In der fünften Klasse – das war 1981, und ich lebte damals in der DDR – sollten wir in einem Schulaufsatz beschreiben, wie wir uns das Jahr 2000 vorstellen. Wir waren ahnungslos und ideologisch geprägt. Natürlich hatte in unseren Visionen der Sozialismus weltweit gesiegt, niemand musste mehr hungern, und es gab keine Kriege mehr. Die technologischen Errungenschaften, die wir uns vorstellten, waren solche auf dem Gebiet der Medizin und der Verkehrstechnik. Nur die Hälfte von uns hatte zu Hause ein Festnetztelefon, und dass die wirklich bahnbrechende Entwicklung die der Kommunikationstechnik sein würde, hätte keiner von uns gedacht.

Das Buch Die Vernetzung der Welt riskiert wie unsere Aufsätze damals einen Blick in die Zukunft. Da das Tempo der Entwicklung beträchtlich gestiegen ist, wagen die Autoren lediglich einen Ausblick auf die nächsten zehn Jahre. Auch ihre Vision ist stark ideologisch gefärbt, aber sie haben uns Fünftklässlern von damals etwas Wesentliches voraus: Bei ihnen handelt es sich um Macher, die nicht nur Visionen haben, sondern auch das Wissen, die Mittel und die Macht, sie umzusetzen. Man ist gut beraten, genau zu studieren, wie sie sich unsere Zukunft vorstellen, denn es ist davon auszugehen, dass es ihnen möglich sein wird, unser aller Geschicke auch tatsächlich in diese Richtung zu lenken.

Die Rede ist von Eric Schmidt, langjähriger Google-CEO und noch heute Executive Officer des Technologiekonzerns, und von Jared Cohen, Chef des Google-Thinktanks Google Ideas. Sie haben weltweit mit politischen Machthabern, Sicherheitsexperten, Forschern und Internetaktivisten Gespräche geführt und präsentieren nun eine Bestandsaufnahme der digitalen Revolution. Ihr besonderes Augenmerk gilt dabei den politischen Konsequenzen: Welche Auswirkungen haben wir zu erwarten im persönlichen Bereich, im Verhältnis des Staates zu seinen Bürgern und im Verhältnis von Staaten untereinander? Wie steht es im digitalen Netzzeitalter um innerstaatliche Repression, zwischenstaatliche Interventionen und Kriege? Und welche Rolle kann die Kommunikationstechnik beim Wiederaufbau in Ländern spielen, die durch Krieg oder Naturkatastrophen verwüstet wurden?

Über weite Strecken liest sich Die Vernetzung der Welt wie eine heutige Version von Machiavellis Fürst: Wie erhält und behält man Macht in der Nebenwelt des Cyberspace? Es scheint, als wären die ursprünglichen Adressaten die Regierungen im Weißen Haus und in der Downing Street gewesen. Dass die Autoren umfassende Alphabetisierung, mehr Teilhabe des Einzelnen an politischen Prozessen und damit den Sieg der Demokratie voraussagen, das könnte auch lediglich das rhetorische Zuckerstück sein, um von der eigentlichen Frage abzulenken: Was ändert sich durch das Netz für die Mächtigen, und wie können sie es anstellen, an den Schalthebeln der Macht zu bleiben? Lesen Sie also unbedingt dieses Buch, aber lesen Sie es mit wachem Verstand und Blick für die Auslassungen!

Die Autoren beginnen ihre Bestandsaufnahme mit einer Analyse der treibenden Kräfte. Da ist natürlich zum einen das Internet, zum anderen aber der explosionsartige Anstieg der mobilen Kommunikation, die selbst in entlegenen und unterentwickelten Regionen der Welt dem Einzelnen Zugang zur Parallelwelt des Cyberspace gewährt. Die Existenz und Omnipräsenz dieser Parallelwelt sei der entscheidende Paradigmenwechsel. Wer immer sich im Internet bewege, existiere in zwei Welten: der physischen – die wir kennen – und der virtuellen – die wir alle erst nach und nach kennenlernen und zu der in den kommenden Jahren fünf Milliarden neue Nutzer Zugang bekommen werden. Die virtuelle Welt sei dabei nicht weniger real als die physische. Der "Netizen" existiert und agiert in ihr mit einer oder mehreren Identitäten, die im Gegensatz zu unserem physischen Ich über ein digitales und potenziell unauslöschliches Gedächtnis verfügen. Die unbegrenzte Haltbarkeit der virtuellen Welt sei, so Schmidt und Cohen, eine wesentliche Säule der neuen Doppel-Realität.

Für Staaten ist dies bedrohlich, wenn es ihnen nicht gelingt, ihre Macht von der physischen auf die virtuelle Welt auszudehnen, und zwar über die Kontrolle der Infrastruktur: Mobilfunknetze, Glasfaserkabel, Router und Einwahlpunkte, aber auch Namensdienste, Suchmaschinen und Filter, also die Hard- und Software, die das Netz am Laufen hält beziehungsweise erst sinnvoll nutzbar macht. De facto wahren die Staaten ihre Hoheitsrechte im Cyberspace bereits wie in der physischen Welt.

"Transparenz und neue Chancen eröffnen unbegrenzte Möglichkeiten"

Das kann uns nicht kalt lassen. Mehr und mehr nehmen wir die physische Welt durch Phänomene in der virtuellen Welt wahr. Was wir dort aber sehen, ist das, was man uns sehen lässt, also von anderer Evidenz als Wahrnehmungen in der physischen Realität. Das ist uns allzu oft nicht klar. Hinzu kommt die Unsicherheit über die tatsächliche Herkunft von virtuellen Inhalten. Schmidt und Cohen sagen voraus, dass in der nahen Zukunft große Anstrengungen unternommen würden, um virtuelles Geschehen und virtuelle Inhalte zu authentifizieren. Dies ist letztlich nur möglich durch eine Aufgabe der Anonymität unserer virtuellen Identitäten, indem diese gebündelt und auf eine physische Person zurückführbar gemacht werden. Glaubt man den Autoren, müssten wir daran ein vitales Interesse haben. Tatsächlich ist es jedoch gerade die erhoffte Anonymität im Netz, eben die anarchische Komponente, die es uns überhaupt ermöglicht, dort mit verschiedenen Identitäten zu agieren. Oft will man als "Netizen" nicht, dass die Gegenseite einer Kommunikation mit Namen und Adresse weiß, wer man in der physischen Welt ist. Der Whistleblower ist sogar darauf angewiesen, anonym zu bleiben.Sehr deutlich zeigen Schmidt und Cohen auf, dass unsere virtuelle Existenz mehr und mehr zu einem Spagat zwischen Wahrung und Preisgabe unserer Privatsphäre führen wird. "Wenn wir uns nicht für unsere Privatsphäre einsetzen", so das Fazit der Autoren, "werden wir sie verlieren." Die Autoren machen die Staaten dafür verantwortlich, die ihrerseits auf Strafverfolgung, Verbrechens- und Terrorprävention verweisen, wenn sie per Gesetz und Kontrolle versuchen, die anonymen Räume im Netz zurückzustutzen. Es ist kein Zufall, dass diverse Staaten in aller Welt biometrische Pässe ausgeben. Die biometrischen Daten sind die wertvollste Ressource im Netzzeitalter. Sie sind der Schlüssel, um eine physische Person mit den diversen Online-Identitäten zusammenzuführen, also die Brücke zu schlagen zwischen den Welten.

In der einen oder anderen Paraphrasierung weisen die Autoren mehrfach darauf hin, dass das Netz nicht vergisst. Umso wesentlicher muss es erscheinen, dass bei aller Themenvielfalt, Treffsicherheit und Tiefe der Auslotung ein Thema völlig ausgespart bleibt. Es sind vor allem die Internetgiganten, die das unauslöschliche Gedächtnis unserer Online-Identitäten beherbergen. Einige Firmen erschleichen sich durch rigide Nutzungsbestimmungen ihrer Geräte bereits heute die Identifikation ihrer Kunden. Sehr wahrscheinlich wird schon die nächste Generation von Smartphones mit Scannern oder Fingerabdruck-Sensoren ausgestattet sein, sodass wir nur durch Abgabe von biometrischen Daten Zugang zu den Geräten erhalten und damit auch alle Onlineaktivität von diesem Gerät aus authentifizieren.

Unseren Onlinedienstleistern gegenüber haben wir den erkennungsdienstlichen Striptease längst absolviert, den wir dem Staat mit Petitionen und anderen Arten von Widerstand noch verwehren sollen. Darüber schweigen die Autoren, müssten sie doch einräumen, dass sie längst dabei sind, Territorien zu besetzen, die aus gutem Grund bislang Domäne der Staaten gewesen sind. Es ist eine schwere Unterlassungssünde, die wirtschaftlichen Interessen der Netzgiganten und die bei ihnen heute schon konzentrierte Macht vollständig außen vor zu lassen.

"Transparenz und neue Chancen eröffnen unbegrenzte Möglichkeiten. Vernetzung und Technologien sind der beste Weg, um das Leben in aller Welt zu verbessern. Bekommen Menschen Zugang zu beidem, kümmern sie sich selbst um den Rest." So lautet das Evangelium nach Schmidt und Cohen. Und bei diesem Satz spätestens fühlte ich mich wieder in unmittelbarer Nähe zu unseren Fünftklässler-Aufsätzen, die in Wahrheit eine ideologische Prüfung waren. Die Vernetzung der Welt versucht heute, uns ideologisch zu impfen – aus einem Blickwinkel, der politisch ungebrochen ein US-amerikanischer ist. Mit Goldgräber-Leuchten in den Augen preisen die Autoren die Segnungen der "schönen neuen Welt". Das ist Brainwashing auf höchstem Niveau.