderen beim Fischen zuschaut, könnte auch einer Eiche beim Wachsen zusehen.

Schafft das Angeln nicht nur pragmatische Allianzen, sondern auch Loyalität, echte Verbundenheit?

Manche Fischer tun sich zusammen – und manchmal bilden sich so bemerkenswerte Allianzen. Jan Korte, Bundestagsabgeordneter der Linken, zeigte vor zweieinhalb Jahren größtes Interesse an einem Angelausflug mit Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU). Der hatte in einem Spiegel- Gespräch gesagt, er nehme gern jeden zum Angeln mit, der Spaß daran habe – was selbst Politiker der Linkspartei einschließe. Auch der Hauptstadt-Journalist Christoph Schwennicke fischte einst mit Ramsauer in dessen eigenem Weiher. Seitdem die beiden gemeinsam einen Karpfen aus dem Wasser gehievt haben, könne er keine Porträts mehr unvoreingenommen über den CSU-Mann schreiben, bekennt Schwennicke in seinem Buch Das Glück am Haken .

Bleibt die Frage, wie es weiterging in Angela Merkels Revier: Kann man da heute ohne Angelschein unkompliziert mit dem Boot auf die Seen hinaus? Aber natürlich, antwortet Kreisanglerverbandschef Heinz Feldmann. Angela Merkel müsste heute nicht mehr Mitglied bei ihm werden.

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