Bonus-Debatte : Falsches Maß

Die Bonus-Debatte braucht ein ethisches Fundament.

Die aktuelle Debatte um Boni für Banker leidet an zwei Defekten: Der weniger gravierende beruht auf dem verbreiteten Irrtum, dass die Herstellung von Öffentlichkeit das Unwesen überhöhter Bonuszahlungen beheben würde. Der zweite – gravierendere – ist Folge einer fehlenden wirtschaftsethischen Begründung.

Nach einer verbreiteten Auffassung würde die Veröffentlichung von Bonuszahlungen das Streben nach immer höheren Bonuszahlungen beenden. Viele Menschen scheinen offenbar anzunehmen, dass man sich für allzu hohe Bonuszahlungen eigentlich schämen müsste und dass daher allein die Herstellung von Öffentlichkeit zur Mäßigung anhielte. Diese durchaus ehrenwerte Vermutung übersieht jedoch, dass Bonuszahlungen ein positionelles Gut sind, wie das Ökonomen nennen: Sie werden von den Nutznießern und den zahlenden Unternehmen als Indikator für erfolgreiches Management angesehen, sie gelten unter den Beteiligten als Vergleichsmaßstab: je höher die Bonuszahlungen, desto größer die eigene Leistung. Dieser positionelle Charakter von Bonuszahlungen wird durch Veröffentlichungen und öffentliche Debatten darüber – und seien diese nur unternehmensintern – verstärkt und nicht gemildert.

Erfahrene Kulturpolitiker wissen aus Gehaltsverhandlungen von durchaus gut dotierten Intendanten zu berichten, dass diese gar nicht so sehr an der absoluten Höhe des Gehalts Interesse zu haben scheinen, sondern ihnen vor allem der Vergleich mit dem einen oder anderen Kollegen wichtig ist, dessen höhere Dotierung wie eine Geringschätzung der eigenen künstlerischen Leistung erscheinen müsste. Kurz: Veröffentlichungen sind vermutlich geeignet, das Streben nach hohen Bonuszahlungen zu befördern und nicht zu beseitigen.

Julian Nida-Rümelin

lehrt Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München

Nur am Rande: Warum die Verlagerung der Entscheidung vom Aufsichtsrat an die Aktionärsversammlung eine grundstürzende Veränderung unserer Wirtschaftskultur bedeuten soll, bleibt mir jedenfalls verschlossen. Haben Aufsichtsräte nicht gerade diese Funktion, nämlich die Interessen der Anteilseigner und – im deutschen Mitbestimmungsmodell – der Arbeitnehmerschaft zu vertreten? Wenn sie dazu nicht in der Lage sind, dann ist nicht anzunehmen, dass sich das in der Aktionärsversammlung ändert. Die Hilflosigkeit von Aktionärsversammlungen auch angesichts gravierender Fehlentwicklungen von Unternehmen, hat sich in den vergangen Jahren und Jahrzehnten immer wieder gezeigt.

Die Debatte um Bonuszahlungen muss auf ein wirtschaftsethisches Fundament gestellt werden. Dass manche Menschen exorbitant verdienen oder extrem vermögend sind, ist erst dann ein Grund zur Aufregung, wenn damit anderen Menschen geschadet wird. In der Tat ist die zunehmende Vermögenkonzentration, die in den meisten westlichen Industrieländern, auch in Deutschland, zu beobachten ist, ein Grund zur Sorge. Wenn diese Entwicklung so weitergeht, wird man irgendwann von einer Refeudalisierung sprechen: Einzelne Familien übertragen von einer Generation auf die nächste nicht nur wirtschaftliche Macht, sondern auch politische und gesellschaftliche, während die große Mehrheit der Bevölkerung ohne eigene Vermögensbildung von den Schwankungen des Arbeitsmarktes abhängig bleibt.

Die Kritik an exorbitanten Bonuszahlungen selbst im Falle gescheiterter Finanzinstitute bilden die Spitze eines Systems, das für die wirtschaftlichen Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte – kulminierend in der Weltfinanz- und Wirtschaftskrise in den Jahren nach 2008 – mitverantwortlich ist. Es sind die längst aus dem Ruder gelaufenen Optimierungsmodelle, von denen wir uns verabschieden sollten. Die Idee einer kleinteiligen, an messbaren Kriterien orientierten Steuerung menschlichen Verhaltens führt in die Irre. Aus drei Gründen: Erstens, es funktioniert nicht, wie zahlreiche Studien belegen. Zweitens, die Jagd nach dem persönlichen Bonus, die resultierende umfassende Konkurrenzkultur gefährdet Nachhaltigkeit und Kooperation. Und drittens, die umfassende Instrumentalisierung von Individuen ist inhuman.

Diese drei Gründe hängen eng miteinander zusammen. Es funktioniert nicht, weil die Kontroll- und Sanktionierungsmechanismen, die den Erfolg erzwingen müssten, nicht zur Verfügung stehen und weil sie, stünden sie zur Verfügung, eine geradezu totalitäre Überwachung beinhalteten. Vor allem aber müssen Menschen von der Richtigkeit ihres Tuns überzeugt sein, bemüht, einen guten Beitrag für den Erfolg des Ganzen zu leisten. Sie müssen intrinsisch motiviert sein. Die Ausrichtung des gesamten ökonomischen Verhaltens an quantitativ präzisierten Kriterien gefährdet die Kooperationsbereitschaft und die Loyalität der Mitarbeiterschaft als Ganzes. Am Ende kommen einigen wenigen hohe Boni zugute, die aber Ergebnis einer gemeinsamen Praxis sind, für die in der Regel gilt, dass der individuelle Erfolgsanteil kaum bestimmbar, geschweige denn quantitativ berechnet werden kann.

Selbst eine Koppelung der Auszahlung der Boni an nachhaltigere Erfolgskriterien ändert an dieser Grundproblematik nichts. Damit ich nicht missverstanden werde: Anerkennung ist in jedem Beruf wichtig. Zur Anerkennung gehören auch die Vergütung besonderer Leistungen und die Chance, sich beruflich weiterzuentwickeln. Es ist die Überführung von Anerkennung einer Leistung in Anreizsysteme zur detaillierten Steuerung individuellen Verhaltens, das geradewegs in die Optimierungsfalle führt: Jede einzelne Handlung wird im Extremfall unter Optimierungsgesichtspunkten bewertet, und damit erodieren die Voraussetzungen für ökonomische Erfolge, wozu verlässliche Kommunikation und vertrauensvolle Kooperation gehören. Die ökonomische Praxis im Unternehmen und in der Volkswirtschaft als Ganzer wird kurzatmig, sprunghaft und instabil.

Am Ende ist es der Steuerzahler, der zur Rettung eines sich selbst nicht mehr tragenden Finanzsystems aufgefordert wird, das seine dienende Rolle für die Realwirtschaft eingebüßt hat. Ich plädiere für einen kulturellen Wandel in der Wirtschaft, der die heutige Boni- und Incentive-Praxis überwindet und die ethischen Voraussetzungen ökonomischen Erfolgs garantiert.

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Kommentare

34 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Schöne Hochnäßigkeit

es ist genau diese Arroganz und Selbstgefälligkeit , die die Anhänger des moralapostolischen LAgers so angenehm und sympathisch macht.
Ich glaube niemand braucht HInweise darauf, dass er einem Anderen unterlegen ist..,was er vermutlich gar nicht ist..aber Einbidlung ist ja uach ne Bildung..

[...]

Gekürzt. Bitte kommentieren Sie auf sachliche Weise zum konkreten Artikelthema. Danke, die Redaktion/sam

Wahlfreiheit

"Die Hilflosigkeit von Aktionärsversammlungen auch angesichts gravierender Fehlentwicklungen von Unternehmen, hat sich in den vergangen Jahren und Jahrzehnten immer wieder gezeigt."

Das ist Ihr subjektiver Eindruck! Ein Gegenbeispiel ist die Commerzbank, und der Protest der Aktionäre auf der HV.... Weitere: Tui, Thyssen und so weiter.

Mir ist ja klar das es Politiker, Philosophen und Journalisten nicht so mit Wahlfreiheit haben.

Aber ich würde schon gerne selbst entscheiden was mit meinem Kapital(/KONSUMVERZICHT!) geschieht.
Zumal ich vorher 43% Steuern drauf gezahlt habe und sobald man etwas Gewinn macht nochmal 25% abgezogen werden.

Welche doppelt verblindeten randomiesierten Studien sind den das, die im Enddefekt zeigen würden das jemand fremdes besser mit meinem Geld um geht als ich selbst!?