Die Brücke, mit der sich Malmö neu erfand, schießt wie ein Lichtstrahl aufs stahlblaue Meer, hin zu einer künstlichen Insel in der Streckenmitte, weiter übers Wasser, um auf der anderen Seite in einem Tunnel zu verschwinden. 16 Kilometer über den Öresund. 60.000 Menschen überqueren hier täglich die Ostsee und die Landesgrenze. Auf der anderen Seite sieht man Kräne und Raffinerien im Hafen von Kopenhagen. Signalhörner von Schiffen verhallen im schneidend klaren Himmel. Stahlseile an den Masten der Segelboote singen im Wind. Möwen kreisen. Ein Postkartenpanorama.

Es ist nicht lang her, da war Malmö trister als Sheffield und Duisburg zusammen. Die Schwerindustrie hatte es reich, aber nicht schön gemacht. Dann kam der Niedergang. Mitte der Neunziger zwang die Werftenkrise den größten Arbeitgeber der Stadt in die Knie. Nicht nur Seeleute weinten, als der Portalkran von Kockums, das 138 Meter hohe Wahrzeichen von Malmö, für einen Dollar nach Korea verkauft wurde. 1500 Tonnen konnte er heben. Vor seinem Abtransport erwies er der Stadt noch einen Dienst und verlud die Fundamente für die Pfeiler der Öresundbrücke.

Durch sie hatte Malmö plötzlich Landanbindung, wo vorher nur Wasser war. Die Stadt sprang aus der südschwedischen Abgeschiedenheit mitten hinein nach Europa, wurde Teil eines grenzüberschreitenden Ballungsraums – und eine Art Vorort von Kopenhagen. Die günstigen Mieten und die 1998 gegründete Universität mit ihrem Schwerpunkt auf Informations- und Umwelttechnologie taten das Ihre. Medienunternehmen, Computerspiel- und App-Entwickler siedelten sich an. Heute ist Malmö die jüngste Stadt des Landes. Überall sieht man junge Männer mit Bärten und engen Hosen.

Der Himmel für Ola Melzig liegt im Stadtteil Hyllie, nicht weit von der Öresundbrücke, unter der Decke der Malmö Arena. Melzig ist der Produktionsleiter des Eurovision Song Contest (ESC). Seine rechte Hand mit den Totenkopfringen weist in das Hallenrund. "Wir wollen es diesmal etwas intimer", sagt er. Grinsen unter seinem mattschwarzen Bauhelm, der gut zu einem skandinavischen Harley-Club passen würde.

Biodiesel für kühlschrankgroße Generatoren

Es ist Melzigs elfter ESC. Vier Wochen lang bauen er und 250 Mann die Bühnen- und Übertragungstechnik auf, in Tag- und Nachtschicht. Es wird kein 50-Millionen-Euro-Exzess wie letztes Jahr in Baku. Aber doch groß genug für 11.000 Zuschauer in der Halle und 100 Millionen an den Fernsehapparaten.

Das Café Simrishamnsgatan 3 ist ein beliebter Treffpunkt in Möllan.

Arbeiter fahren mit Tretrollern zwischen den Equipmentgebirgen umher. Gerade hieven sie die 32 kühlschrankgroßen Videoprojektoren an die Decke. Lautsprecher und Lichttraversen hängen schon. Draußen bauen sie Generatoren für eine autarke Stromversorgung auf, angetrieben mit Biodiesel. Auf seine Nachhaltigkeit hält Malmö sich viel zugute. Im Rathaus zum Beispiel wird nur fair gehandelter Kaffee gebrüht. Und selbst in dieser Techno-Raumstation macht man sich Gedanken über die CO₂-Bilanz. Ein Mineralwasserhersteller wollte als Sponsor auftreten, erzählt Melzig. Er wurde abgelehnt. "Das Leitungswasser in Malmö ist doch von exzellenter Qualität."

Der Frühling ist endlich da. Schüchterne zehn bis zwölf Grad. Der Wind zerrt noch wie ein Terrier an den Hosenbeinen. Aber an jeder Straßenecke, auf die ein Sonnenstrahl fällt, sitzen Leute. Aufatmen nach dem räudigen Winter. Am Platz Lilla Torget, an dem in jedem Haus ein Lokal steckt, hocken sie beim Sieben-Euro-Bier unter den Heizpilzen.

Möllan ist Malmös Hipsterviertel

Besenrein, ja niedlich wirkt Malmö hier. Im Hotel darf man das Rad in der Lobby abstellen, weil die Gassen so eng sind. Überhaupt ist Radfahren hier eine entspannte Angelegenheit. Radler und Fußgänger teilen sich gewaltfrei den Bürgersteig. Mountainbikes und Rennräder sind die Ausnahme. Männer wie Frauen bevorzugen die praktischen Damenräder. Manche sind mit einem "Hövding" ausgestattet, einem Fahrrad-Airbag. Der wurde in Malmö erfunden.

Die Innenstadt, durchzogen von der Einkaufsstraße Södersgatan, wo die kaufkräftigen Dänen ihr Geld ausgeben, wird ein paar Kilometer weiter südlich mit einem milden Lächeln bedacht. "Das ist Downtown", sagt Tom Malmros. Er und seine Freunde betreten die Downtown nur selten. Sie stammen aus Småland, sind aber längst gelernte Möllaner.

"Wenn die Leute im Rest von Schweden an Malmö denken, meinen sie Möllan", sagt Tom selbstbewusst. Möllan, eigentlich Möllevången, ist ein gentrifiziertes ehemaliges Arbeiterviertel um den Möllevångstorget, früher der Platz für Gewerkschaftskundgebungen, heute das Zentrum eines kreativen Mikrokosmos. Früher roch es hier nach Schokolade aus einer nahen Fabrik, heute riecht es nach Falafel. Jede Stadt, die etwas auf sich hält, hat heute ihr Hipster-Viertel. Aber kaum eine kann für ihre Größe so viele Bands vorweisen wie Malmö, so viele Musiker, die eigenwillig, abgedreht und zugleich ernsthaft spielen. Tom und seine Freunde sind die Band This Is Head, deren luftiger Indie-Rock auch schon Deutschland erreicht hat.

Während in der Malmö Arena die Scheinwerfer für die große Show getestet werden, schiebt Tom, der Bassist, Plastiktüten mit Bierdosen und -flaschen beiseite, um die Tür des Möllan-Studios auf dem Gelände einer ehemaligen Molkerei zu öffnen. Die Girlband gestern hat wohl länger geprobt – aber immerhin aufgeräumt. Rasmus, der Studiodackel, tapst heran. Begrüßungswedeln. Dann wendet er sich wieder dem nachmittäglichen Hundekuchen zu. Alte Gitarren hängen von der Decke, in der Ecke steht eine Hammondorgel, es riecht nach den Würstchen von gestern. In dieser Mischung aus WG-Küche und Instrumentenmuseum haben This Is Head ihr erstes Album aufgenommen.