Für Angelo Merendino scheint Zeit keine Rolle zu spielen. Beim Erzählen wechselt er zwischen Momenten, die zwei Tage, einige Monate oder mehrere Jahre zurückliegen, als sei alles Erlebte gleich lange her. Als wäre es gestern gewesen, schildert er den Augenblick, in dem er Jennifer vor acht Jahren das erste Mal aus ihrem schwarzen Käfer aussteigen sah, unvermittelt spult er zwei Jahre vor bis zum Tag ihrer Hochzeit im Central Park, überspringt noch einmal vier, bis er bei dem Moment anlangt, in dem seine Frau in seinen Armen stirbt, zu Hause im Wohnzimmer in Manhattan, am 22. Dezember 2011.

Jennifer. Wenn der New Yorker Fotograf Merendino ihren Namen ausspricht, macht er danach eine Pause. Sekunden dauert es, bis er den Satz weiterführt, gerade wenn man sich fragt, ob die Telefonleitung vielleicht gekappt worden ist, spricht er weiter. "Jennifer ... war einer dieser Menschen, die immer das Beste aus dem Leben machten, Jennifer ... hat immer das Gute in allem gesehen." Wer mit Merendino über seine Frau redet, trifft auf die Obsession, mit der sonst nur akut Verliebte den Namen des anderen in Dauerschleife denken und aussprechen. "Jennifer war die Liebe meines Lebens, mein bester Freund, ich werde immer in sie verliebt sein" – es ist der verzweifelte Trotz von jemandem, der nicht zulassen will, dass sich irgendetwas auf die Wunde legt, weil schon die dünnste Schicht ein Stück Heilung und damit Abstand bedeuten würde. Merendino will das nicht zulassen. Deshalb erzählt er von seiner Frau, unermüdlich, deshalb bedankt er sich während des Gespräches immer wieder fürs Zuhören, ermuntert, neue Fragen zu stellen. Und klingt bei seinen Antworten heute, auch nach eineinhalb Jahren, noch so, als käme er gerade erst von Jennifers Sterbebett.

The Battle We Didn’t Choose – My Wife’s Fight With Breast Cancer (in etwa: "Die Schlacht, die wir nicht wollten – Der Kampf meiner Frau gegen den Brustkrebs"), so heißen Merendinos Foto-Blog und die dazugehörige Facebook-Seite, auf der der 40-Jährige seine Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die in diesen Tagen um die Welt geht. Amerikanische Medien, englische, französische, portugiesische, finnische, norwegische, spanische, italienische, brasilianische Zeitungen, dazu unzählige Blogs und Onlineportale berichten über Merendino, die Fanzahl seiner Seiten explodiert, über 60.000 sind es im Moment, jede Minute kommen neue dazu, täglich sind es Hunderte, manchmal Tausende von Menschen, die sich neu einloggen in das, was man einen Livestream der Trauerarbeit nennen könnte.

My Wife’s Fight With Breast Cancer ist das virtuelle Tagebuch einer Krebserkrankung, die erste umfassende, intime digitale Dokumentation des Alltags zweier Menschen, die gemeinsam beschlossen haben, bis zum Schluss gegen die Krankheit Brustkrebs zu kämpfen – und die den Kampf am Ende verlieren. Merendino hat das Internet gewählt, um nicht nur das tägliche Leben mit seiner unheilbar kranken Frau, sondern auch ihren Tod und die Zeit danach zu teilen. Schonungslos stellt er seine Gefühle ins Netz, online kehrt er sein Inneres nach außen. Ebenso wenig wie seine Erzählungen am Telefon folgt die Zeitleiste dabei einer Chronologie, auch bei Facebook fallen die Zeitebenen durcheinander, gerade das ist das Besondere an seiner Bildergalerie.

Die Köpfe aneinandergelehnt, Bierflaschen an den Lippen, der Blick direkt in die Kamera – Angelo und Jennifer: das erste Bild auf der Seite. Die beiden sitzen auf den Stufen eines Hauses, es sieht nach Sommer aus, ein selbst geknipster Schnappschuss, ein kurzer Ausschnitt aus dem Überfluss eines Tages voller beiläufigem, leichtem Glück, das, wenn man ein paar Bilder weiterklickt, wie das größte erscheint, das es überhaupt geben kann. Schon drei Aufnahmen später hält Jennifer, die um Jahrzehnte gealtert scheint, zwischen Schläuchen, Pflastern, einem Tropf und Tablettenschachteln in einem Krankenhauskittel den kahlen Kopf in ihren Händen; gezeichnet von der Krankheit, ist sie immer noch hübsch, auch wenn sie müde aussieht, ihr Gesicht sich vor Schmerz verzieht. Mit seiner Kamera folgt Merendino dem Körper seiner Frau von der Zeit vor der Erkrankung bis ins Endstadium, begleitet die Veränderungen, die zunehmende Schwäche, vor allem aber fängt er ihre Blicke ein, ihr Lächeln. Die Botschaft dabei scheint immer dieselbe zu sein: Hier, das ist Jennifer, seht ihr, wie hübsch sie ist? Und: Wenn wir alle sie sehen, kann sie doch nicht wirklich weg sein, oder?

Dabei hat Merendino den Beweis ihres Todes selbst hochgeladen. Ein leeres Bett hat er fotografiert, "Jennifer hat ihre Schönheit, ihre Anmut und ihre Liebe an einen höheren Ort mitgenommen", postet er einen Tag nach ihrem Tod im Dezember 2011 auf der Facebook-Seite. Täglich veröffentlicht Merendino seitdem neue Bilder. Zehntausende entstanden über die Jahre, die meisten schwarz-weiß, Großaufnahmen, Porträts, Alltagsszenen. Immer neue Alben stellt er zusammen, versieht sie mit dem Datum, an dem sie aufgenommen worden sind, ergänzt sie um eine Anekdote, ein Zitat oder auch nur ein schlichtes "Ich vermisse Jen".

Das Facebook-Tagebuch, das er bis zum heutigen Tag führt, ist die Verlängerung dessen, was er und seine Frau einmal gemeinsam begonnen haben. Eigentlich waren die Bilder nur für Freunde und die Familie gedacht, Angelo Merendino stellte sie online ausgewählten Menschen zur Verfügung. Als Jennifer im Februar 2008, fünf Monate nach ihrer Hochzeit, im Alter von 36 Jahren die erste Krebsdiagnose bekommt und damit die "Reise", wie die beiden die Zeit der Krankheit oft genannt haben, beginnt, erfährt das Paar eine Welle der Unterstützung. Freunde, Familie, Kollegen aus der Kosmetikfirma, in deren Marketingabteilung Jennifer arbeitete, stehen hinter ihr, als der Krebs ihr die Brüste, die Eierstöcke, die Lymphknoten nimmt und sie ihre erste Chemo- und Bestrahlungstherapie antritt.