Kann ein Duft Thema einer ganzen Ausstellung sein? Ein Parfum, nichts als ein flüchtiger, immaterieller Eindruck? In Paris läuft derzeit im Palais de Tokyo eine Schau zu Chanel No 5, und für ihren künstlerischen Leiter Jean-Louis Froment ist das 1921 von Coco Chanel kreierte Parfum nichts Geringeres als das ästhetische Manifest einer Epoche.

Wenig deutete darauf hin, dass die uneheliche Tochter eines Hausierers aus den Cevennen einmal ins Zentrum der Avantgarde rücken würde. Nach dem Tod ihrer Mutter lieferte der Vater die Zwölfjährige im Klosterwaisenhaus von Aubazine ab und verschwand aus ihrem Leben. Heute sind schon diese Zisterziensermauern, in denen Chanel sechs Jahre lang streng erzogen wurde, eine Fundgrube für die Parfum-Exegeten. Da ist nicht nur der mittelalterliche Klostergarten voller Düfte, sondern auch die zentrale Rolle, die der Ordensgründer Bernard von Clairvaux Inzens und Ölungen für die geistige Reinigung zuschrieb. Da sind die Vitrinen der Klosterkapelle, deren abstraktes Muster auf das Doppel-C der Coco-Chanel-Signatur vorausweist.

Ursprünglich, unterstreicht der Kurator, "ist das Doppel-C auf dem Stopper des Flakons aufgetaucht, auf dem Glas! Nicht auf dem Etikett. Und das ändert alles." Auch die Ziffer Fünf spielt in Aubazine als Element der esoterischen Numerologie bereits eine Rolle. Sie beherrscht die Klosterarchitektur, ist in Wände, Türen und Fußböden eingeprägt. In der katholischen Mystik steht die Fünf für die Quintessenz und den Geist. Doch in Paris wird man Zeichnungen, Gemälde, Partituren, Briefe, Phiolen, Hüte, Dada-Objekte, einen Garten und ein kleines Schwarzes sehen.

Mit zwanzig ist Chanel eine kleine Provinznäherin, die sich als Kabarettspatz ein Zubrot verdient. Dann steigt sie zum ausgehaltenen Mädchen auf und bekommt als Spielzeug von ihrem Beau 1910 ein Hutatelier in Paris. Doch nun überschlagen sich die Ereignisse. Als sich die Hüte verkaufen und Chanel expandieren möchte, reicht man sie an den englischen Bergwerksbesitzer Boy Capel weiter, der nicht nur ihre große Liebe wird, sondern ihr auch seinen Geschäftssinn zur Verfügung stellt. Mit Boys Hilfe gründet sie Modegeschäfte in Paris und dem Seebad Deauville. Der Erste Weltkrieg kommt ihren an sich provokativen, aber nun als angemessen schlicht empfundenen Jerseyentwürfen entgegen, außerdem schafft er Paul Poiret und seine orientalisch inspirierten Humpelröcke aus dem Weg. In den für Chanel entscheidenden Jahren ist der tonangebende Couturier mit der stoffsparenden Umarbeitung der französischen Uniformröcke ausgelastet. Und als man in Versailles den Frieden unterzeichnet, hat Chanel die Mode revolutioniert.

Inzwischen gehört sie zum Kern Pariser Künstlerzirkel. Die Schau zeigt einen Brief an Cocteau, in dem Chanel erwägt, zu Tristan Zara und Francis Picabia nach Tirol zu reisen. Froment bringt der Brief darauf, das winzige No-5-Etikett mit seinem für die frühen Zwanziger unerhört minimalistischen Schriftzug im Kontext der visitenkartengroßen, maschinenschriftlichen Pamphlete anzusiedeln, mit denen die Dadaisten ihre Happenings annoncierten.

Der Geist der Reduktion lag in der Luft. Chanel ließ sich ihr Geschäft von Jean-Michel Frank, der französischen Verkörperung der Bauhaus-Ideen, gestalten. Doch für den von allen Schnörkeln befreiten No-5-Flakon, der die opulenten Visionen ihrer Mitstreiter schlagartig deklassierte, gibt es noch eine andere Korrespondenz. Chanel-Biografen gehen davon aus, dass es die kantigen Spirituosenflaschen in Boy Capels Reisenecessaire waren, auf die seine Freundin stilistisch zurückgriff. Eine Kopie, ein Readymade: Coco Chanel verzichtete auf die schöpferische Lizenz und entdeckte die Schönheit des industriellen Objekts. Marcel Duchamp jedenfalls, der Vater des Readymade, stellte im No-5-Geburtsjahr selbst ein Parfumfläschchen als Readymade vor. Zu seiner Konzeptkunst gibt es weitere Parallelen. Während er sich das weibliche Alter Ego "Rrose Sélavy" zulegte, mit Damenhut, Pelzstola, Locken und Lippenstift posierte und seinem zweiten Ich auch die Autorschaft an der sehr femininen Parfumskulptur zuschrieb, kultivierte Coco Chanel in Auftreten, Mode und spröder No-5-Verpackung ein eher maskulines Selbst. Dass sich Rrose Sélavys Hut in einem Apollinaire-Kalligramm wiederfindet, man diesen Hut auch an Picasso sieht und er sich als Kreation Cocos identifizieren lässt, ist ein weiteres Indiz für die derzeit zirkulierenden Gender-Spiele.