Männer in Schutzmontur sitzen in der riesigen Fabrikhalle auf meterhohen Gerüsten und schweißen an dicken Stahlrohren. Bei Weserwind in Bremerhaven werden dreibeinige Fundamente für Meereswindräder in Serie gefertigt. "Die Produktion läuft auf Hochtouren", sagt Geschäftsführer Dirk Kassen, mit dem Auftrag für einen Nordseewindpark liege das Stahlbauunternehmen voll im Plan.

Doch das aktuelle Projekt ist für das Tochterunternehmen des Stahlkonzerns Georgsmarienhütte das vorerst letzte, es fehlen Anschlussaufträge, und neue Bestellungen sind nicht in Sicht. Den 900 Mitarbeitern des Werks droht deshalb im Herbst eine Entlassungswelle. "Ohne Folgeprojekte werden wir die Zahl unserer Leute erheblich herunterfahren müssen", sagt Kassen.

Auch andere Bremerhavener Offshoreunternehmen haben angekündigt, dass sie sich in den kommenden Monaten von Hunderten Beschäftigten trennen müssen, weil neue Aufträge fehlen. Ähnliches erleben weitere Städte an der Nordseeküste. In Cuxhaven schließt Ende des Monats ein Hersteller von Windradfundamenten, ein anderer Investor legte seine Pläne für eine neue Fundamentefabrik unlängst auf Eis. In Emden machte unterdessen ein Werk für Windradflügel dicht, und eine ehemalige Werft, die auf Offshorefundamente umgesattelt hatte, musste Insolvenz anmelden.

Es herrscht Flaute statt des erhofften Booms, die junge Branche steckt in der Krise. Mit dem geplanten Ausbau der Offshorewindkraft geht es seit Jahren nur schleppend voran. Bisher liefern Windparks im Meer erst knapp ein Hundertstel der Energie, die sie laut den Plänen der Bundesregierung im Jahr 2030 produzieren sollen.

Verantwortlich ist ein ganzes Bündel von Problemen. Windräder auf hoher See zu installieren ist vergleichsweise schwierig und teuer; die Technologien haben sich unter realen Einsatzbedingungen noch nicht bewährt; Erfahrungen mit Betrieb und Wartung fehlen. Zudem hakte es bisher beim Anschluss der Parks an das Stromnetz auf dem Festland – was wiederum Investoren davon abhält, weitere Projekte anzuschieben.

Den Knackpunkt Netzanbindung versucht die Bundesregierung mit einem verbindlichen Anschlussplan in den Griff zu bekommen. Doch während damit die Aussicht steigt, eine Hürde zu nehmen, stellte die Regierung die nächste selber auf. Nachdem es mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien zuerst nicht schnell genug gehen konnte, sorgte das Kabinett in Berlin mit der Debatte um eine Ökostrombremse und um die Zukunft der gesetzlich geregelten Mindestpreise für erneuerbare Energien nun für maximale Verunsicherung bei den Investoren, klagen unisono Offshore-Akteure und Wirtschaftsförderer in Bremerhaven.

Die deutschen Energiekonzerne RWE und EnBW, die dänische Dong und auch der Oldenburger Stromversorger EWE haben schon die Reißleine gezogen, sie wollen vorerst keine weiteren Windparks in deutschen Gewässern bauen. Wirtschaftlich sei das derzeit viel zu riskant, begründen die Unternehmen ihren Rückzug aus den milliardenschweren Vorhaben. Auch bei Finanzinvestoren liegt das Interesse an Offshorewindparks vor Deutschlands Küste inzwischen bei annähernd null. Wer weiß schon, wann und vor allem wie es mit den Vergütungsregeln für die Erneuerbaren weitergeht? "Derzeit investiert niemand in neue Projekte", sagt Dirk Briese, Leiter des Bremer Marktforschungsinstituts wind:research.

Für den Norden ist das ein herber Schlag. Der klassische Schiffbau liegt am Boden, und auf das Geschäft mit dem Containerumschlag können die Küstenstädte seit der jüngsten Finanz- und Wirtschaftskrise auch nicht mehr vertrauen. In der Windkraft vom Meer sah die Region ihre wirtschaftliche Zukunft – Offshore gilt als Jahrhundert-Chance. Im Vertrauen auf die Gültigkeit der avisierten Ziele investierten Kommunen und Länder viele Millionen Euro. Häfen wurden aus- und aufgebaut, um die nötige Infrastruktur zu schaffen; Investitionen flossen in spezielle Transportsysteme oder die Weiterbildung ehemaliger Werftmitarbeiter. Industrielle Produktion am Standort Deutschland – das an der Küste schon fast abgeschriebene Wirtschaftsmodell sollte in neuer Form wiederauferstehen.

Vor allem Bremerhaven setzte auf den erhofften Offshore-Boom. Schon vor mehr als zehn Jahren begann die Stadt mit dem Anwerben von Windkraft- und Stahlbauunternehmen. Bremens kleine Schwester, einst als arme "Fishtown" verspottet, mauserte sich zum deutschen Offshorezentrum. Neben den großen Herstellern Weserwind, Repower, Areva und Powerblades siedelten sich etliche Dienstleister an. Die Fraunhofer-Gesellschaft gründete ein Forschungsinstitut für Windenergie. Es entstanden 3.500 neue Arbeitsplätze – Wirtschaftsforscher rechneten schon mit mindestens 7.000 weiteren Jobs in den kommenden zwei Jahrzehnten.

Dazu müsste der Offshoremarkt voll durchstarten. Doch derzeit sieht es eher nach einer langen Durststrecke aus. Die IG Metall warnt bereits davor, dass an der Küste mehr als 4.000 Arbeitsplätze verloren gehen könnten. Und Thomas Ull, Offshore-Experte der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers, sieht als Folge der politischen Grundsatzdebatte schon "eine Glaubwürdigkeitsflaute, die die Entwicklung in der Branche mindestens zwei oder drei Jahre kosten wird".

Dabei steckt die junge Branche noch mitten in der Aufbauarbeit. Erst mit dem nachhaltigen Ausbau der Windparks können die Unternehmen Erfahrung sammeln und damit auch effizienter arbeiten.

Aber ohne neue Investitionen können Produzenten wie Weserwind ihre Werke nicht auslasten. Sie haben sich auf Offshore spezialisiert, was sollen sie sonst machen? Natürlich schaue er sich auf anderen Märkten im Ausland um, sagt Weserwind-Chef Kassen. "Doch im Moment geht es allein ums Überleben."