Bagger, Bauschutt, Abrissbirnen. Klaffende Löcher tun sich auf in historischen Fassadenreihen, Baudenkmäler werden verstümmelt, ein ganzes intaktes Stadtquartier verwandelt sich in kürzester Zeit in eine Ruinenlandschaft, um bald ganz und gar verschwunden zu sein.

Sind wir wieder im Deutschland der Wirtschaftswunderzeit, als vom Frankfurter Westend bis zum Gänsberg in Fürth deutsche Baukunst im großen Stil dem dreisten Sanierungswahn zum Opfer fiel? Damals ging es darum, die eigene Vergangenheit schnell und unauffällig von der Oberfläche zu radieren. Heute treibt die Geldnot der öffentlichen Kassen die Zerstörung historischer Stadtviertel voran. Der größte Kahlschlag im westdeutschen Wohnungswesen seit gut dreißig Jahren ist in vollem Gang. Die Bevölkerung schrumpft, der Leerstand steigt, die Städte veröden, und den Kommunen geht das Geld aus. Also nimmt man Wohnungsbestände vom Markt. "Der Schrumpfungsprozess wird weiter zunehmen", sagt Andreas Fritzen, Professor für Städtebau an der Universität Bochum. "In bestimmten Regionen führt kein Weg am Rückbau vorbei, mittel- bis langfristig werden wir viel offensiver mit diesen Maßnahmen umgehen müssen."

Was ein solcher Offensivrückbau bedeudet, lässt sich gerade in Duisburg beobachten, dem Zentrum des neuen deutschen Abrisswahns. Gleich zwei historische Quartiere im Norden der Stadt stehen auf der Abrissliste. Das eine ist die Gründerzeitsiedlung Bruckhausen: Jugendstilfassaden und Backsteinvillen, offene grüne Innenhöfe und platanengesäumte Straßen, die einmal eine kompakte urbane Insel zwischen der gigantischen Hüttenstadt von ThyssenKrupp, Eisenbahngleisen und Autobahn bildeten. Ende März haben die Bagger das fünfzigste von den geplanten 121 Abrisshäusern des Jugendstilviertels planiert – gut die Hälfte davon führt die Stadt in den Kategorien "denkmalswert" oder "Gebäude mit erhaltenswerter Substanz".

Durch die Planierung historischer Viertel soll die Stadt attraktiver werden

300 Meter Luftlinie entfernt liegt der Zinkhüttenplatz, eine von Max Taut, einem der bedeutendsten Vertreter des sachlichen Bauens und der deutschen Architekturmoderne, Ende der 1950er Jahre entworfene Werksarbeitersiedlung: Blaue Balkonbrüstungen leuchten vor roten und gelben Klinkerfassaden, in ihrer Mitte eine weite Grünfläche mit bunten Kinderschaukeln und Parkbänken unter hohen Bäumen. Knapp 400 helle, intelligent geschnittene Mietwohnungen hat Taut in den luftigen Zeilenbauten angelegt, die als Musterbeispiel gelten für einen gerade heute wieder so sehr gesuchten menschlichen Wohnbau, der Individualität auch in der Masse ermöglicht. "Der Zinkhüttenplatz ist eine architektonisch-städtebaulich herausragende Wohnsiedlung. Als bedeutendes Siedlungsprojekt von Max Taut ist er unbedingt erhaltenswert", ist Architekturhistorikerin Annette Menting wie viele ihrer Kollegen überzeugt. Doch auch die Max-Taut-Siedlung soll planiert werden.

Im Duisburger Rathaus präsentiert man die "Sanierung" als Teil einer städtebaulichen Vision, die "einkommensstarke Haushalte" in die Stadt locken soll. "Wir sind stolz auf unsere Innenstadt, sie hat Duisburg eine neue Perspektive gegeben", sagt Planungsdezernent Carsten Tum. Von der großen Industriegeschichte und der bewahrenswerten Architekturtradition der Stadt ist keine Rede in der Zukunftsphraseologie der Planer. Und was das Jugendstilviertel Bruckhausen betrifft: "Ein Problemquartier", so Tum. Dort leben schließlich "Ausländer, Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger".

Wahr ist: Als Prototyp des "benachteiligten Quartiers" eignet sich der Duisburger Norden besonders gut, um das Gespenst der Stadtschrumpfung an die Wand zu malen. Gut 14.000 Wohnungen stehen leer, von 608.000 Einwohnern im Jahr 1975 sind heute nur mehr knapp 490.000 übrig geblieben, und allen Prognosen zufolge wird die Bevölkerung weiter zurückgehen. Bis zum Jahr 2030 wird Westdeutschland voraussichtlich jeden 20. Einwohner verlieren – Tendenz steigend.

Einen Rückgang der Haushalte von bis zu 3,8 Millionen erwartet das Bundesinstitut für Stadtforschung von 2025 an, weshalb "mittel- bis langfristig der Wohnungsleerstand nicht nur regional begrenzt, sondern wie in Ostdeutschland fast flächendeckend zum Problem werden könnte". Besonders prekär ist die Lage in rund 30 größeren Kommunen der alten Länder. Für Gelsenkirchen zum Beispiel wird bis 2030 mit einem Bevölkerungsrückgang von 9,4 Prozent gerechnet. Minus 14,7 Prozent sollen es in Hagen sein, zwischen 11 und 7 verlieren Bottrop, Bochum, Recklinghausen, Oberhausen und Herne. Und die Schrumpfung in Bremerhaven oder Saarbrücken zeigt, dass sich das Phänomen nicht nur auf den von der Montankrise gebeutelten Kohlenpott beschränkt. "Vielerorts ist es sinnvoll, darüber nachzudenken, Wohnungsbestände vom Markt zu nehmen, um die verbleibenden Stadtteile aufzuwerten", folgert Carsten Tum, der davon überzeugt ist, dass die Duisburger Abbruchstrategie "eindeutig ein Modell" für andere Städte sei.

In Duisburg hat man sich für die brutale Lösung entschieden

Gewiss, die Formel vom flächendeckenden Abriss will man anderswo noch nicht laut in den Mund nehmen. Bislang setzt man zumeist auf die gezielte Entfernung einzelner Objekte. Die sogenannten Schrottimmobilien, oft Plattenbauten an der Peripherie, gehören dazu oder einzelne Gebäude in dicht bebauten Zonen, die – im besten Fall – damit aufgelockert und aufgewertet werden.

In Duisburg hat man sich jedoch offensiv für die brutale "Lösung" entschieden und zerstört vor aller Augen eine gründerzeitliche Geschichtslandschaft von hohem Denkmalwert. Dort argumentieren die Verantwortlichen vor allem mit der "devastierenden Bausubstanz" – dabei kam die für den Rückbau zuständige Entwicklungsgesellschaft EG DU noch zwei Jahre vor der Abrissentscheidung zu dem Schluss, dass es in dem Jugendstilviertel nur vereinzelte verwahrloste Gebäude gebe. Dann aber wurden Sanierungen per Verordnung verboten und neue Mietverträge unterbunden. Christoph Zöpel, der Anfang der 1980er Jahre als nordrhein-westfälischer Städtebauminister den Flächensanierungen ein Ende bereitet und damit einen bundesweiten Paradigmenwechsel eingeleitet hat, wirft den Duisburger Stadtplanern in einem offenen Brief vor, durch "bauliche und soziale Zerstörungen im Stil der 1960/70er Jahre den Eindruck der radikalen Sanierungsnotwendigkeit zu vermitteln".

Das neue Shoppingcenter braucht dringend einen großen Parkplatz

Allerdings würde die Sanierung allein für den Schwarzen Diamanten, eines der denkmalgeschützten Gebäude in Bruckhausen, rund eine Million Euro kosten, schätzt Mario Hofmann, als Projektleiter der EG DU zuständig für den Abriss des Quartiers. Da müsse man eben abwägen, argumentiert Hofmann, "ob wir nicht doch lieber einen Schritt zugunsten der Allgemeinheit tun und ein Denkmal aufgeben".

Mit dem Einstampfen der Straßenzüge, in denen bis zum 2007 beschlossenen Abriss noch rund 1700 Menschen gelebt und gewirtschaftet haben, soll die Gegend im Stadtplanerdeutsch "aufgewertet" werden. Konkret: durch einen 100 bis 200 Meter breiten Streifen namens "Grüngürtel". Als "Landschaftsbauwerk" soll er den inselartigen Rest der Siedlung von den ThyssenKrupp-Werken trennen, also von jenem Industriekoloss, der sie einst geboren hat – und der mit einer 36 Millionen Euro starken Spende an die Stadt seinen Beitrag schon geleistet hat zum 72 Millionen Euro teuren Abrissprojekt. Ursprünglich hätte die Abrissschneise entlang des Thyssen-Werks noch länger sein sollen, allerdings reichten die Argumente für einen so umfassenden Kahlschlag gegenüber Denkmalschützern, Inhabern und Bewohnern am Ende doch nicht aus. Und selbst in Sachen Lärmbelästigung oder Luftverschmutzung – ursprünglich die offiziellen Hauptargumente für die Zerstörung des Quartiers – wird sich verschiedenen Gutachten zufolge durch den Abriss keine Besserung einstellen.

Wozu dann die Zerstörung traditionsreicher Pracht und Schönheit? Durch den Abriss der Vorzeige-Wohnsiedlung von Max Taut zumindest fließt Geld in die Stadtkassen. Gleich angrenzend plant eine Investorengruppe ein gigantisches Outlet-Shoppingcenter, das zweitgrößte Europas, mit einem kalkulierten Einzugsgebiet von 24 Millionen Kunden. Und weil die auch irgendwo ihre Autos abstellen müssen, muss die historische Zinkhüttensiedlung eben Platz machen – für den Parkplatz.

Die Gruppe will mit dem Einkaufszentrum immerhin 125 Millionen Euro in die Stadt investieren, Gewerbesteuern kann diese gut gebrauchen, 800 Arbeitsplätze sollen entstehen, und Duisburg soll – wie das im stadtplanerischen Marketingjargon genannt wird – "zukunftsfit" gemacht werden. Außerhalb des Rathauses freilich teilt kaum jemand den Glauben an die Strahlkraft eines weiteren Shoppingcenters. Lediglich mehr Minijobs würden entstehen, heißt es in einem Gutachten des Handelsverbandes BAG, weit mehr Arbeitsplätze in der Umgebung verloren gehen, und der Einzelhandel würde zerstört werden.

Stadtmassaker und Sozialverbrechen hat Roland Günter, Vorsitzender des Deutschen Werkbundes NRW, seine über 400 Seiten starke Streitschrift gegen den Raubbau an der Duisburger Kulturlandschaft genannt. Das Stichwort "schrumpfende Stadt", heißt es darin, werde für kurzsichtige wirtschaftliche Interessen missbraucht, Denkmalschutz geopfert und die historisch gewachsene Identität der Industrieregion am Rhein verleugnet. Aufgeben will der kämpferische Kulturhistoriker jedenfalls nicht, solange es noch etwas zu retten gibt. Schon in den Siebzigern hat er gegen den Abrisswahn gekämpft und neben Bruckhausen – das damals Platz machen sollte für die Thyssen-Werke – die heute denkmalgeschützte Arbeitersiedlung Eisenheim bewahrt. Auch jetzt, sagt Günter, gehe es nicht nur um Bruckhausen und um die Zinkhüttensiedlung. "Wenn hier das Erbe unserer Stadtbaukunst zum Opfer von kurzfristigen kommunalen Interessen wird, dann geht der Kahlschlag auch anderswo wieder richtig los."

Noch wäre es möglich, eine kurzsichtige Fehlentscheidung zu revidieren – Bruckhausen wurde zwar schon massiv geschädigt, aber noch nicht vollständig dem Erdboden gleichgemacht, in der Max-Taut-Siedlung ist zwar die Entmietung in vollem Gang, die Bagger sind aber erst für das kommende Jahr bestellt.

Der Fall Duisburg gibt bundesweit zu denken. Er erinnert daran, wie wichtig es ist, die Lehren aus den dramatischen sechziger und siebziger Jahren nicht zu vergessen: Aus Flächenkahlschlag erwächst keine höhere Lebensqualität. Er löst keine sozialen Konflikte, und selbst aus wirtschaftlicher Sicht haben Orte mit einer gebauten Identität Vorteile im imagegetriebenen Standortwettbewerb. Eine Stadt, die für kurzfristige finanzielle Gewinne ihre städtebaulichen Errungenschaften und Denkmäler opfert, schwächt sich langfristig selbst.