DIE ZEIT: Herr Nickel, manche Leute sammeln auf Reisen Souvenirs, Sie sammeln offenbar Bücher. In einem Container am Frankfurter Flughafen warten die 1204 Bände Ihrer Kathmandu Library auf ein neues Zuhause. Wie ist diese Bibliothek zustande gekommen?

Eckhart Nickel: Ich war nach Nepal gereist, um dort mit dem Schriftsteller Christian Kracht die Redaktion des Magazins Der Freund aufzubauen. Weil eine Redaktion ohne Bibliothek nicht auszudenken ist, hatten wir folgenden Beschluss gefasst: Für jeden Tag, den wir in Kathmandu lebten, wollten wir das "Buch des Tages" in den Antiquariaten der Stadt suchen und erwerben.

ZEIT: Laut Inventarliste haben Sie am 24. Mai 2004 das erste Buch gekauft. Erinnern Sie sich?

Nickel: Ganz gut. Ich war frühmorgens mit einem Nachtflug von Katar aus in Nepal angekommen und vollkommen erschöpft. Wolkenbrüche gingen über Kathmandu nieder. Ein Gefühl vollkommener Fremde überkam mich: Da war der Geruch von frisch geschlachteten Ziegen, deren Köpfe auf Tischen vor den Geschäften lagen. Rikscha-Fahrer zischten sich beim gegenseitigen Überholen gefährlich an. Ich sah in jahrhundertealte Gesichter und hatte keine Ahnung, wo das alles hinführen sollte. Die Zeitung meldete, dass der Premierminister zurückgetreten war und die Cholera kurz vor dem Ausbruch stand. In einem kleinen Antiquariat im Touristenviertel Thamel fand ich eine zerlesene Ausgabe des Dhammapada . Ich wollte Buddhas Schriften lesen, um mir etwas Klarheit über mein Leben zu verschaffen.

ZEIT: Sie hatten gerade einen lukrativen Job beim Magazin GQ in München gekündigt. Jetzt suchten Sie bei Buddhas Schriften Halt?

Nickel: Der Aufbruch nach Kathmandu war ein Selbstrettungsversuch ins Ungewisse hinein. Christian und ich wussten nicht, ob Der Freund jemals erscheinen würde. Alles, was wir hatten, war eine stetig wachsende Nullnummer und drei kleine Zimmer im Hotel Sugat, die der Besitzer uns auf zwei Jahre vermietet hatte. Die Lehren Buddhas, dazu in Versform, verbanden gleich zwei Ideen, die mir damals vorschwebten: Heilssuche in einer freundlichen, friedlichen Lehre – und Poesie als maßgebliches Kriterium der Alltagsgestaltung. Kathmandu war dabei ein Mantra, wie die drei Silben am Beginn von Nabokovs Lo-Li-Ta. Cat Stevens hat ein wunderschönes Lied komponiert aus diesen drei Silben: Kat-Man-Du. Ein Sehnsuchtsort.

ZEIT: Das klingt fast nach Therapie.

Nickel: Ja, weil mein Leben in diesem, wie Sie sagen, "lukrativen" Job so leer und langweilig war und ich merkte, wie mir das existenziell Schaden zufügte, wollte ich ganz weit weg aus der Hochglanzwelt: in den Himalaya.

ZEIT: Am zweiten Tag erwarben Sie, wie auch aus der Inventarliste hervorgeht, Joris-Karl Huysmans’ Gegen den Strich, den Inbegriff dekadenter Dandy-Literatur. Da haben Sie ja ziemlich schnell ein Gegengewicht zur buddhistischen Lehre gesucht.

Nickel: Nein, nein, beide Bücher gehören unbedingt zur selben Geisteswelt. Nur der Westen muss immer klassifizieren und trennen. Die ästhetische Verfeinerung von Huysmans’ Hauptfigur findet ja eine ihrer Entsprechungen im Buddhismus, dieser vornehmen, empfindsamen Religion. Als ich Huysmans’ Roman, den ich sehr liebe, völlig unerwartet im Antiquariat entdeckte, musste ich ihn sofort kaufen. Es war wie das Wiedersehen mit einem alten Freund.

ZEIT: Finden Sie es nicht ernüchternd, dass einem die alten Freunde inzwischen bis ans Ende der Welt folgen? Kulturkritiker beklagen, dass nicht einmal die Fremde mehr richtig fremd ist.

Nickel: Die Wiederentdeckung von kleinen Zeichen des Vertrauten macht einem die Fremde doch nur umso deutlicher. Für mich sind das enthusiastische Momente, wenn ich auf Reisen unerwartet etwas entdecke, was ich kenne. Das kann eine Kekssorte aus der Kindheit sein, ein bekannt erscheinendes Gesicht in der Menge oder eben ein geliebtes Buch, das zwischen der hunderttausendsten Ausgabe von Life of Pi oder The Beach steht.

ZEIT: Nach welchen Kriterien haben Sie die Bücher für die Sammlung ausgewählt?

Nickel: Am wichtigsten war der Instinkt. Wir sind ja immer noch Jäger und Sammler. Dieses archaische Ritual, das Haus zu verlassen und nicht ohne Beute zurückzukehren, strukturierte in willkommener Weise den Tag. Und gab ihm einen Sinn: den des Findens.

ZEIT: Kathmandu liegt auf einer bekannten Hippie-Reiseroute. Was erzählen die Bücher in den Antiquariaten über ihre vorherigen Besitzer?

Nickel: Fast alles. Abgesehen von Schuhen, ist Papier das Schwerste, was man im Koffer oder Rucksack bei sich haben kann. Man überlässt es nicht dem Zufall oder einer Laune, welche Bücher man einpackt.

ZEIT: In Ihrer Sammlung findet man neben Hesse, Freud, Jung und diversen Drogenbüchern viele Titel, die man in einem Aussteiger-Rucksack nicht vermutet hätte, etwa Das Buch deutscher Reden und Rufe.

Nickel: Was spricht dagegen, am Ende der Welt anhand berühmt gewordener Reden die eigene Muttersprache besser zu verstehen? Lesen auf Reisen ist auch ein Versuch, mit dem Umstand fertig zu werden, dass es unheimlich ist, in der Fremde allein zu sein.

ZEIT: Übertreiben Sie nicht ein wenig?

Nickel: Ich fürchte, nein. Ertappen Sie sich nicht auch manchmal nach ein paar Tagen unterwegs dabei, Selbstgespräche zu beginnen? Da spreche ich doch lieber mit einem Buch.