SprachforschungLernen von den Räubern

Von wegen germanisch – stammt das Englische ursprünglich von den Wikingern? von 

Auf den schottischen Shetland Inseln wird regelmäßig das Wikinger-Festival Up Helly Aa gefeiert.

Auf den schottischen Shetland Inseln wird regelmäßig das Wikinger-Festival Up Helly Aa gefeiert.  |  © Carl de Souza/AFP/Getty Images

Ein pfiffiger Professor der Universität Prag erklärte mir einmal ein Betriebsgeheimnis historischer Linguistik. Eigentlich sei alles längst erforscht. Man könne nur Karriere machen, indem man seit Generationen festgefügte Vorstellungen umstürze. Wenn man hartnäckig genug vorgehe, fuhr er fort, verfestigten sich die zunächst mit Entsetzen aufgenommenen Thesen bald zur neuen Orthodoxie.

Jan Terje Faarlund quittiert die Anekdote mit glucksender Zustimmung. Der norwegische Linguist und sein tschechischer Kollege Joseph Emmonds sind gerade dabei, überkommene Vorstellungen der Anglistik aus den Angeln zu heben. Faarlund ist Mitglied der Norwegischen Akademie der Wissenschaften. Emmonds forscht mit ihm als Gastprofessor an der Universität Oslo. Die norwegische Tageszeitung Aftenposten veröffentlichte ihre umstürzlerische These unter der Schlagzeile: "Englisch ist eine skandinavische Sprache." Das Idiom der Insel sei keine deutschstämmige, von Angeln und Sachsen zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert von Jütland her importierte Sprache, wie die Fach- und Laienwelt bislang annahm. Vielmehr hätten die Wikinger sie aus dem hohen Norden eingeführt.

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Das klingt in den Ohren der Traditionalisten so verwegen wie der Wikingereinfall selbst. Im herkömmlichen Schema bilden Westgermanisch, Nordgermanisch und das mit einem Kreuz versehene, weil ausgestorbene Ostgermanisch-Gotische die Hauptgruppen der deutschen Sprachen. 1943 gliederte der Linguist und Mediävist Friedrich Maurer das Westgermanische in fünf Untergruppen. In seinem Modell ist das moderne Deutsch ein Verschmelzungsprodukt von vier Untergruppen, während das Englische auf einem Sonderweg aus dem Nordseegermanischen hervorging. Das Modell wird bis heute akzeptiert.

Die Geschichte der angelsächsischen Kolonisierung und der ihnen folgenden Wikingerraubzüge vom 8. bis ins 11. Jahrhundert wurde freilich von mittelalterlichen Mönchen geschrieben. Deren Vorurteile gegen diese wilden Männer, das stellte der Historiker Norman Davies 1999 in seiner bahnbrechenden Historiografie The Isles fest, seien bisher unwidersprochen. Tatsächlich hätten die Wikinger die britischen Inseln samt Irland beinahe für immer in den skandinavischen Einflussbereich gezogen. Sie besiedelten fast ganz England. Doch wegen der klerikalen Propaganda hätten sie kaum eine Spur im kollektiven Gedächtnis hinterlassen.

In der Sprachtheorie ist das nicht anders: In ihr ist das Angelsächsische gleichbedeutend mit Altenglisch, das sich, bereichert durch französischen Einfluss nach dem Sieg von Wilhelm dem Eroberer, über Mittel- und Frühneuenglisch kontinuierlich zum modernen Englisch fortentwickelte. Das sei völlig verfehlt, werfen der akademische Neuwikinger und sein tschechischer Kollege ein. Das Altenglische sei ausgestorben wie Gotendeutsch. Nur die Wikingersprache habe überlebt, wenngleich durchsetzt mit angelsächsischen Vokabeln.

Faarlund und Emmonds suchten ursprünglich eine Antwort auf ein altes Rätsel der Sprachwissenschaft: Warum unterscheidet sich die englische Grammatik so grundsätzlich von der ihrer vermeintlichen Schwestersprachen Deutsch und Niederländisch?

Auf Deutsch sagt man: Ich habe ein Buch gelesen. Im Englischen steht das Objekt am Ende: I have read a book. Altenglisch – man kennt es aus dem epischen Heldengedicht Beowulf – verwendete die "deutsche" Syntax. Schon im Mittelenglischen kommt die kaum mehr vor. Doch in fast allen Fällen, in denen das Englische abweicht, dämmerte es Faarlund, deckt sich dessen Satzbau mit der Syntax seiner Muttersprache. Verzahnte englische Wortstellungen sind keine Hürde für Norweger. Sie bilden ein für Deutsche schwer nachvollziehbares I promise to never do it again – ich verspreche zu niemals tun es wieder. In gleicher Wortfolge: Eg lovar å ikkje gjera det igjen.

Leserkommentare
  1. Hätte ich gern im Detail als laienhaften Unsinn widerlegt, aber die Zeichenobergrenze reicht nun einmal wie bei diesem Artikel nur für einen Adhoc-Rausch.

    Als interessierter Leser geht man am seriösesten man davon aus, dass alle altenglischen Dialekte niederdeutsch-friesisch (selbstverständlich nicht Althochdeutsch, o je!) sind und das heutige Englisch die direkte Kontinuante davon mit nordischen Entlehnungen. Alle Lautgleichungen sprechen dafür und klar gegen Herrn Faarlund. Ich befürchte, daß ihm die ausschlaggebende Bedeutung von Lautgleichungen in der hist. Sprachwiss. nicht klar ist.

    Die Beispiele zur Syntax sind alle falsch und anachronistisch. Das Perfekt hat sich erst im Laufe des Mittelalters in allen germanischen Sprachen unabhängig voneinander entwickelt, die Satzstellung 'I promise to never do it again' kann genauso aus dem Französischen stammen. Daß darin 'to' und 'do' auftauchen, die es im Nordischen nicht gibt, ist Herrn Faarlund entgangen.

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  2. "stammt das Englische ursprünglich von den Wikingern?"

    Bis jetzt habe ich immer gedacht, dass die Wikinger auch Germanen sind.

    Die Erklärung kann ebenfalls aus dem Artikel zitiert werden:

    "Man könne nur Karriere machen, indem man seit Generationen festgefügte Vorstellungen umstürze. Wenn man hartnäckig genug vorgehe, fuhr er fort, verfestigten sich die zunächst mit Entsetzen aufgenommenen Thesen bald zur neuen Orthodoxie."

    Lesen bildet eben, manchmal aber nicht.

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    Die "Wikinger" sind ein Oberbegriff derer zur See fahrenden Völker, die zu einem großen Teil mit der Nordischen Volksgruppen in Skandinavien identifiziert wurde. Aber auch baltische und slawische Völker werden darunter gezählt. Das Germanische bezieht sich nur auf die Skandinavier, aber eben auch die sind nur einTeil der Gruppe, siehe oben.

    • maja91
    • 09. Mai 2013 12:27 Uhr

    “Im herkömmlichen Schema bilden Westgermanisch, Nordgermanisch und das mit einem Kreuz versehene, weil ausgestorbene Ostgermanisch-Gotische die Hauptgruppen der deutschen Sprachen“

    Möge mich jemand verbessern, der es besser weiß, aber germanisch ist nichtgleich deutsch. Westgermanisch, Nordgermanisch und Ostgermanisch sind Untergruppen der germanischen Sprachen und sind aus dem Urgermanischen entstanden. Es sind nicht (!) Deutsche Sprachen. Deutsch gehört zu den Westgermanischen.

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  3. zwischen altenglischen und Altdeutschen Texten in Grammatik und Vokabeln in der Zeit vor 1066 sind dann also alle... Zufall?

    Habe zufällig gerade einen Historical and Regional Variations of English-Kurs an der Uni und kann anhand dessen, was ich bislang an Texten gesehen habe, klar sagen, dass obige These nichts als Haarspalterei ist.
    Die Sprachfamilie der Germanen, was Skandinavier einschließt, ist nun einmal eine gemeinsame und entsprechend viele Parallelen existieren.

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    Einfluss nach 1066 wohl die französische Sprache und das Lateinische.
    Dennoch sind aus dem Altenglischen genügend Vokabeln und grammatische Stellungen übrig. Man denke an Folk (Volk) in folk lore, folk music, folk belief, was sich bis heute gehalten hat, obwohl die ursprüngliche Verwendung nun eher mittels people ausgedrückt wird.
    Was sich am ehesten beobachten lässt ist eine Vereinfachung der Sprache, die in vielen Bereichen, wie Spelling, Deklination etc. einsetzte.
    Die Argumentation dafür, dass das altenglisch ausgestorben und ersetzt worden sei, erscheint insgesamt eher schwach.

    ...diese nette Youtube-Reihe....Wurde uns vor ein paar Semestern von einer Dozentin in einem ähnlichen Kurs vorgestellt :D

    https://www.youtube.com/w...

  4. Wenn ich mich recht erinnere, hat man mir beigebracht, dass das Englische als Sprache die Tendenz hat, Suffixe zu verlieren. Als immer mehr Endungen verloren gingen (man kann das gut an den Quellen nachvollziehen - vergleicht man etwa einen altenglischen Text aus dem späten 8. Jahrhundert und dem frühen 11. Jahrhundert) hat die Syntax Funktionen der Morphologie übernommmen.
    Dass es einen sehr engen Kontakt und eine Durchmischung zwischen den "angelsächsischen" und den skandinavischen Siedlern gab, ist nun wirklich keine neue Offenbarung. Dass dies besonders beim Wortschatz des Englischen offensichtlich ist, überrascht auch den konservativsten Anglisten nicht.
    Auch überrascht mich die Feststellung, im historischen Bewusstsein sei das skandinavische Erbe nicht präsent. Es mag sein, dass sich hier seit den 1990er Jahren einiges verändert hat, aber in York, Liverpool und anderen Städten Nord- und Mittelenglands kann man praktisch kein Museum besuchen, ohne diese Geschichte präsentiert zu bekommen.

    Ich denke, der Autor des Artikels hatte mit dem Eingangszitat den richtigen Riecher.

    7 Leserempfehlungen
  5. Einfluss nach 1066 wohl die französische Sprache und das Lateinische.
    Dennoch sind aus dem Altenglischen genügend Vokabeln und grammatische Stellungen übrig. Man denke an Folk (Volk) in folk lore, folk music, folk belief, was sich bis heute gehalten hat, obwohl die ursprüngliche Verwendung nun eher mittels people ausgedrückt wird.
    Was sich am ehesten beobachten lässt ist eine Vereinfachung der Sprache, die in vielen Bereichen, wie Spelling, Deklination etc. einsetzte.
    Die Argumentation dafür, dass das altenglisch ausgestorben und ersetzt worden sei, erscheint insgesamt eher schwach.

    2 Leserempfehlungen
  6. beim Schwedischlernen aufgefallen: Dottir, daughter; der Zeitgebrauch folgt der englischen Grammatik.

    Dass die Sprache von den Skandinaviern ins Land gebracht wurde, schien mir damals sonnenklar. Warum brauchen Wissenschaftler für solche *Erkenntnisse* immer so lange?

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    Aber engl. “daughter” ist doch dem deutschen “Tochter” genauso ähnlich wie dem schwedischen “dottir”.

    Da gibt es zahllose andere Beispiele:

    Rot – red (dänisch rød)
    Blau – blue (dänisch blå)
    Gelb – yellow (dänisch gul)
    Grün – green (dänisch grøn)
    Wasser – water (dänisch vand)
    Erde – earth (dänisch hjorden)
    Fünf – five (dänisch fem)
    Sieben – seven (dänisch syv)
    Acht – eight (dänisch otte)
    Zwanzig – twenty (dänisch tyve)
    Vierzig – fourty (dänisch fyrre)
    Siebzig – seventy (dänisch halvfjerds)

    Dass die Sprache von den westgermanischen Angeln und Sachsen ins Land gebracht wurde, scheint mir immer noch sonnenklar.

    "beim Schwedischlernen aufgefallen: Dottir, daughter; der Zeitgebrauch folgt der englischen Grammatik."

    Krieg (deutsch) krig (schwedisch) Die Schweden haben ihre Sprache von den Deutschen bekommen :D
    Auch ist die Satzstellung in den skandinavischen Sprachen viel flexibler als im Englischen und ähnelt damit mehr der deutschen Sprache.

    Med venlig Hilsen
    Chris1982

    • YMB
    • 09. Mai 2013 14:31 Uhr

    dokhtar - persisch, dari und urdu für "Mädchen", da haben wirds, noch näher an daughter (denn das stumme gh im Englischen stammt vom "kh"-Laut, den wir im Deutschen mit "ch" schreiben)

    Die Brücke zwischen dem Englischen und Deutschen ist "Plattdeutsch". Da heißt "Meine Tochter" "Min Dochter", "Er" heißt "Häi" und "Ihr" "Jau". So einfach ist das.

  7. Aber engl. “daughter” ist doch dem deutschen “Tochter” genauso ähnlich wie dem schwedischen “dottir”.

    Da gibt es zahllose andere Beispiele:

    Rot – red (dänisch rød)
    Blau – blue (dänisch blå)
    Gelb – yellow (dänisch gul)
    Grün – green (dänisch grøn)
    Wasser – water (dänisch vand)
    Erde – earth (dänisch hjorden)
    Fünf – five (dänisch fem)
    Sieben – seven (dänisch syv)
    Acht – eight (dänisch otte)
    Zwanzig – twenty (dänisch tyve)
    Vierzig – fourty (dänisch fyrre)
    Siebzig – seventy (dänisch halvfjerds)

    Dass die Sprache von den westgermanischen Angeln und Sachsen ins Land gebracht wurde, scheint mir immer noch sonnenklar.

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