Niederschwelliger kann eine Suchtklinik nicht sein. Alle fünf Meter öffnet sich eine Tür, und jede führt direkt in ein kleines Wartezimmer. Hier sitzen die Heroinsüchtigen, dort die Alkoholiker und hinter der nächsten Tür die Kokainabhängigen. An der Wand hängt ein Plakat: "Seltene Krankheiten betreffen 500.000 Menschen in der Schweiz". Ein zweites Plakat versichert: "Wir sind ganz Ja".

Ganz Ja sagt auch Daniele Zullinos Erscheinung. Der Chefarzt und Suchtspezialist am Genfer Universitätsspital wäre die Zierde jedes gesellschaftlichen Events oder gehobenen Sportclubs, von Jacht bis Polo. Dass seine Interessen anderswo liegen, zeigt das wandfüllende Büchergestell in seinem Büro: Es ist dicht bestückt mit afrikanischer Kunst.

In den Kokainentzug für Banker rutschte er durch Zufall. Um gleich zu verbessern: "So zufällig auch nicht, bedenkt man die Häufigkeit." Tatsächlich ist Kokain für Banker eine sozusagen maßgeschneiderte Droge. Erstens ist sie schnell wie der Mausklick, mit dem der Trader Millionen um die Welt schickt. "Sie wirkt schon, wenn die Nadel noch in der Armbeuge steckt", sagt Daniele Zullino. "Auf Banken wird sie freilich meist nasal konsumiert." Zweitens katapultiert sie den Banker genau in den für seine Arbeit benötigten Rauschzustand: strotzend vor Selbstbewusstsein, siegesgewiss, risikofreudig. "Der wirkliche Kick, die stark euphorisierende Wirkung, dauert nur etwa 10 bis 15 Minuten. Der stimulierende Effekt hält drei bis vier Stunden an. So wie bei Kaffee."

Amerikanische Studien bringen die Krisen an der New Yorker Wall Street mit Kokain in Verbindung. Bernie Madoffs Büro wurde "Nordpol" genannt, weil dort enorme Mengen von Schnee gefunden wurden. In Italien verlangte ein Staatssekretär Drogentests in Finanzinstituten, um zu verhindern, "dass Ersparnisse Menschen anvertraut werden, die aufgrund von Drogenmissbrauch nicht in der Lage sind, richtige Entscheidungen zu treffen". In der skandalgeschüttelten Londoner City ist das weiße Pulver, das die Risikobereitschaft steigert und den Realitätssinn vermindert, in Pubs und Bars erhältlich.

Die Banker, die bei Daniele Zullino den Entzug suchen, kommen aus ganz Europa. Hier, in Genf, so ihre Hoffnung, kennt sie niemand. Die meisten sind zwischen 30 und 35 Jahre alt. Im Investmentbanking bedeutet das: pensionierungsreif. Ähnlich fühlen sie sich auch: schlapp, fahrig, depressiv. Ihre Reaktionsschnelle hat nachgelassen, die Risikofreude ebenfalls. Die Erhöhung der Kokaindosis brachte nichts. Das Triggern mit Alkohol auch nicht. "Diese Mischung ist etwas vom Übelsten in Sachen Drogen, das reine Gift für die Leber", sagt Daniele Zullino.

Seine Suche für diesen Artikel nach einem interview-bereiten Kokain-Banker im Entzug verlief im Sand. Keiner meldete sich auf seinen Aufruf am Anschlagbrett der Klinik. Das wundert ihn nicht. Im Heroinprogramm drängen die Patienten geradezu an die Öffentlichkeit. Das große Ego der Kokainpatienten dagegen lässt keinerlei Schwäche zu. "Sie passt nicht zum Selbstbild der sensation seekers, die schnelle Autos, schnelle Sportarten und das Risiko lieben." Und sich Sprüche zuwerfen wie "There is no limit, you just have to go for it." Oder: "Get rich or die trying."

Die Drogenkarriere des Schweizer Investmentbankers Philipp Ganz

Häufig suchen Zullinos Patienten den Entzug auf Drängen ihrer Freundin oder Frau. Sie hat genug vom impotenten, antriebslosen Mann an ihrer Seite, der am Wochenende herumliegt und nur beim Checken seines iPhone zeigt, dass noch Leben in ihm zuckt.

Der Investmentbanker, den wir auf eigene Faust gefunden haben und hier Philipp Ganz nennen, kennt häusliche Szenen dieser Art aus eigener Erfahrung. Sein flachsblondes Haar trägt er auf gewollt kühne Art aus der Stirn gekämmt; die Wangen sind hohl, seine Handgelenke mit Haut umspannte Knochen. Abgesehen von Appetitlosigkeit spürt er keine körperlichen Symptome. "Nur hier und hier", er tippt an die Nasenspitze und die Vorderzähne, "fühlt es sich betäubt an."

Sein Wohnzimmer könnte die Suite eines Luxushotels sein – alles groß, teuer und unpersönlich, mittendrin der Panorama-Fernseher wie ein erblindetes Auge. Seit ihn seine Freundin verlassen hat, sitzt er lieber in der Küche. Der Wein-Cooler füllt die Hälfte der Wand. Im Kochbuch-Fach steht ein Werk, das ihm seine Schwester zu Weihnachten geschenkt hat: Was man mit Geld nicht kaufen kann von Harvard-Philosoph Michael Sandel. Für Philipp Ganz ist das Trostlektüre für Versager. Er kennt in seinem Umkreis niemanden, dem Geld nicht alles bedeutet. "Geld ist Anerkennung, Geld ist Macht. Mein Bonus sagt mir, wie viel ich wert bin. Und wenn mein Kollege im trading room mehr kriegt, will ich auch mehr. Plus Beförderung."

Von den 16 Männern in Philipp Ganz’ Team sind nur zwei verheiratet, drei sind geschieden, und die anderen erscheinen häufig mit einer anderen Frau. Als Geheimtipp – anpassungsfähig, geduldig – gelten die Koreanerinnen und Filipinas auf der Bank. Doch Philipp Ganz hat vorerst genug davon, nach einem stressigen Zehnstundentag und 600 E-Mails "zu Hause Verteidigungslinien aufzubauen und Rechtfertigungsstrategien zu entwickeln".

Auf dem Foto im Korridor steht er in einer Jägerrunde vor aufgereihten toten Hasen und Vögeln. Wenn ihn sein Kunde zur Treibjagd einlädt, benimmt er sich absichtlich ungeschickt. Zudem zeigt er Angst vor Hunden und Pferden. "Das gefällt ihm. In seinem Revier will er der Größte sein. In der Stadt bin ich es." Besonders wenn sein Klient nach dem Officebesuch noch ins Rotlichtmilieu will. Auch andere Kunden aus der Provinz äußern häufig solche Wünsche. Dann muss Philipp Ganz, obwohl um 6.30 Uhr morgens zum Dienst erschienen, abends um zehn noch immer topfit sein und beweisen, "dass ich nicht nur an der Börse weiß, wo die Musik spielt". Das Einzige, was ihn dabei aufrecht hält, sind Kokain und der Gedanke: Diesem Mann verdanke ich einen guten Teil meines Bonus.

Solidarität mit ihren Kunden kennen die Investmentbanker ebenso wenig wie mit ihren Kollegen. Ganz hat schon zwei Kündigungswellen erlebt. Jedes Mal war er froh, dass es andere traf. Schon gar keine Solidarität fühlt er für seinen Arbeitgeber. Wie bei allen international tätigen Finanzinstituten ist der Leistungsdruck hoch, die Stimmung unpersönlich und die Zukunft unsicher: "Vielleicht gibt es den Betrieb nächstes Jahr nicht mehr." Egal. "Hauptsache, ich quetsch noch einen möglichst hohen Bonus raus."

Viele White-Collar-Kokainkonsumenten begännen aus hyperrationalen Überlegungen, sagt Daniele Zullino. "Sie stellen fest, dass ihnen die Droge mehr Vor- als Nachteile bringt." Erst nach und nach verschieben sich die Gewichte. Unter "Plus" notierte ein Patient einen einzigen Posten: Stressresistenz. Seine "Negativ"-Liste dagegen füllt die Seite bis zuunterst: Schlaflosigkeit, Aggressivität, Impotenz, Versagensängste, Depression, Herzrhythmusstörungen, Nervosität, Panikattacken.

Diese persönliche Bilanz ist Teil des Entzugsprogramms. Die gleiche Vernunft, die den Patienten in die Sucht führte, soll ihn auch wieder aus ihr befreien. "Manchmal helfen schon wenige Sitzungen." Erleichtert wird die Behandlung, weil es der Psychiater mit intelligenten, beruflich eingegliederten Menschen zu tun hat. Sie kennen keinen Beschaffungsstress. Ihr Stoff ist Premiumware, meist von Kollegen mit guten geschäftlichen Verbindungen in der Karibik oder Afrika organisiert. Auch der Preis spielt keine Rolle. Die 3.000 Franken monatlich belasten das Budget von Ganz kaum.

Die Chance, dass ein Kokain-Banker auffliegt, ist gering. Die größte Gefahr lauert am Zoll, wenn er mit einer Notration Koks im Gepäck erwischt wird. Die Bank selbst sieht keinen Grund, Drogenpolizei zu spielen. Schließlich kommt die aufgekratzte Stimmung dem Geschäft zugute. Und auch der Teamchef schaut weg, sofern er nicht mitkokst. Oder gar dealt, wie der frühere Boss von Ganz. "Als es rauskam, hat ihn die Bank diskret entsorgt."

Der Drogenentzug wird erschwert, weil Börsenspekulanten kurzfristig denken

Inzwischen werben rings um alle großen Finanzplätze, von Frankfurt über London und Paris, immer mehr schicke Kliniken um die Gunst der neuen, finanzkräftigen Klientel. Daniele Zullino sieht für den stationären Klinikaufenthalt aber keinen Grund: "Der Entzug an sich ist körperlich ungefährlich. Psychisch wirkt er sich aus wie eine schwere Depression aus, und die lässt sich medikamentös behandeln." Zudem ist es falsch, Situationen zu vermeiden, in denen der Patient in Versuchung gerät. Schließlich sind nur wenige Banker gewillt oder in der Lage, ihren Arbeitsplatz zu wechseln. Stattdessen stärkt Daniele Zullino in Rollenspielen ihre Fähigkeit, in Stresssituationen die richtige Entscheidung zu treffen. Nämlich: Ich habe mich entschlossen, kein Kokain mehr zu konsumieren. "Sucht ist die Automatisierung eines Verhaltens." Zur Illustration zeichnet er den Reifenabdruck eines Autos, der bei jedem Befahren tiefer wird. "Wie tief, das hängt vom Gewicht des Wagens, der Beschaffenheit des Bodens und der Anzahl der Fahrten ab." Der Boden in seiner Metapher entspricht der Verletzlichkeit des Individuums, das Gewicht des Gefährts der verhaltensverstärkenden Wirkung der Droge. "Je ausgefahrener die Spur, desto schwieriger, das Auto wieder flottzukriegen."

Erschwert wird der Prozess, weil Börsenspekulanten von Natur aus kurzfristig denken. "Sein langfristiger Entzugsentschluss gerät mit seinen kurzfristigen Entscheidungen in Konflikt." Dies freilich ist nicht nur ein Problem der Banker. "Heute ist die ganze Welt auf Kurzfristigkeit und Instantbefriedigung ausgerichtet. Die Wirkung des Pornokanals, beispielsweise, tritt auf Knopfdruck ein."

Philipp Ganz kann sich zum Entzug noch nicht entschließen. Zwei Jahre lang will er noch durchhalten; ohne Kokain schafft er dies nicht. Dann hat er genügend auf dem Konto, um sich frühpensionieren zu lassen, "auch wenn das keine 40 Millionen sind, wie sie der Londoner Investmentbanker Geraint Anderson mit 35 hatte". Denn die Zeiten sind schwieriger geworden. 2007 kaufte er mit seinem Bonus einen Maserati und zahlte die Wohnung in Verbier an. Jetzt, im März 2013, betrug sein Bonus noch knappe achtzigtausend Franken.

Er führt diese Einbuße, wie ein Athlet, auch auf seine Kondition zurück. Denn mit 42 Jahren ist er der Methusalem seiner Abteilung. Immer neue Junge rücken nach: smart, intelligent, entscheidungsfreudig, unendlich belastbar. Manche haben weder einen klaren Beruf noch Erfahrung im Job. Dafür macht es ihnen nichts aus, rund um die Uhr im Einsatz zu sein, immer erreichbar und immer gut drauf.

Nicht nur seine mangelnde Fitness, auch der Coolness-Zwang macht Ganz inzwischen zu schaffen. Zum Beispiel bei den C+C-Partys. Das erste C steht für cocaine, das zweite für Roederer Cristal , einen Spitzenchampagner, dessen billigste Flasche 200 und die teuerste 7.000 Franken kostet. Heute hat er am Morgen nach einem der rituellen Massenbesäufnisse Mühe, seine Bildschirme zu kontrollieren.

Nächste Woche fliegt sein Team, wie immer im Frühling, zur Bonusfeier nach London. Den Tisch im Coq d’Argent haben die Boys in London reserviert. Philipp Ganz möchte sich am liebsten drücken. Geht aber nicht: "Man muss beweisen, dass man Teil der Gang ist." Und, natürlich, on track .