BiografieAus Lust am Herumballern

Wild und gefährlich: Jörg Magenaus Doppelbiografie von Friedrich Georg und Ernst Jünger erzählt den aufregenden Lebensweg eines strategischen Brüderpaares. von Steffen Martus

Die Helden von Ernst Jüngers Werken sind einsame Streiter. Sie kämpfen auf verlorenem Posten, und wenn sie nicht gestorben sind, dann hechten sie als Stoßtruppführer Granaten schleudernd durch Schützengräben, flüchten als Solitäre in die afrikanische Wüste, bereiten den Waldgang vor oder suchen sich ein anderes Reservat, in dem sie das Dasein eines "Anarchen" führen können. Jüngers Helden wollen vor allem eines sein: unabhängig, ungebunden, im Blick auf die Welt wie auf sich selbst frei von allen Bindungen und Blendungen der Gesellschaft. Bis in den Erzählgestus und die Stilhaltung hinein kultiviert Ernst Jünger den kühlen Blick des einsamen Beobachters. Zu seinen Lieblingsfiguren gehören außerirdische Gestalten wie der "Mann im Mond" oder sehr irdische Figuren wie der Landstreicher, über den es 1930 im Sizilischen Brief heißt: "An verfallene Zäune und Kreuzwegpfähle sind Zeichen gekritzelt, an denen der Bürger achtlos vorübergeht. Aber der Landstreicher hat Augen für sie, er ist ihrer kundig, sie sind ihm Schlüssel, in denen sich das Wesen einer ganzen Landschaft offenbart, ihre Gefahren und ihre Sicherheit."

Es gibt eine bedeutende Ausnahme von dieser Sucht nach Einsamkeit: die Marmorklippen. In jenem Roman von 1939, in dem Ernst Jünger glaubte, die schrecklichsten Seiten der Naziherrschaft visioniert zu haben, spielen zwei Brüder die Hauptrolle. Gemeinsam beobachten sie, wie sich eine historische Wetterlage dreht. Zunächst sind es nur Gerüchte, die die Stimmung verändern; dann kursieren Meldungen von Gräueltaten; und schließlich bricht jene offene Gewaltherrschaft aus, die ihr bedrückendes Bild in der "Schinderhütte" von "Köppelsbleek" gefunden hat – sehr schnell haben die Leser im "Dritten Reich" den Namen in "Göbbelsbleek" übersetzt. Der Roman – und dies ist seine literarische Leistung – stellt die schleichende Auflösung einer politischen Kultur dar. Die Geschwister deuten die Vorzeichen und verstehen dann, wie sich die Grundlagen einer Gesellschaft zersetzen und aus Propaganda Wirklichkeit wird. Der autobiografische Bezug liegt auf der Hand: Mit seinem jüngeren Bruder Friedrich Georg hat Ernst Jünger die Karriere des historisch wahren "Oberförsters" scharfsichtig beobachtet. Beide ziehen daraus ihr Fazit: der Ältere 1932 in der großen Analyse des Arbeiters , der Jüngere in seiner Studie über die Perfektion der Technik, die kurz danach entsteht, aber erst 1946 erscheint und dann verdeckt in der Philosophie Martin Heideggers ihre Wirksamkeit entfaltet.

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Jörg Magenau widmet diesem Brüderpaar eine längst überfällige Darstellung. Mit großem Gespür für prägnante Situationen bereitet er die Doppelbiografie der Jünger-Brüder szenisch auf. Er hat deren Briefwechsel ebenso ausgewertet wie die Tagebücher Friedrich Georgs – beides ist noch unpubliziert. Es gibt kluge Bücher über Ernst Jünger, nur wenige über Friedrich Georg; mit Helmuth Kiesels und Heimo Schwilks Jünger-Biografien liegen Standardwerke zum Lebenslauf von Ernst vor. Dass Friedrich Georg einen solchen intellektuellen und schriftstellerischen Aufwand ebenfalls verdient hätte, darf bezweifelt werden. Magenau jedenfalls hat sehr klug disponiert und trifft den richtigen Ton. Vor allem bleibt er stets so klar, dass das Hin-und-her-Geraune der beiden Jüngers, ihr Schwelgen in kosmischen Dimensionen und ihr Gemurmel von mythischen Beziehungen keinen Überdruss erzeugt, sondern jene eigentümliche Mischung aus Faszination und Irritation.

Der Autor

Steffen Martus, geboren 1968, ist Literaturwissenschaftler und Professor für Neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin

Es gibt ein Muster in dieser Brüderbiografie: Ernst Jünger marschiert voran, Friedrich Georg folgt. Der Ältere befindet sich an vorderster Front, der Jüngere sehnt sich dorthin. Auch "Fritz" wollte ein Kriegsheld des Ersten Weltkriegs werden und tollkühne Geschichten erleben. Die angeberischen Briefe und Tagebuchkladden seines Bruders lockten ihn ins Mahlwerk der Schlachtfelder. Aber eine gegnerische Kugel machte ihn zum Kriegsveteranen, bevor er sein Gewehr auch nur ein Mal abfeuern konnte. Zur Kompensation nahm er die Weimarer Republik unter Beschuss. Nur hier gelang es ihm, die Führung zu übernehmen: Gegen Demokratie und Republik ätzte und geiferte Friedrich Georg noch unbarmherziger als Ernst. "Der eine", so Magenau, "wird in der Nachkriegszeit vom Stolz angetrieben, der andere von seinem Minderwertigkeitsgefühl." Gemeinsam trieben sie sich in den Kreisen der ultrarechten Republikgegner herum, durchzechten die Nächte, zerschlugen in antibürgerlicher Laune das Mobiliar und grölten die Spießer aus ihrer Nachtruhe. Gern griff man nach dem Freibad zum Revolver und feuerte in der Heide auf einen imaginären Gegner.

"Mir geht es gut"

"Die Sonne geht unter; noch einmal umfaßt der Blick die durchwanderte Welt im Abendschein." Ernst Jünger notierte 1961, was ihn an letzten Worten berühmter Personen vor deren Tod faszinierte. Auf Tausenden Postkarten, sortiert von A bis Z in zwei Karteikästen, hatte er sie in den fünfziger Jahren gesammelt. Wer bislang den Käferjäger Jünger kannte, lernt ihn jetzt in einer wunderbaren, edel gestalteten Auswahl als Sammler sterbender Stimmen kennen (Ernst Jünger: Letzte Worte; hrsg. v. Jörg Magenau; Klett-Cotta, Stuttgart 2013; 245 S., 22,95 €). Diese bieten ihm noch einmal alles, was das irdische Dasein so bereithält: Komik, Tragik, Triviales und Metaphysik.

"Unordentlich gelebt, aber ordentlich gestorben", befand der Anarchist Bakunin;Ludwig XIV. staunte: "Ich dachte, Sterben sei schwieriger."Elizabeth I seufzte: "Alle meine Schätze für eine einzige Minute." (Jüngers Kommentar: "recht unköniglich".)"Ich mache immer noch Fortschritte", meinte Auguste Renoir, und Hugo von Hofmannsthal fand: "Mir geht es gut."Heroisch endet der römische Herrscher Vespasian: "Ein Kaiser muss im Stehen sterben."

Bis ins Alter liebte Friedrich Georg den geregelten, ungefährlichen Exzess – die Fastnachtsfeste bei ihm am Bodensee waren legendär. Ernst Jünger hingegen bewahrte sich sein Leben lang die Freude am Herumballern; er "blieb immer das Kind, das er war" (Magenau). In seinen Wilflinger Erinnerungen erzählt Heinz Ludwig Arnold, der Jünger für einige Zeit assistierte, wie er mit dem "Chef" regelmäßig in einen Steinbruch geht, Lagerfeuer macht oder Steine auf Felswände schleudert, bis Brocken herabstürzen. Jünger berichtet einmal stolz über einen besonders widerständigen Felsklotz: "Vorgestern, am Sonnabend, wurde der Koloß von Wilflingen gefällt." Der eigentümliche Pennälerhumor gehört zu dieser Jahrhundertfigur. Und so schenkt uns der "Secretarius" wichtige Einblicke in deren Alltagsleben (Heinz Ludwig Arnold: Wilflinger Erinnerungen. Mit Briefen von Ernst Jünger; Wallstein Verlag, Göttingen 2012; 143 S., 19,90 €).

Leserkommentare
    • tgam21
    • 12. Mai 2013 1:56 Uhr

    Man meint es dem Text des Artikels anzumerken, dass der Autor gerne die üblichen Vorbehalte gegen den Schriftsteller Ernst Jünger hätte überwinden wollen, sich aber offensichtlich doch nicht - vielleicht - getraut hat. Zumindest ist der Artikel in jenen Passagen, die den Schriftsteller beschreiben, leider einmal mehr zu schnoddrig, im üblichen Klischee verklebt.

    Dazu passt, dass ausgerechnet ein Foto Ernst Jüngers mit Kohl & Co zur Illustration verwendet wurde, wo doch eines der zahlreich vorhandenen Bilder der Brüder Jünger dem Kontext passender gewesen wäre, zumal Kohl die Nähe zu Jünger suchte und eher nicht umgekehrt.

    Aber die Beschreibung der Doppelbiografie selbst wiederum liest sich gut und engagiert. Möglicherweise hätte es genützt, sich auf E. Jünger ein Stück weit mehr einzulassen, wie es auch die zitierten Biografen getan haben, um dem Artikel einen sichereren Halt und besseren Stand-Punkt zu geben. Sei's drum. Es ist in jedem Fall gut, an so prominenter Stelle auf das Buch von Jörg Magenau hingewiesen zu haben.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Welch schwarze Komödie wird denn da aufgeführt? Die Staatsmaschinerie, gehüllt in dicke Wintermäntel, erscheint in Jubellaune auf dem Balkon an der Seite des missmutigen Dichter-Fossils. Man sieht es dem Hundertjährigen an, dass er sich diese Öffentlichkeit nicht wünscht - zugleich aber diese Ablehnung gern öffentlich vermerkt sieht. Würde man das Foto in diesen Kontext stellen, wie es ja in der Rezension geschieht, dann würde es Sinn machen. So jedoch ist es nur eine gedankenlose und dem Gegenstand der Doppelbiografie unangemessene Illustration.

    • Varech
    • 12. Mai 2013 11:24 Uhr

    Warum "entzwei"? Er muss doch wieder zu knüpfen gewesen sein, auch mal wieder.

  1. Anzumerken wäre hier vielleicht noch, daß Abseits des Biographischen und Historischen Friedrich Georg Jünger ein begnadeter Dichter war, dessen Werk heute leider vollkommen vergessen ist. In seinem Symbolismus durchaus vergleichbar mit dem frühen Stefan George beispielsweise, dabei aber sehr viel leichtfüßiger, eleganter, lichter... schöner letztlich, in meinen Augen.

  2. Welch schwarze Komödie wird denn da aufgeführt? Die Staatsmaschinerie, gehüllt in dicke Wintermäntel, erscheint in Jubellaune auf dem Balkon an der Seite des missmutigen Dichter-Fossils. Man sieht es dem Hundertjährigen an, dass er sich diese Öffentlichkeit nicht wünscht - zugleich aber diese Ablehnung gern öffentlich vermerkt sieht. Würde man das Foto in diesen Kontext stellen, wie es ja in der Rezension geschieht, dann würde es Sinn machen. So jedoch ist es nur eine gedankenlose und dem Gegenstand der Doppelbiografie unangemessene Illustration.

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