An einem Tag vor sechs Jahren beschloss Kunstlehrer Ma, seine Heimat Ordos zu verlassen. Die Geschäftspraktiken dort waren ihm zu krass geworden. Einst war Ordos ein armer Flecken in der Inneren Mongolei, einer Provinz im Nordosten Chinas. Dann entdeckten Geologen dort im Jahr 2000 gewaltige Kohle- und Gasvorkommen. Die Stadtoberen und einige Bauentwickler witterten eine goldene Zukunft. "Es wurde gebaut, als ob es kein Morgen gäbe", erzählt Ma. Doch für wen eigentlich? Am Ende zogen kaum Menschen in die neuen Wohnungen, Ordos wurde zu Chinas berühmtester Geisterstadt. Kredit hatte Beton geschaffen und Beton Kredit, bis nichts mehr ging.

Im Mittelpunkt: die Drachenkopfbosse. Unternehmer, die die Unterstützung der Regierung genießen. "Die Banken geben ihnen ein paar Hundert Millionen Yuan Kredit, doch das reicht ihnen nicht", sagt Ma. "Also nehmen sie bei kleinen Leuten zu höheren Zinsen Kredit auf. Menschen, die jahrelang gearbeitet haben, um sich 50.000 oder 500.000 Yuan zusammenzusparen" (umgerechnet 6.000 oder 60.000 Euro). Inzwischen aber können viele Bosse das geliehene Geld nicht zurückzahlen. "Die kleinen Leute sind verzweifelt", sagt Ma. "Einige haben sich von Hochhäusern gestürzt. Andere greifen zu Selbstjustiz. In nur zwei Monaten wurden zehn Menschen deswegen ermordet."

Das Wunder von Ordos, es beruhte auf einer gewaltigen Blase.

Das Wachstum sinkt, die Kreditmenge explodiert – wie passt das zusammen?

Ordos ist ein Extremfall. Berüchtigt im ganzen Land. Und doch zeigt sich hier im Extremen ein Problem, über das die Ökonomen des Landes derzeit heftig diskutieren. Florieren doch überall in China Schattenbankgeschäfte, leben Kommunen über ihre Verhältnisse, weitet sich die Kreditmenge aus. Und viele fragen: Wie sehr lebt China auf Pump? Und wie gefährlich könnte das werden?

Gerade sorgten zwei Zahlen für Aufregung. Die eine betrifft das Wirtschaftswachstum, die andere die Kreditmenge. Chinas Wirtschaft wuchs in den ersten drei Monaten dieses Jahres langsamer als erwartet um nur 7,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Acht Prozent galten lange als das Mindeste, um soziale Unruhe zu vermeiden. Gestützt wird der negative Befund durch weitere Zahlen wie das geringe Wachstum der Industrieproduktion. Auf der anderen Seite ist die Kreditmenge stark angestiegen. Laut Regierungsstatistik, die zumindest einen Teil der Schattenbankenkredite mit einrechnet, ist sie zuletzt um 23 Prozent gewachsen. Eine Ausweitung der Kreditmenge sollte eigentlich zu einem höheren Wachstum führen. Doch wo bleibt das?

Michael Werner von der Analysefirma Bernstein bezweifelt, dass dieser Mechanismus noch funktioniert. Drei Yuan Kredit erzeugten nur mehr einen Yuan Wachstum, sagt er.

"China steuert möglicherweise auf eine Finanzkrise zu", fügt der in China lebende OECD-Berater Jörg Wuttke hinzu. Er beobachtet die Ausweitung der Kredite mit Sorge, vor allem dort, wo das Geld über undurchsichtige Finanzprodukte in riskante Anlagen gesteckt wird.

Schon immer hatten es Privatleute und Kleinunternehmer schwer, bei Banken Kredit zu bekommen, weil diese ihre Mittel an Staatsunternehmen mit besserer Bonität verleihen können. Ende vergangenen Jahres aber ist der Anteil der Banken bei der Kreditvergabe sogar noch gesunken. Die Kleinen leihen also bei Verwandten und Bekannten, bei kleinen Finanzunternehmen, in der Schattenwirtschaft. Eigentlich wollte die Regierung die Branche der Privatverleiher ausmerzen, nachdem es im vergangenen Jahr in Wenzhou zu Massenfluchten und Selbstmorden kam, weil Pyramidensysteme zusammenbrachen. Doch solange die Regierung die Banken so reguliert, dass sie nur eine bestimmte Kreditmenge zu vergeben haben, bleibt ihr gar nichts anderes übrig, als den Schattenbanken Spielraum zu lassen. Als Kredithai und damit illegal gilt nur der, der mehr als sagenhafte 48 Prozent Zinsen einstreicht.

Wer die hohen Zinsen zu zahlen verspricht, geht in der Regel ein hohes Risiko ein. Das zeigt sich auch bei den in China weit verbreiteten Vermögensverwaltungsprodukten. Da schnüren Privatfirmen Finanzpakete aus Beteiligungen an großen Immobilienprojekten. Die Anteile werden für drei bis vier Monate verkauft – oft von Banken, ohne dass diese jedoch an der Zusammenstellung der Pakete beteiligt sind oder für diese haften. "Diese Produkte, das sagte sogar der frühere Zentralbankchef, gleichen einem Pyramidensystem", erklärt Wuttke. Sie funktionieren nur, solange alle mitmachen. Beginnen die Menschen aber, an ihnen zu zweifeln und ihr Geld abzuziehen, bricht alles in sich zusammen. Wenn aber erzürnte Kunden ihr Geld nicht zurückbekommen und vor den Banken protestieren, drängt der Staat die Banken dazu, diese zu entschädigen. "Woher aber kommt das Geld? Vom Steuerzahler", sagt Wuttke. "Und damit wird die Realwirtschaft unter schwindender Nachfrage leiden." Die Banken selbst haben ungeliebte Beteiligungen in diesen Anlageformen verpackt und auf diese Weise faule Kredite vergraben. Chinesische Banken gälten als wenig transparent, fügt Wuttke hinzu, "problematisch ist das Zusammenspiel von mangelnder Aufsicht und Korruptionswilligkeit".