Technische Berufe : Frau am Kessel

Alle Versuche, Kandidatinnen für technische Lehrberufe zu begeistern, scheitern. Schuld sind altmodische Rollenbilder
Männer sind in Brauereien (wie hier von Weihenstephan) die Regel, Frauen absolute Ausnahme © Miguel Villagran/Getty Images

Ihr Arbeitsumfeld besteht aus großen Kesseln, Rohren, Förderbändern und Robotern. Mitten in dieser metallischen Technikkulisse führt Cornelia Luger durch die einzelnen Stationen, die das Bier auf seinem Weg in das Fass oder die Flasche durchläuft. "Bei uns ist alles vollautomatisch. Das Einzige, was passieren kann, ist, dass beim Bock der Läuterbottich nicht gut läuft. Dann muss man von Hand mitarbeiten", erklärt die 21-Jährige. Seit drei Jahren arbeitet Luger in der Brauerei Mohren in Dornbirn: Sie ist die erste Frau in Österreich, die die Lehre als Brau- und Getränketechnikerin erfolgreich absolviert hat, die erste Bierbrauerin des Landes.

Frauen in der Technik sind nach wie vor Exotinnen, gerade in Lehrberufen. Trotz jahrzehntelanger Kampagnen, die Mädchen motivieren sollen, auch typische Männerberufe zu ergreifen, entscheidet sich der Großteil der jungen Frauen weiterhin für Berufe, die traditionell als weibliche Domäne gelten und in denen meist wenig bezahlt wird. Anders bei Cornelia Luger. Schon ihre Lehrlingsentschädigung war relativ hoch. Während etwa eine Friseurin im sechsten Berufsjahr rund 1500 Euro brutto im Monat verdient, kommt ein zukünftiger Bierbrauer im dritten Lehrjahr bereits auf über 100 Euro mehr. Nicht immer ist der Einkommensunterschied zwischen den Lehrberufen der Burschen und Mädchen so groß, doch es gibt ihn fast immer, und er ist letztlich dafür verantwortlich, dass Frauen insgesamt um zwölf Prozent weniger verdienen als Männer.

Eigentlich wollte Cornelia Luger Fotografin werden. Doch sie fand in ihrem bevorzugten Berufsfeld keine Lehrstelle. "Meine Mutter hatte ein Berufslexikon, darin stieß ich auf den Bierbrauer", erzählt sie. Der Verdienst habe bei ihrer Wahl keine Rolle gespielt, es war das Berufsbild, das sie interessierte. Auch Frauenpolitikern geht es nicht unbedingt um ein höheres Einkommen, wenn sie Mädchen den Weg in technische Berufe schmackhaft machen wollen. "Es geht einfach nicht an, dass von Frauen ein so großes Spektrum an Berufen ausgeblendet wird", sagt Margarete Bican von der Wiener Mädchenberatungsstelle Sprungbrett. Immerhin gebe es in Österreich mehr als 200 Lehrberufe, viele davon scheinen Männern vorbehalten zu sein.

Schon seit Langem versuchen politische Institutionen Mädchen davon zu überzeugen, sich bei ihrer Berufswahl von ihren Fähigkeiten und Interessen leiten zu lassen – und nicht von angestammten Rollenbildern. Bereits vor 40 Jahren sollten eigene Aktionen mit diesem stereotypen Verhalten aufräumen. Sie nannten sich schmissig "Werkfrau und Schlossermädl" oder "Töchter können mehr". Inzwischen verfügt niemand mehr über einen Überblick, wie viele dieser Initiativen gescheitert sind. Allein auf Bundes- und Länderebene betreiben verschiedene Ressorts Mädchenförderung, vom Bildungs- über das Frauen- bis hin zum Sozial- und Wirtschaftsministerium. Auch Wirtschafts- und Arbeiterkammer sowie Industriellenvereinigung sind aktiv. Das Arbeitsmarktservice (AMS) bietet Programme wie "FiT – Frauen in Technik" an. Es gibt Informationstage, die je nach Bundesland Girls’ Days oder Töchter-Tage heißen und eigene Mädchenberatungsstellen. Auch bei Berufsmessen wird bei jungen Frauen für technische Berufe geworben. Eine Gesamtstrategie fehlt allerdings, jeder verfolgt seine eigenen Pläne. Selbst die SPÖ-Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek räumt ein, die Kampagnen seien "ein Urwald, der strukturiert gehört".

Geändert haben all diese Werbeoffensiven nur wenig. Im Jahr 2000 entschieden sich 47 Prozent der Mädchen für einen von nur drei Berufen: Einzelhandel, Bürokauffrau und Friseurin. Zwölf Jahre später drängten sogar 48 Prozent in diese femininen Bastionen. "Frustriert" sei sie, sagt Heinisch-Hosek, wenn sie die Lehrlingsstatistik sehe. Wie viel Geld wirkungslos versickert ist, weiß hingegen niemand. Heinisch-Hosek erklärt, sie könne es "nicht in Millionen sagen". Nur zwei Ministerien legen konkrete Zahlen vor: Wirtschafts- und Infrastrukturministerium investieren jeweils fünf Millionen Euro pro Jahr. Das AMS wiederum gibt fast eine Million Euro jährlich für das FiT-Programm aus.

Schlechte Koordination ist aber nicht allein verantwortlich dafür, dass kaum Bereitschaft herrscht, von der herkömmlichen Berufswahl abzugehen. Vor allem sind es die alten Klischees über unterschiedliche geschlechtsspezifische Berufswelten, die sich bei den Jugendlichen selbst hartnäckig halten. Es müsste deshalb bereits im Kindergarten und in der Schule angesetzt werden, sagen die Arbeitsmarktexperten. Da geschehe bereits viel, versichert man im Frauen- sowie im Bildungsministerium und verweist auf Reformen in der Pädagogenausbildung – etwa auf eine verbesserte Berufsberatung in der Schule. "Das größte Problem ist der Zeitpunkt, zu dem die Entscheidung fallen muss", sagt hingegen Nadja Bergmann von L&R Sozialforschung. "Das ist am Höhepunkt der Pubertät, wenn es schwierig ist, sich gegen den Strom zu entscheiden." Das Wiener Forschungsinstitut erstellt seit vielen Jahren Untersuchungen zum Thema und hat das FiT-Programm evaluiert. "Mit 14 hat man wenig Vorstellung von der Berufswelt. Man orientiert sich an Familie, Eltern und Geschwistern", erklärt die Soziologin. So sei auch zu beobachten, dass Mädchen vor allem dann technische Berufe ergreifen, wenn es in der Familie Vorbilder gibt. "Sehr oft sind das die Väter oder Mütter", sagt Bergmann. Das größte Manko sieht sie in der Berufsorientierung: "Es werden nur Informationen gegeben, Orientierung findet keine statt. Wenn nichts ausprobiert werden kann und es keine Praktika gibt, ist das schwierig."

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Kommentare

163 Kommentare Seite 1 von 14 Kommentieren

So trivial wie falsch

Gerade unter den Kindern, welche im Gendermainstreamingland Nummer 1 (Norwegen) aufwachsen ist das Rollenbild stark ausgeprägt. Was vor 20 Jahren war bekommen Kinder die heute aufgezogen wurden nicht mit (ja, die haben auch besondere Kinderbücher etc).
Es gibt auch Untersuchungen welche unterschiedliche Orientierungen zwischen den Geschlechtern schon wenige Stunden nach der Geburt bestätigen, also ohne jede Prägung.
Nur weil wir es jahrhundertelang noch verstärkt haben bzw verstärken wollten, heißt das nicht das diese feinen Unterschiede in der Interessensgewichtung falsch sind. Sie sind nunmal da. Das heißt aber nicht daß ein Mann nicht Kindergärtner werden sollte oder eine Frau nicht Maschienenbauerin. Es heißt nur, daß die Mehrheit es von vornherein eben eher nicht will.

Ja, da stimme ich Ihnen zu

Es gibt Tendenzen, die sich besonders zwischen den Geschlechtern niederschlagen. Ich finde auch die Anwerbung von Frauen in Männerberufe als primäre Maßnahme blöd.

Ich fände es sinnvoller, zunächst mal die Begriffe "Männer-" und "Frauenberufe" abzuschaffen, damit sich kein Teil der Bevölkerung von einem Beruf ausgeschlossen fühlt. Eine Umwelt zu schaffen, in der wirklich jeder ganz frei entscheiden kann, was er/ sie machen möchte sollte das Prinzip sein. Dazu gehört auch, dass man professionell zusammenarbeitet und das Geschlecht mal außen vor lässt.
Dazu gehört aber auch, dass man alle gleich gut oder schlecht bezahlt bei gleicher Art der Ausbildung. So sollte also eine Friseurin so viel bekommen wie ein Elektriker. Dann würden auch keine Berufe mehr auf- oder abgewertet werden können.
Denn Männer neigen auch dazu, einen Beruf nach Prestige und Geld zu wählen, während Frauen lieber ideell wählen (was meistens zu schlechterem Gehalt führt).

Mindestlohn

Muß ja nicht so hoch sein wie hier in Queensland, aber das löst die meisten dieser Probleme ad-hoc. Daß ein Elektriker mehr bekommt ist ja wohl klar: da hängen schließlich Leben dran - sein eigenes und die der Kunden oder der Allgemeinheit. Bei einem KFzMechaniker nur die Leben anderer (es sei denn er schließt die Batterie mit sich kurz). Aber ein/-e Frisör/in? Anderer Stellenwert; nichts desto trotz gegenwärtig definitiv zu gering vergütet wie vieles andere auch.