Olivia Webb panscht in einem Messbecher aus dem Supermarkt eine reichlich unappetitliche Flüssigkeit zusammen. Webb ist Wissenschaftlerin, was man nicht vermuten würde, wenn man sie in ihrem Arbeitskeller in Pittsburgh, Pennsylvania, stehen sieht. Destilliertes Wasser, Backpulver und Essig: Diese Zutaten mischt Webb so lange zusammen, bis die Brühe dem pH-Wert von Blut entspricht. Als Nächstes nimmt die Biologin ein kleines blau blinkendes Gerät zur Hand und tunkt es unter. Das Blinklicht erlischt, das ist schlecht. Es bedeutet nämlich, dass der Apparat im Blut nicht funktionieren würde. Dabei soll er so bald wie möglich, spätestens im September, in einen menschlichen Oberarm implantiert werden.

Das Implantat ist die neueste Erfindung einer Gruppe junger Biologen, Computerexperten und Tüftler. Wenn es nach ihnen geht, sollte bald jeder ein solches Gerät in sich tragen. Es misst wichtige Funktionen des Körpers und soll verhindern, dass der Mensch krank wird. Wie das geschieht? Eine schmale Platine, klein wie ein Feuerzeug, zeichnet Herzschlag und Körpertemperatur auf und schickt die Daten übers Handy ins Internet.

Tim Cannon, 33, ist der Softwareingenieur der Gruppe und außerdem sein eigenes Versuchskaninchen. Ihm soll das Gerät in den Arm gesetzt werden, eingepackt in eine Hülle, damit es nicht mit Blut in Berührung kommt. Andernfalls platzt die Batterie im Apparat, und Cannon stirbt. Sein Herz und seine Nieren würden vergiftet, sagt er, innerhalb von Minuten. Es schreckt ihn nicht. "Nur wenn wir mit dem eigenen Körper experimentieren, können wir den Wettlauf mit den großen Konzernen gewinnen." Cannon geht es um die Frage, wer das Sagen über die Gesundheit der Menschen hat: Punks wie er selbst oder die Krawattenträger in den großen Medizinkonzernen. Er steigt die wacklige Treppe hinauf, die zum Büro der Gruppe führt, einem kleinen Raum mit aufgeschraubten Computern auf dem Holzfußboden und zerschlissenen Polstersesseln.

Die USA ist dieser Tage ein Land in erregter Gründerzeitstimmung: Amateure, Wissenschaftler und Unternehmer richten in Küchen, Kellern und Garagen ihre Labore ein. Sie nennen sich Bio-Hacker, Do-it-yourself-Biologen oder Bio-Punks. Sie züchten Zellen, setzen Gene neu zusammen und entwickeln Implantate. Es ist eine junge Bewegung, die sich lustvoll und neugierig auf das Leben stürzt, das sich da vor ihnen in Petrischalen und Reagenzgläsern windet.

An dem medizintechnischen Fortschritt, für den sich die Bio-Punks interessieren, wird auch in Konzernen und an Universitäten geforscht. Neue Apparate und Testverfahren gelten als nächste Innovation schlechthin, welche die Lebensqualität der Menschen erheblich verbessern soll. Obendrein sollen die Menschen dadurch auch produktiver werden. Forscher und Unternehmer erhoffen sich so einen regelrechten Schub für das Wirtschaftswachstum – so wie nach der Erfindung der Dampfmaschine und der Entwicklung des Internets. Bill Gates, Gründer des Softwarekonzerns Microsoft, des größten Computerprogramm-Herstellers der Welt, sagt in einem YouTube-Video, wenn er heute jung wäre, würde er sich an der Nahtstelle von Computern und Medizin aufhalten. Für den Einsatz von Software zur Verbesserung der Medizin breche ein "goldenes Zeitalter" an.

In einer Firma will man bald lebensfähige Haut drucken

Es gibt viele Jungunternehmer, die genau daran glauben und dabei aufs große Geld hoffen. Bei BioCurious etwa, einem Bio-Hacker-Labor in San Francisco, mieten sich regelmäßig Investoren ein. Die neueste Entwicklung ist ein 3-D-Drucker, der Zellen von Pflanzen, Tieren und Menschen zu Gewebe verbinden kann. In dem Prozess werden einzelne Zellen mit Lasertechnik quasi miteinander verschmolzen, das Verfahren ist bei Kunststoffen schon marktreif. Aber nicht nur BioCurious, auch Spitzenforscher am Massachusetts Institute of Technology (MIT) versuchen, den 3-D-Druck auf menschliches Gewebe zu übertragen. Der Unterschied: Die Bio-Hacker haben den Bauplan ihres neuen Druckers veröffentlicht.

Bald hofft man bei BioCurious, lebensfähige Haut drucken zu können. In ein vergleichbares Start-up hat der deutschstämmige Peter Thiel einen sechsstelligen Betrag investiert. Thiel gilt als einer der konsequentesten, radikalsten Wagniskapitalgeber in den USA. Sein bislang größter Erfolg war ein frühes Investment in das Soziale Netzwerk Facebook, und insofern hoffen viele Bio-Hacker nun, mit Thiel einen Wegbereiter für den wirtschaftlichen Erfolg gefunden zu haben.