Einen Sommer lang fand Daniel Centili seinen Job cool. Am Strand von Ostia mischte er Cocktails, verdiente Geld dort, wo andere feiern. Doch als die hartnäckigen Trinker wieder einmal nicht gehen wollten, obwohl der Morgen längst dämmerte, nervte ihn alles: das geringe Gehalt, die langen Arbeitszeiten und das Gefühl, dass die Zeit davonläuft. Woche für Woche waren seine Bewerbungen für eine richtige Stelle unbeantwortet geblieben. Dabei hat Daniel Centili ein Examen in Finanzmathematik, ist jung, eloquent und flexibel. "Trotzdem", sagt er heute, "bekomme ich in Italien einfach keine Chance."

Er packte seinen Koffer. Er setzte sich in Rom ins Flugzeug und stieg in Berlin wieder aus. Nach einer Woche hatte er ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft. Und bald auch einen Job. Inzwischen arbeitet er als Packer bei UPS. Das ist zwar nicht besser als in der Bar, jetzt stapelt der junge Italiener stundenlang Pakete in Container. Aber nebenbei geht er zur Schule und verbessert sein Deutsch. Und er hat bald einen Vorstellungstermin, als Trainee bei VW. "Das ist der Unterschied", sagt Daniel Centili. "Hier gibt es Perspektiven. Hier werde ich es schaffen."

Nie war Auswandern leichter, zumindest für Europäer. Im Zeitalter von Facebook und EasyJet sind die Nachbarländer so nah wie nie. In Europa kann fast jeder jederzeit umziehen. Von Rom nach Berlin. Von Athen nach München oder von Warschau nach Duisburg. Es reichen die Zugfahrkarte oder das Ticket einer Billig-Airline, etwas Geld für den Start, ein Tipp, wo man am Anfang billig unterkommt. Und eine Mischung aus Frust über mangelnde Perspektiven zu Hause und der Hoffnung, dass es anderswo besser werden könnte. Immer öfter wird die Bundesrepublik zum Ziel der Reise, und immer mehr Menschen bleiben. Einen "Wanderungsgewinn" von 340.000 Menschen nimmt das Statistische Bundesamt für 2012 an. "Gewinn" heißt: Es kommen unterm Strich mehr Menschen aus dem Ausland als dorthin abwandern. In diesem Jahr wird diese Zahl weiterwachsen.

Aber wer kommt da? Und was bedeutet die Zuwanderung für Deutschland? Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) forderte in der vergangenen Woche von der EU ein härteres Vorgehen gegen "Armutsmigration" und verlangte eine "Wiedereinreisesperre" – ohne genauer zu erklären, wie das in einem grenzenlosen Europa dauerhaft gehen soll.

Nur mit 400.000 Einwanderern pro Jahr lässt sich die Wirtschaftskraft erhalten

Dass auch in diesem Jahr mehr Zuwanderer kommen werden, ist sicher. Schließlich geraten immer neue Länder in den Sog der Finanzmarktkrise, und damit werden Jobs in den meisten Nachbarländern zur Mangelware. Noch wandern vor allem Polen, Rumänen, Bulgaren und Ungarn ein. Doch die Zahl der Griechen hat sich zwischen 2007 und 2011 verdoppelt. Und häufiger zieht es auch Italiener, Spanier und Portugiesen nach Deutschland. Je länger die Krise dauert und je schlechter es den Nachbarländern geht, desto attraktiver wirkt die Bundesrepublik.

Für Deutschland sei das ein Segen, sagen die Arbeitsmarktexperten. "Zum ersten Mal seit 15 Jahren hat die Zuwanderung ein Maß erreicht, das den demografischen Wandel und seine Auswirkungen, auf die sozialen Sicherungssysteme abfedern kann, schreibt der unabhängige Sachverständigenrat für Migration und Integration (SVR). Im Klartext: Die Jungen in diesem Land werden weniger, und die Ruheständler mehr. Um trotzdem Renten und Sozialversicherungen weiter finanzieren zu können, reicht der Nachwuchs nicht – selbst wenn Schulen und Universitäten ihn noch viel besser ausbildeten als bisher. Erst kürzlich bekräftigte eine Studie der OECD: Nur wenn jedes Jahr etwa 400.000 Menschen mehr ein- als auswandern, kann Deutschland seine Wirtschaftskraft erhalten und damit auch seinen Sozialstaat.

Immer öfter werden die bis dato eher theoretischen Argumente der Demografen von spürbaren Fakten gestützt. Schon fehlen in vielen Krankenhäusern der Provinz die Ärzte und Krankenschwestern. Auch so mancher Mittelständler, der seine Firma jenseits der Metropolen aufgebaut hat, spürt den Mangel an Facharbeitern und Azubis. Von fast einer Million unbesetzter Stellen spricht das Wirtschaftsministerium. Und in der vergangenen Woche warnte der Deutsche Industrie und Handelskammertag (DIHK), dass in diesem Jahr 70.000 Lehrstellen unbesetzt bleiben könnten. Betriebe aus Cottbus suchen ihre Auszubildenden längst auch in Polen.

Doch wollen die Deutschen das auch? Es ist nicht lange her, da galt die Bundesrepublik als überfüllt. Gastarbeitern bezahlte die Bundesregierung hohe Rückkehrprämien und bemühte sich, die Grenzen möglichst dichtzumachen: für Asylanten, für Armutsflüchtlinge, für alle, die möglicherweise Geld kosten würden. Deutschen half das Arbeitsamt dabei, Jobs im Ausland zu finden: Da gingen Bäcker nach Norwegen, Ärzte in die Schweiz und Schreiner nach Spanien. Ganze Fernsehserien wurden mit diesen Auswanderern bestritten, oft mit dem Tenor: Bald macht der Letzte das Licht aus.