Ein pfiffiger Professor der Universität Prag erklärte mir einmal ein Betriebsgeheimnis historischer Linguistik. Eigentlich sei alles längst erforscht. Man könne nur Karriere machen, indem man seit Generationen festgefügte Vorstellungen umstürze. Wenn man hartnäckig genug vorgehe, fuhr er fort, verfestigten sich die zunächst mit Entsetzen aufgenommenen Thesen bald zur neuen Orthodoxie.

Jan Terje Faarlund quittiert die Anekdote mit glucksender Zustimmung. Der norwegische Linguist und sein tschechischer Kollege Joseph Emmonds sind gerade dabei, überkommene Vorstellungen der Anglistik aus den Angeln zu heben. Faarlund ist Mitglied der Norwegischen Akademie der Wissenschaften. Emmonds forscht mit ihm als Gastprofessor an der Universität Oslo. Die norwegische Tageszeitung Aftenposten veröffentlichte ihre umstürzlerische These unter der Schlagzeile: "Englisch ist eine skandinavische Sprache." Das Idiom der Insel sei keine deutschstämmige, von Angeln und Sachsen zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert von Jütland her importierte Sprache, wie die Fach- und Laienwelt bislang annahm. Vielmehr hätten die Wikinger sie aus dem hohen Norden eingeführt.

Das klingt in den Ohren der Traditionalisten so verwegen wie der Wikingereinfall selbst. Im herkömmlichen Schema bilden Westgermanisch, Nordgermanisch und das mit einem Kreuz versehene, weil ausgestorbene Ostgermanisch-Gotische die Hauptgruppen der deutschen Sprachen. 1943 gliederte der Linguist und Mediävist Friedrich Maurer das Westgermanische in fünf Untergruppen. In seinem Modell ist das moderne Deutsch ein Verschmelzungsprodukt von vier Untergruppen, während das Englische auf einem Sonderweg aus dem Nordseegermanischen hervorging. Das Modell wird bis heute akzeptiert.

Die Geschichte der angelsächsischen Kolonisierung und der ihnen folgenden Wikingerraubzüge vom 8. bis ins 11. Jahrhundert wurde freilich von mittelalterlichen Mönchen geschrieben. Deren Vorurteile gegen diese wilden Männer, das stellte der Historiker Norman Davies 1999 in seiner bahnbrechenden Historiografie The Isles fest, seien bisher unwidersprochen. Tatsächlich hätten die Wikinger die britischen Inseln samt Irland beinahe für immer in den skandinavischen Einflussbereich gezogen. Sie besiedelten fast ganz England. Doch wegen der klerikalen Propaganda hätten sie kaum eine Spur im kollektiven Gedächtnis hinterlassen.

In der Sprachtheorie ist das nicht anders: In ihr ist das Angelsächsische gleichbedeutend mit Altenglisch, das sich, bereichert durch französischen Einfluss nach dem Sieg von Wilhelm dem Eroberer, über Mittel- und Frühneuenglisch kontinuierlich zum modernen Englisch fortentwickelte. Das sei völlig verfehlt, werfen der akademische Neuwikinger und sein tschechischer Kollege ein. Das Altenglische sei ausgestorben wie Gotendeutsch. Nur die Wikingersprache habe überlebt, wenngleich durchsetzt mit angelsächsischen Vokabeln.

Faarlund und Emmonds suchten ursprünglich eine Antwort auf ein altes Rätsel der Sprachwissenschaft: Warum unterscheidet sich die englische Grammatik so grundsätzlich von der ihrer vermeintlichen Schwestersprachen Deutsch und Niederländisch?

Auf Deutsch sagt man: Ich habe ein Buch gelesen. Im Englischen steht das Objekt am Ende: I have read a book. Altenglisch – man kennt es aus dem epischen Heldengedicht Beowulf – verwendete die "deutsche" Syntax. Schon im Mittelenglischen kommt die kaum mehr vor. Doch in fast allen Fällen, in denen das Englische abweicht, dämmerte es Faarlund, deckt sich dessen Satzbau mit der Syntax seiner Muttersprache. Verzahnte englische Wortstellungen sind keine Hürde für Norweger. Sie bilden ein für Deutsche schwer nachvollziehbares I promise to never do it again – ich verspreche zu niemals tun es wieder. In gleicher Wortfolge: Eg lovar å ikkje gjera det igjen.