Menschliche ÜberresteDas Grab in der Vitrine

Zwischen Forschung und Pietät: Wie halten es Museen und Akademien mit menschlichen Überresten? von 

Es sind nicht wenige. Allein das Berliner Medizinhistorische Museum der Charité besitzt noch immer rund 10.000 pathologisch-anatomische Feucht- und Trockenpräparate. Die Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen, Hauptsitz des German Mummy Projects, bergen in ihren Gewölben eine ganze Reihe mumifizierter Körper. Die anthropologische Sammlung der Goethe-Universität in Frankfurt am Main zählt 12.000 menschliche Skelette und Skelettteile, das Dresdner Völkerkundemuseum circa 6.100. Umso erstaunlicher, dass die grundsätzliche Frage, welchen Umgang die deutschen Museen und Sammlungen mit menschlichen Überresten pflegen sollten, nie groß diskutiert worden sind.

Vielleicht liegt es daran, dass es im christlichen Kulturkreis nie ein Tabu gab, Tote und menschliche Überreste zu zeigen. Haut- und Knochen-Reliquiare sind Teil der christlichen Tradition, und in katholischen Kirchen finden sich noch heute etliche kostbar präparierte und ausstaffierte Mumien und Skelette, oft in kunstvoll verzierten Glassarkophagen der frommen Andacht dargeboten.

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Seit dem 15. Jahrhundert stellten auch Wunder-, Kunst- und Naturalienkammern Skelette, konservierte Embryonen und Organe aus. Zur entkrampften Sichtweise haben Archäologiemuseen, anthropologische und medizinhistorische Sammlungen beigetragen. Entsetzen machte sich erst breit, als Leichen und Leichenteile zu spektakulären Körpertheatern arrangiert wurden, wie im Kadaverzirkus des Präparators Gunther von Hagens.

Es sind eher die Herkunft von Präparaten und der Kontext, in dem sie erworben wurden oder entstanden sind, die berechtigte Fragen nach Ethik und Menschenwürde aufwerfen. Die Kuratoren deutscher Museen und Sammlungen hüten menschliche Überreste aus der ganzen Welt, darunter Schrumpfköpfe, tatauierte Köpfe, Skalp-Locken, Knochenflöten. Ein besonderer Fall sind Ritual- und Alltagsgegenstände, in die Haare, Knochen oder Zähne eingearbeitet worden sind.

Bei diesem "sensiblen Sammlungsgut", sagt Volker Redekamp, Präsident des Deutschen Museumsbunds, stellen sich "moralische Fragen". Denn bisweilen wurden "koloniale Kriegsumstände" ausgenutzt, um an die Objekte zu gelangen, sie können aus Konzentrationslagern totalitärer Regime stammen oder aus fremden Gräbern gestohlen worden sein.

In Europa waren zunächst die einstigen Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich mit Rückgabeforderungen konfrontiert. Die Briten verfassten 2005 allgemeine Standards und Handreichungen, den Guidance for the Care of Human Remains in Museums. Die Franzosen verabschiedeten 2002 und 2010 zwei Gesetze, um die Rückgabe einzelner Stücke an Südafrika und Neuseeland zu regeln. Deutschland mit seiner im Vergleich eher kurzen kolonialen Vergangenheit wurde ebenfalls mit Forderungen konfrontiert. Die Rückgabe von Herero- und Nama-Schädeln an Namibia sorgte 2001 für diplomatische Verstimmungen – bei der Zeremonie gab es nur ein "persönliches, tiefes Bedauern" einer Vertreterin der Bundesregierung, aber keine offizielle Entschuldigung der Republik. Die Menschen, um deren sterbliche Überreste es ging, waren 1904 und 1908 bei Aufständen gegen die Kolonialherrschaft der Deutschen umgebracht worden – danach nutzte die Berliner Charité die Schädel für Rassenforschung. Dass die deutschen Museen so "reichhaltig" bestückt sind, liegt auch an zwielichtigen Figuren wie dem Hamburger Reeder und Kaufmann Johan Cesar VI. Godeffroy, der seinen Kapitänen auftrug, auf ihren Geschäftsreisen möglichst viel völkerkundliches, zoologisches und botanisches Material zu erwerben – ein einträgliches Geschäft.

Nun hat sich der heiklen Fragen zwei Jahre lang eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe des Deutschen Museumsbundes angenommen. In der vergangenen Woche veröffentlichte sie ihren Bericht. Es sind keine Vorschriften, die gereicht werden, sondern "Empfehlungen zum Umgang mit menschlichen Überresten in Museen und Sammlungen", angelehnt an den englischen Guidance. Volker Rodekamp, der Präsident des Vereins, betonte: "Wir befinden uns am Anfang der Diskussion, nicht an ihrem Ende." Letztlich sei es nun an den Museen selbst, Richtlinien festzulegen.

Die "Empfehlungen" kommen zur rechten Zeit. Die Fragen, die sich stellen, könnten kniffliger kaum sein. Sie drehen sich nicht nur um mögliche Rückgaben, sondern auch um Aufbewahrung, Präsentation und Beisetzung. Bei den Objekten handelt es sich um Knochen, Mumien, Moorleichen, Weichteile, Organe, Gewebeschnitte, Embryonen, Föten sowie um Teile, die auch von Lebenden stammen können, um Haut, Haare, Fingernägel und Fußnägel. Die Objekte lassen sich unter juristischen, ethischen, ethnologischen oder sozialen Gesichtspunkten betrachten, denn in hohem Maß berühren sie die Interessen Dritter. "In vielen außereuropäischen indigenen Gesellschaften ist die Beziehung zu den Verstorbenen über einen längeren Zeitraum und von anderen kulturellen und religiösen Werten geprägt als hier in Europa", sagt Wiebke Ahrndt, Direktorin des Bremer Überseemuseums und Leiterin der Arbeitsgruppe. Allgemein gültige Antworten seien "kaum möglich".

Leserkommentare
  1. ...dient ausschließlich den Hinterbliebenen also nahen Verwandten und Bekannten. Die jeweiligen Rituale um den Tod eines Menschen sind wichtig, aber eben nur für die die noch leben.
    Jemanden der schon Jahrhunderte oder Jahrtausdende tot ist - da bin ich mir absolut sicher - ist es vollkommen wurscht wie seine Überreste behandelt werden.
    Damit ist die Lösung des Problems eigentlich einfach: was wollen
    die Hinterbliebenen, also auch und vorallem die außereuropäischen indigenen Gesellschaften?

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  2. Diese Qualifikation im deutschen Recht ist bemerkenswert. In Österreich wird die Frage, ob ein Verstorbener (seine Überreste) eine Sache ist, tendenziell VERNEINT (Welser: Bürgerliches Recht II, S. 452).

    Von einer "verkehrsfähigen Sache" kann nach ö. Recht keine Rede sein. Das postmortale Persönlichkeitsrecht erstreckt sich auch auf die Behandlung eines Toten, die sich im Rahmen der öffentlich-rechtlichen Vorschriften und der "guten Sitten" halten muss.

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    Die Körperwelten-Schau fand in Österreich begeisterten Anklang. Wenn diese Zurschaustellung von Toten sich im Rahmen sich innerhalb dieser Gesetze bewegen, dann ist das Gesetz letztlich wertlos.

  3. 3. Wohin

    uns wohl dieser Archivierungswahn führt. Alles muss dokumentiert und aufgehoben werden. Die Forschung sollte sich nicht überalles stellen sondern sollte auch ethische Aspekte berücksichtigen. Schön das da eine Debatte angestoßen wurde.

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  4. Mit dem Ausstellen von Schrumpfköpfen haben nicht die Europäer angefangen; also sollten Sie Ihren rassistischen "Herrenrassen"-Wahn ein wenig mäßigen.

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    Antwort auf
  5. > Entsetzen machte sich erst breit, als Leichen und Leichenteile zu
    > spektakulären Körpertheatern arrangiert wurden, wie im
    > Kadaverzirkus des Präparators Gunther von Hagens.

    Im Gegensatz zu den weitaus meisten, in Sammlungen verwahrten Leichen und Leichenteilen haben die Körperspender zu LEBZEITEN ZUGESTIMMT - die Körperwelten sind also als Sündenbock so ziemlich das Ungeeignetste, was sich ein Haßprediger aus den Fingern saugen kann.

    Viel besser, als Museumsstücke aus ziemlich irrationalen Motiven - mitsamt deren Geschichte - irgendwo in der Versenkung verschwinden zu lassen, wäre es, die Museumsbesucher auch über die "Fundgeschichte" aufzuklären.

    Was hier gefordert wird, ist Vergangenheitsbewältigung nach dem Muster "aus den Augen, aus dem Sinn" - damit schon morgen wieder völlig unbeschwert die nächste Barbarei an Lebenden begangen werden kann...

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  6. Worüber ich mich immer wieder wundere...

    Werden irgendwo Kriegstote (egal ob Soldaten oder nicht) in Massengräbern gefunden, werden sie peinlichst ausgebuddelt, zugeordnet (nehme mal an, die erforderlichen genetischen Untersuchungen werden da auch gemacht, um jedes Knochenteilchen zweifelsfrei zuzuordnen?) und in Metallsärge gebettet wieder begraben. Ein Denkmal wird auch noch gestiftet für die unbekannten Soldaten. Der 2. WK ist nun bald 80 Jahre vorbei.

    Bei KZ-Opfern oder solchen von Massenerschießungen sehe ich das ja noch ein, da geht es um das Erinnern.

    Jeder "Normalsterbliche" wird nach 20 Jahren Liegezeit (Erdbestattung) per Bagger "entsorgt", wahrscheinlich auf der (Sonder?)Mülldeponie. Manch andere Kultur hat da noch weitaus respektvolleres Umgehen. Habe vor wenigen Jahren einen Bericht gesehen, da wurden Tote, die waren noch nicht mal vollständig skelettiert, ausgebaggert ohne Wenn und Aber. Einfach scheußlich. Da kräht kein Hahn danach.

    Man sollte sich vielleichtmal sowas wie ein einheitliches Vorgehen, zumindewst bei den Toten der letzten 100, 200 Jahre überlegen.

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    In Deutschland werden die Überreste nicht auf eine Sondermülldeponie verbracht. Die Knochen werden eine Etage tiefer vergraben und verbleiben auf dem Friedhof. In den "Sondermüll" wandern Föten oder Embryos. Diese werden in der Regel verbrannt.

  7. Die Körperwelten-Schau fand in Österreich begeisterten Anklang. Wenn diese Zurschaustellung von Toten sich im Rahmen sich innerhalb dieser Gesetze bewegen, dann ist das Gesetz letztlich wertlos.

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  8. In Deutschland werden die Überreste nicht auf eine Sondermülldeponie verbracht. Die Knochen werden eine Etage tiefer vergraben und verbleiben auf dem Friedhof. In den "Sondermüll" wandern Föten oder Embryos. Diese werden in der Regel verbrannt.

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    Auch das stimmt so pauschal nicht mehr.
    Viele Gemeinden bieten mittlerweile die Möglichkeit einer Gemeinschaftsbestattung in sog. Sternenkinderfeldern oder die Beisetzung auf bereits bestehenden Grabstätten an (z.B. Bei der Großmutter des Frühchens).
    Auch viele Krankenhäuser sind heute sensibler geworden um Eltern die Möglichlichkeit zu Trauer und Abschied zu lassen. Denn wie hier schon richtig festgestellt wurde: Es geht bei Trauerriten vor allem um die Hinterbleibenen. Von daher ist es bei Museumsbeständen ein richtiger Ansatz, dies - soweit es kulturelle Erben gibt - mit denen darüber zu entscheiden. Manche Ethnien gibt es ja schlicht gar nicht mehr, bei anderen hat der Ahnenkult jedoch eine andere Bedeutung als im heutigen Mitteleuropa.
    In manchen Fällen von entführten Artefakte wird die Aufbewahrung in deutschen Archiven sogar begrüßt, weil es in den Heimatländern zur Zeit an Technik und politischer Stabilität hierfür mangelt. Das ist dann quasi Verwahrung zu guten Händen. Das könnte unter Umständen auch hier in manchen Fällen zutreffen.

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