DuisburgMassakrierte Pracht

Ein städtebaulicher Skandal: In Duisburg werden ein wunderbares Jugendstilviertel und eine Max-Taut-Siedlung dem Erdboden gleichgemacht. Viele sehen darin einen Präzedenzfall. von Judith E. Innerhofer

Eine Anwohnerin blickt in Duisburg-Bruckhausen in der Nähe der Hochöfenaus ihrem Fenster auf den Marktplatz. (Archivbild, 2007)

Eine Anwohnerin blickt in Duisburg-Bruckhausen in der Nähe der Hochöfenaus ihrem Fenster auf den Marktplatz. (Archivbild, 2007)  |  © picture-alliance/ dpa

Bagger, Bauschutt, Abrissbirnen. Klaffende Löcher tun sich auf in historischen Fassadenreihen, Baudenkmäler werden verstümmelt, ein ganzes intaktes Stadtquartier verwandelt sich in kürzester Zeit in eine Ruinenlandschaft, um bald ganz und gar verschwunden zu sein.

Sind wir wieder im Deutschland der Wirtschaftswunderzeit, als vom Frankfurter Westend bis zum Gänsberg in Fürth deutsche Baukunst im großen Stil dem dreisten Sanierungswahn zum Opfer fiel? Damals ging es darum, die eigene Vergangenheit schnell und unauffällig von der Oberfläche zu radieren. Heute treibt die Geldnot der öffentlichen Kassen die Zerstörung historischer Stadtviertel voran. Der größte Kahlschlag im westdeutschen Wohnungswesen seit gut dreißig Jahren ist in vollem Gang. Die Bevölkerung schrumpft, der Leerstand steigt, die Städte veröden, und den Kommunen geht das Geld aus. Also nimmt man Wohnungsbestände vom Markt. "Der Schrumpfungsprozess wird weiter zunehmen", sagt Andreas Fritzen, Professor für Städtebau an der Universität Bochum. "In bestimmten Regionen führt kein Weg am Rückbau vorbei, mittel- bis langfristig werden wir viel offensiver mit diesen Maßnahmen umgehen müssen."

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Was ein solcher Offensivrückbau bedeudet, lässt sich gerade in Duisburg beobachten, dem Zentrum des neuen deutschen Abrisswahns. Gleich zwei historische Quartiere im Norden der Stadt stehen auf der Abrissliste. Das eine ist die Gründerzeitsiedlung Bruckhausen: Jugendstilfassaden und Backsteinvillen, offene grüne Innenhöfe und platanengesäumte Straßen, die einmal eine kompakte urbane Insel zwischen der gigantischen Hüttenstadt von ThyssenKrupp, Eisenbahngleisen und Autobahn bildeten. Ende März haben die Bagger das fünfzigste von den geplanten 121 Abrisshäusern des Jugendstilviertels planiert – gut die Hälfte davon führt die Stadt in den Kategorien "denkmalswert" oder "Gebäude mit erhaltenswerter Substanz".

Durch die Planierung historischer Viertel soll die Stadt attraktiver werden

Marktplatz in Duisburg Bruckhausen

Marktplatz in Duisburg Bruckhausen  |  © picture-alliance/ dpa

300 Meter Luftlinie entfernt liegt der Zinkhüttenplatz, eine von Max Taut, einem der bedeutendsten Vertreter des sachlichen Bauens und der deutschen Architekturmoderne, Ende der 1950er Jahre entworfene Werksarbeitersiedlung: Blaue Balkonbrüstungen leuchten vor roten und gelben Klinkerfassaden, in ihrer Mitte eine weite Grünfläche mit bunten Kinderschaukeln und Parkbänken unter hohen Bäumen. Knapp 400 helle, intelligent geschnittene Mietwohnungen hat Taut in den luftigen Zeilenbauten angelegt, die als Musterbeispiel gelten für einen gerade heute wieder so sehr gesuchten menschlichen Wohnbau, der Individualität auch in der Masse ermöglicht. "Der Zinkhüttenplatz ist eine architektonisch-städtebaulich herausragende Wohnsiedlung. Als bedeutendes Siedlungsprojekt von Max Taut ist er unbedingt erhaltenswert", ist Architekturhistorikerin Annette Menting wie viele ihrer Kollegen überzeugt. Doch auch die Max-Taut-Siedlung soll planiert werden.

Im Duisburger Rathaus präsentiert man die "Sanierung" als Teil einer städtebaulichen Vision, die "einkommensstarke Haushalte" in die Stadt locken soll. "Wir sind stolz auf unsere Innenstadt, sie hat Duisburg eine neue Perspektive gegeben", sagt Planungsdezernent Carsten Tum. Von der großen Industriegeschichte und der bewahrenswerten Architekturtradition der Stadt ist keine Rede in der Zukunftsphraseologie der Planer. Und was das Jugendstilviertel Bruckhausen betrifft: "Ein Problemquartier", so Tum. Dort leben schließlich "Ausländer, Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger".

Wahr ist: Als Prototyp des "benachteiligten Quartiers" eignet sich der Duisburger Norden besonders gut, um das Gespenst der Stadtschrumpfung an die Wand zu malen. Gut 14.000 Wohnungen stehen leer, von 608.000 Einwohnern im Jahr 1975 sind heute nur mehr knapp 490.000 übrig geblieben, und allen Prognosen zufolge wird die Bevölkerung weiter zurückgehen. Bis zum Jahr 2030 wird Westdeutschland voraussichtlich jeden 20. Einwohner verlieren – Tendenz steigend.

Einen Rückgang der Haushalte von bis zu 3,8 Millionen erwartet das Bundesinstitut für Stadtforschung von 2025 an, weshalb "mittel- bis langfristig der Wohnungsleerstand nicht nur regional begrenzt, sondern wie in Ostdeutschland fast flächendeckend zum Problem werden könnte". Besonders prekär ist die Lage in rund 30 größeren Kommunen der alten Länder. Für Gelsenkirchen zum Beispiel wird bis 2030 mit einem Bevölkerungsrückgang von 9,4 Prozent gerechnet. Minus 14,7 Prozent sollen es in Hagen sein, zwischen 11 und 7 verlieren Bottrop, Bochum, Recklinghausen, Oberhausen und Herne. Und die Schrumpfung in Bremerhaven oder Saarbrücken zeigt, dass sich das Phänomen nicht nur auf den von der Montankrise gebeutelten Kohlenpott beschränkt. "Vielerorts ist es sinnvoll, darüber nachzudenken, Wohnungsbestände vom Markt zu nehmen, um die verbleibenden Stadtteile aufzuwerten", folgert Carsten Tum, der davon überzeugt ist, dass die Duisburger Abbruchstrategie "eindeutig ein Modell" für andere Städte sei.

Leserkommentare
    • k00chy
    • 10. Mai 2013 20:25 Uhr

    ...als sie eigentlich schon ist. Ganz abgesehen davon, dass die Menschen die dort bereits wohnen ein urbanes Viertel verlieren. Man gehe doch mal durch ein Gründerzeitviertel und danach durch eine traurige Neubausiedlung.

    19 Leserempfehlungen
  1. In dieser Siedlung ist es nicht nur gebaute sondern auch die gelebte
    Identität. Hier wurde eine gute Nachbarschaft auseinandergerissen.
    Von dem Investor für das Outlet-Center ist nicht bekannt, ob er die
    finanziellen Mittel überhaupt aufbringen kann.

    12 Leserempfehlungen
  2. Es muss noch viel mehr abgerissen werden, um die dann verbleibende Bausubstanz attraktiver gestalten und erhalten zu können. Grüngürtel und Parks sind hier attraktive Inseln, die ein urbanes Wohnen bereichern.

    Heruntergekommene Bauruinen, die ein ganzes Viertel herunterziehen können, bringen keinen Nutzen.

    Es ist hilfreich zu gestalten, dass Städte nicht nur in "Blütezeitphasen" wachsen können, sondern sich in "Sichtumzeiten" auch sich zurückentwickeln können.

    Im Ruhrgebiet steht viel Leerraum herum; mancher Eigentümer scheut die Abrißkosten und läßt es stattdessen verfallen. Solche Immobilien ziehen dann auch benachbarte Gebäude herunter. Die Preise eruieren weiter. In die Substanz wird nicht investiert; es wird verwohnt und weiter aufgezehrt.

    Abriß hilft wieder grüne Freiflächen zu erhalten. Es gibt Schlimmeres.

    3 Leserempfehlungen
  3. Und in anderen Städten, die von der Wirtschaft bevorzugt werden, oft nur,weil sie zentral liegen, herrscht akuter Wohnungsmangel und Mietwucher......

    Die in Deutschland (natürlich auch wegen der vielen Kleinstaaten) historisch gewachsenen Kultur und Städtchenlandschaft der Provinz verarmt Schritt für Schritt. In 8-10 Ballungszentren drängen sich idagegen immer mehr Leute.
    Hier nicht staatlicherseits stärker einzugreifen, der Wirtschaft bei Ansiedlungen allzu große Freiheit zu lassen, bedeutet auch, dass die Regierung die historische Dimension der Binnenmigration mit vielen traurigen Auswirkungen quasi ignoriert (man denke an die Selbständigen existenzen aussterbender Städte).

    Anstatt zu den Menschen zu gehen, fordert die Wirtschaft daß die Arbeitskräfte der Wirtschaft nachziehen. Es braucht staatliche Gegenregulierung, die( im Kapitalismus am zweckmäßigsten) über das Instrument finanzeiller Mittel geht.

    Wie wäre es mit einer Investitionszulage, die proportional zum Quadrat der (relativen) Arbeitslosenquote des jeweiligen Kreises ausgezahlt wird?

    3 Leserempfehlungen
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    Duisburg ist hier ein besonders krasses Beispiel:
    Das benachbarte Düsseldorf gehört zu den absoluten Hot-Spots der Miet- und Immobilienpreisentwicklung.
    In der vorletzen Printausgabe war eine Rankinglsiste der 10 teuersten deutschen Städte bzüglich Immobilienpreise enthalten Düsseldorf war neben Hamburg und Frankfurt die einzige Stadt, die nicht in Baden-Württemberg oder Bayern lag (der Rest waren: Bamberg, Erlangen, Rosenheim, Regensburg, Freiburg i.B., Stuttgart, München). Aber die Preisentwicklung strahlt hier nur in Richtung Niederrhein aus, nicht in Richtung Ruhrgebiet.

    Ähnliches gilt für Frankfurt a.M., der Nachbar Offenbach zieht nur die sozialen Problemfälle an...

    Im Ruhrpott bleibt, wer keine Hoffnung hat, der Rest geht.
    Die meisten Akademiker aus Duisburg, Essen oder Bochum gehen nach dem Studium nach Baden-Württemberg oder Bayern, ein paar nach Frankfurt, Hamburg oder Berlin, einige kommen in Düsseldorf oder Köln unter, ein paar gehen ins Ausland und der Rest, der nicht weg will, lebt oft prekär von wenig Geld.
    Spätestens, wenn man eine Familie gründen will, sind dann Stuttgart oder Regensburg doch verlockender... - und Duisburg stirbt.

    Ähnliches gab es im Osten, nur das dort aufwendig saniert wurde - man schaue sich heute Görlitz oder Magdeburg an!

    Wir brauchen einen Aufbau West - für den Ruhrpott, ebenso wie für Bremerhaven, das Saarland, den Harz oder Offenbach!

  4. was abgerissen werden könnte. Als erstes die Bausünden der 1960er und 70er Jahre, die nicht nur immer schon scheußlich waren, sondern inzwischen zum guten Teil auch marode sind.
    Die wenigen historischen Viertel jedoch, die Krieg und Wirtschaftswunderzeit überlebt haben, sollten unbedingt erhalten bleiben! Sie sind die letzten Gesichter mit Charakter im Stadtbild, wo langweilige Mainstream-Architektur sich ungehemmt und völlig fantasielos breit macht.

    16 Leserempfehlungen
  5. Stadtplanierung - Essen Steele - Mülheim Altstadt - zahllose Beispiele auch aktuell wieder, in denen man die grossen Linien einer konzeptorientierten integrierten Planung für einen Ballungsraum gar nicht erst sucht.
    Für die blödesten Wirtschaftsförderungsansätze mit einer Halbwertszeit von vielleicht gerade mal zwei Jahren wird historische Substanz, die einen eigenen Entwicklungswert hätte geopfert.
    Dabei sind unsere heutigen Bedarfslagen sicherlich bezahlbarer Wohnraum,
    integrative Modelle des Wohnens, Stadt im Klimawandel und keine Zentren mit Verkehrsgenerierung gefragt, in denen die Billigversionen der Hochpreismarken der vergangenen Saison -evtl. in Standorten wie Bangladesh erzeugt- verkauft werden.
    Unsere Stadtregierungen scheinen von Architekten, Bauträgern und
    Immobilienheuschrecken beeinflußt zu werden - zuweilen scheinen sie sogar sogar infiltriert zu sein.
    Der ungehemmte Drang lukrativen Bauens zur Abschöpfung des Lagemehrwerts in die ehemals gemiedenen Frischluftzonen des
    Reviers geht mit Riesenschritten voran.
    Jemand, der das hohe Lied von Entdichtung singt, sollte sich den Unsinn
    der letzten Jahre Mal objektiv und ohne die Ideologie der ideenlosen
    Verwerter anschauen.
    Wenn man die Antworten für die Zukunft eines Ballungsraums wie das Ruhrgebiet sucht, dann sollte man weder den kulturellen, noch den Kahlschlag an historischer Substanz noch den begehen, der gegenwärtig im Gange ist, bei dem man den Eindruck haben kann, es gehe nur um Pellets.

    8 Leserempfehlungen
  6. sind die Wahnsinnig....man sollte die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen

    8 Leserempfehlungen
  7. habe ich den Eindruck, dass man sich seit Jahrzehnten nur Gedanken darum macht, wie man die Stadt noch hässlicher machen kann. Kein Wunder, dass dort so viele wegwollen.

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