HochschulrankingDer Trick mit den Schrottkarren

Die deutsche Politikwissenschaft verweigert sich dem Vergleich ihrer Studiengänge – und torpediert damit eigene Standards. von Wolfgang Seibel

Es ist eine der wichtigsten Entscheidungen überhaupt: Wo studiere ich? Wo investiere ich mein Geld (oder das der Eltern) und meine Lebenszeit in eine Ausbildung, die den Rest des Lebens prägt? Wer nicht gerade ein Experte ist, kann kaum herausfinden, welche Hochschulen in welchen Fächern wie gut aufgestellt sind. Das Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), das von der Bertelsmann Stiftung und der Hochschulrektorenkonferenz getragen wird, will seit Jahren genau diese Orientierung bieten: Es deckt heute 37 Fächer ab und stützt sich auf Erhebungen unter mittlerweile 250.000 Studierenden und auf regelmäßige Reputationsbefragungen unter den Professorinnen und Professoren (die ZEIT veröffentlicht das Ranking regelmäßig; Anm. d. Red.).

Ganz so einfach ist das aber nicht. Es gibt auch berechtigte Kritik. Viele Wissenschaftler sehen Schwächen im Messkonzept des Rankings, vor allem implausible Indikatoren und unklare Repräsentativität. Diese Kritikpunkte sind weitgehend unstrittig und Gegenstand ausgeprägter Diskussionen. Einige Fachvereinigungen, darunter inzwischen auch die Vorstände der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) und der Deutschen Gesellschaft für Politikwissenschaft (DGfP), haben daher den ihnen fachlich zuzurechnenden Instituten und Fachbereichen in Deutschland empfohlen, ihre Beteiligung an der nächsten Runde des CHE-Rankings auszusetzen. Natürlich sollten gerade die empirischen Sozialwissenschaften die Diskussion um Schwächen besonders intensiv führen. Aber sich ganz daraus zurückzuziehen ist der falsche Weg.

Anzeige

Gerade Sozialwissenschaftler wissen, dass sich Messinstrumente in der Praxis bewähren und dass sie durch die Praxis verbessert werden müssen. Immerhin will man nun mit dem Centrum für Hochschulentwicklung Gespräche führen in der Hoffnung, "substantielle Verbesserungen" zu erreichen. Davon will man die Empfehlung zu einer künftigen Beteiligung oder zu einem künftigen Boykott abhängig machen.

Wolfgang Seibel

ist Professor für Politik- und Verwaltungswissenschaft an der Universität Konstanz.

Eigentümlich nur: Die Maßstäbe der Kritik an der Validität und Objektivität der CHE-Messungen wollen die politikwissenschaftlichen Fachvereinigungen für ihre eigenen Bewertungen offenbar nicht gelten lassen. Denn was ist von Aussagen über die Qualität eines Messinstruments zu halten, die von Betroffenen stammen? Und zwar von mehrheitlich negativ Betroffenen? Bei jeder Art von Ranking bilden diejenigen, die weniger gut abschneiden, zwangsläufig die Mehrheit der jeweils erfassten Fachbereiche und Institute. Es kann nicht überraschen, dass das Interesse dieser Mehrheit an der Fortexistenz des Ranking-Verfahrens gedämpft ist. Erstaunlich sind nicht die hier wirkenden Fluchtreflexe, erstaunlich ist, dass die Fachvereinigungen ihnen nachgegeben haben. Darin liegt eine spezifische Art des Institutionenversagens, die man hätte vorhersehen können und die man hätte abwenden müssen.

Auf fast allen Märkten weiß der Anbieter besser Bescheid als der Abnehmer

Dabei wäre das eigene sozialwissenschaftliche Fachwissen hilfreich gewesen, wenn man es denn hätte nutzen wollen. Auch in der Politikwissenschaft ist die Arbeit des Ökonomie-Nobelpreisträgers George Akerlof mit dem Titel The Market for Lemons geläufig, zu Deutsch etwa so viel wie "Der Markt für Schrottkarren" oder eben schlechte Gebrauchtwagen. Akerlofs einfache, aber folgenreiche Entdeckung: Auf fast allen Märkten für Güter oder Dienstleistungen weiß der Anbieter besser Bescheid als der Abnehmer. Aus dieser Informationsasymmetrie resultiert eine moralische Versuchung (moral hazard), den Abnehmer zu übervorteilen. Gelingt dies, ist das nicht nur für den einzelnen Nutzer von Gütern oder Dienstleistungen von Nachteil, es setzt auch die Qualitätskontrolle durch Wettbewerb außer Kraft. Zahlt der Abnehmer mangels Wissen für ein Gut minderer Qualität einen überhöhten Preis, ermöglicht dies dem Anbieter, ehrliche Wettbewerber aus dem Markt zu drängen. Wer mehr in die Qualität investiert, kann sich nicht darauf verlassen, die damit verbundenen höheren Kosten über höhere Preise wieder hereinzuholen, wenn dem Abnehmer hinreichende Informationen über die Produktqualität gar nicht zur Verfügung stehen. So entsteht Marktversagen. Die Verdrängung qualitätsorientierter Anbieter durch den Marktmechanismus, der doch eigentlich das Gegenteil bewirken sollte, nennt man seit Akerlof "adverse Selektion": Bekommt man die Informationsasymmetrien nicht in den Griff, begünstigt der Wettbewerb das Mittelmaß.

Leserkommentare
  1. Seit wann ist ein Universitätsstudium eine Ausbildung? Es ist Bildung. Zumindest war das mal das Ideal der deutschen Universität. [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/au

    2 Leserempfehlungen
  2. Leider ist die CHE Methodik selbst intransparent und wird durch Worthülsensprech verschleiert:

    Es gibt einen Bachelor-Praxis Check. Dort gibt es das Kriterium "spezielle Praxismodule". Und dann? Aus die Maus. Was ist das? Und warum gibt es eine nichtlineare Abbildungsfunktion zwischen zu vergebenen Punkten und den Leistungspunkten? Warum geht die in eine Sättigung? Demnach wäre ein Studium mit 20 LP Anteil Praxismodule in diesem Kriterium optimal. Warum? Wer legt das fest? Und nur Praxis zu machen scheint kein Nachteil zu sein. Sehe ich aber anders.

    Das gleiche gilt für Projektmodule. Die CHE sieht es als Nachteil, mehrere kleine Projektmodule durchzuführen statt einem großen. Warum?

    2 Leserempfehlungen
  3. Muss ja wirklich eine Jahrhundertentdeckung von Herrn Akerlof gewesen sein, da kommt man nicht so leicht drauf. Mann, wofür man heute in Ökonomie einen Nobelpreis bekommen kann.

    Eine Leserempfehlung
  4. Ein Gebrauchtwarenhändler kann so nur agieren, wenn er einen Markt der Laufkundschaft bedient. Also den Kunden nie wieder sieht. Bei Neuwagen sieht das plötzlich anders aus. Die Argumentation ist also Abhängig vom Markt und vom Marktsegment. Es wird aber nicht schlüssig dargestellt warum dies auf den "Markt" der Studienabschlüsse auch zutrifft.

    Nehmen wir Harvard. Bei einer Studienerfolgsquote von 95% und einem Studienabsolventen namens Bush stimmt etwas nicht. Das kann nicht sein. Oder aber man lernt dort nichts hat aber nachher ein tolles Zertifikat.

    Geht es bei Bildung und Studium nicht eher darum, einen Ort zu finden an dem ich mich wohl fühle und ich mich mit Dingen beschäftigen kann, die mich interessieren?

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das Hauptproblem: Aus "Was" wird ein "Wo". Es zählt nicht mehr die individuelle Leistung des Absolventen, sondern wo er seinen Abschluss erworben hat. Ein schönes Beispiel ist da halt G.W.Bush.

    Um auf den Vergleich mit dem Gebrauchtwagenhändler zurückzukommen: Wer einen Gebrauchtwagen nur aufgrund der ADAC-Mängelliste für den Typ erwirbt, ohne sich mit dem konkreten Fahrzeug und dem Verkäufer auseinanderzusetzen, ist noch viel mehr mit der Klammerbeutel gepudert.

    Diese Rankings erzeugen Mittelmäßigkeit, da hier keine wirklich unabhängigen Akteure am Werke sind, sondern Marktteilnehmer, die ebenfalls eine Erwartungshaltung erfüllen müssen. Wenn die IVY-League schon aus reinem Selbsterhaltungstrieb hochgerankt wird, reduziert sich die Aussagekraft erheblich.

    Der alte Tipp: Traue nur den Statistiken, die du selber gefälscht hast... Um den Wert eines Rankings wirklich einschätzen zu können, muss man sich intensiv mit den Details auseinandersetzen. Das ist dann aber genauso aufwändig, wie sich mit der individuellen Leistung des Absolventen zu beschäftigen.

  5. ... Akerlof hat ja schliesslich nicht vorgeschlagen, ein allgemeines 'Gebrauchtwagenranking' einzuführen; beim Gebrauchtwagenkauf hilft's schlussendlich auch, wenn man weiss, was fuer eine Karre man will, oder braucht, und wofür. Wenn ich dann nicht reingelegt werden will, nehm ich einen mir bekannten Automechaniker mit zum Einkauf. Die Analogie zur Studienwahl koennen sie sich selber zurechtbauen.
    Es sei Ihnen ja belassen, den ganzen Unfug eines 'Marktes' im Hochschulausbildungswesen mitmachen zu wollen- mal voellig dahingestellt ob die Unterschiede zwischen verschiedenen Instituten aus Sicht der Lehre nicht eher marginal sind. Die Debatte, ob durch die Akzeptanz solcher Maetzchen universal die Verbesserung der Un- und Zustaende im Hochschulwesen betrieben werden kann, steht trotzdem noch aus.
    Von der Perfektibilitaet des Informationsgleichgewichts zwischen 'Verkaufern' und 'Verbrauchern' zu träumen, ist, nimmt man die gegenwaertige Missinformationsnotlage auch nur in Grundzuegen ernst (siehe erlogene Kriegsgründe), jedenfalls eher putzig.

    7 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Man könnte hier auch ein Stichwort aus alten Tagen aufgreifen:

    Ranker in die Lehre!

  6. Man könnte hier auch ein Stichwort aus alten Tagen aufgreifen:

    Ranker in die Lehre!

  7. Wir können uns wohl alle drauf einigen, dass das CHE-Ranking Quatsch ist. Und somit die Unis nur Ressourcen verschwenden, wenn sie weiterhin damit zusammenarbeiten.

    Man könnte dann fragen, ob man generell Universitäten ranken kann.. ich denke, man kann das schon, ist aber alles genau so willkürlich und wenig aussagekräftig.

    Die Sachen, die mich als Student interessieren, lassen sich nicht in Rankings fassen. (Ist der Dozent/sein Lehrstuhl erreichbar und hilft auf Nachfrage? Bzw gibts Tutorien? Und sind die Vorlesungen/Skripte verständlich? Gibts Anwesenheitspflichten? Wie sieht das Curriculum aus?)
    Das Curriculum kann ich natürlich nachlesen und mir ein persönliches Ranking erstellen, wo der interessanteste Stoff gelehrt wird, aber daraus ergibt sich kein allgemeingültiges Ranking.

    Schon vor einigen Jahren als ich anfing zu studieren, gabs das CHE-Ranking. Hat mir zumindest geholfen, um zu sehen, welche Unis mein Fach anbieten. Nachdem ich herzlich über das Ranking gelacht habe, habe ich mich für die Uni entschieden mit dem interessantesten Curriculum...

    Wer Zeit verschwendet und beim Ranking mitmacht, steht am Ende vor dem Problem, dass man mitunter aus willkürlichen Gründen nicht vorne steht. Dann kann man versuchen das Ranking zu verbessern, was keineswegs die Lehre verbessern muss, oder man steigt aus wegen zu viel Negativ-Werbung... ist doch klar, was man da macht.

    7 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Bertelsmann Stiftung | Qualität | MIT | Lüneburg
Service