Film "I, Anna"Fallgruben, Scheintüren

Natürlich hat sie es getan, wer denn sonst? Charlotte Rampling in dem Thriller "I, Anna". von Thomas E. Schmidt

Eine nicht mehr junge Frau rafft sich zögernd, ja widerwillig auf, eine Speeddating-Veranstaltung zu besuchen. Dort ist es natürlich genauso schrecklich wie erwartet. Die Frau trifft dann an der Bar trotzdem einen netten Kerl, aber dessen Kopf wird noch im Laufe der Nacht eingeschlagen. Als es dämmert, ist bereits ein schlafloser Kommissar bei der Leiche, irgendwo in einem Hochhaus im Osten von London. Unten läuft die Frau herum wie ein morgendlicher Spuk. Sie heißt Anna. Das lässt der Kommissar nur wenige Stunden später feststellen, denn er findet sie, Fall hin oder her, ausgesprochen anziehend.

Ganz zu Beginn, das Blut des Opfers ist noch feucht, biegt I, Anna, gedreht von Charlotte Ramplings Sohn Barnaby Southcombe, bei der ersten sich bietenden Gelegenheit von der Straße des Polizeithrillers ab und nimmt den Zuschauer mit auf eine schattige Reise durch Seelennöte, Ängste und Verstrickungen seiner Hauptfiguren. Der Film führt über Fallgruben hinweg und an Scheintüren vorbei, mal ist er quälend langsam, dann rast er wieder. Nur auf den Pfaden anständiger britischer Polizeiarbeit wandelt er nicht. Rampling spielt diese vereinsamte Anna, die verzweifelt ihrer Einsamkeit entkommen möchte, Gabriel Byrne den gerade geschiedenen Polizisten Bernie, der das Gleiche träumt.

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Bernie macht sich auf dem nächsten Single-Abend an Anna heran, in London ist immer Single-Abend. Es funkt. So heftig, dass er seinen Toten vom Hochhaus vernachlässigt und sich nur noch der rätselhaft-verschlossenen und auf ihre Weise schönen Frau widmet. Wahrscheinlich ist es Liebe. Die Kollegen sind alarmiert. Aber kann unter solchen Voraussetzungen eine Liebesgeschichte entstehen? Genauso ist diese zarte Liaison eine morbide Faszination, ein Trip ins Dunkle, Verschwiegene, es ist ein Sog nach dorthin, von wo kein Weg zurückführt. Denn selbstverständlich ist Anna die Täterin. Das wird auch schnell klar, nur dass sich die Spannung hier aus anderen Mysterien speist als der Frage, wer es getan hat.

Barnaby Southcombes Film, gefördert mit britischem und deutschem Geld, ist ein emotional und visuell ausgesprochen kühler Krimi. Glücklicherweise hält er sich im entscheidenden Moment nicht an die Genregesetze des Thrillers oder des Film noir. London ist hier mehr als eine Kulisse. Die Stadt und ihr Wetter bilden eine Seelenlandschaft, und fast alles spielt inmitten der Einschüchterungs- und Selbstmordarchitektur der frühen Achtziger, in Blau- oder Grautönen. Die Stadt löst bei den Geschiedenen und Verlassenen, den verstummten oder auch notgeilen Glückssuchern das Gefühl aus, dass keine Zukunft mehr existiert. Sie bestehen nur noch aus Erinnerung, aus Vergangenheit – und daraus steigt die Schuld auf wie eine unaufhaltsame Flut. Die Toten sind nicht tot, ach, wären sie es doch, und die Wirklichkeit verformt sich in irgendetwas zwischen Wunschbild und Wahn.

Bemerkenswert ist der Schluss. Er fällt nicht wirklich tröstlich aus, aber er ist überraschend und sehr menschlich, und das passt zur Geschichte. Weil die Hauptdarsteller nicht pausenlos Jäger und Gejagte mimen müssen, sind sie freier. I, Anna ist natürlich auch ein Spiel um und für Charlotte Rampling, die Großartige. Ihre Anna ist unnahbar und zart, verschlossen und doch wie eine Knospe, die sich öffnen will, sie ist bedauernswert und schlimm, kalt bis ins Mark und voller Leidenschaft.

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Ohne Charlotte Rampling wäre I, Anna vermutlich doch nur eine bessere TV-Produktion, ähnlich den farbreduzierten, deprimierenden Krimis, die am Sonntagabend laufen. Aber mit ihr wird das Ganze zu einem Film. Es ist der Film über eine Frau, die ihr Leben aus eigener Schuld beendet zu haben scheint und sich gegen das Ende dann doch auflehnt, einmal, sogar zweimal. Der psychologische Fall ist spektakulär, aber diese Figur überzeugend darzustellen, dazu gehören Kraft und Können.

Kann sein, dass I, Anna zu reserviert ist für ein Massenpublikum. Sehenswert ist er nicht nur wegen seiner Darsteller, sondern auch, weil er gut fotografiert ist, ein London-Film mit einer Stadt, die hier beinahe schon so fremd wirkt wie das Los Angeles des Blade Runner. Wenig Blut fließt, es gibt keine Verfolgungsjagden, und auch existenzialistisches Polizistengequatsche fehlt. Deswegen könnten auch Frauen den Film mögen. Aber natürlich nur solche, die tief in ihrem Herzen dem Düsteren zugetan sind.

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