BundestagWie komm ich hier rein?

Noch fünf Monate bis zur Bundestagswahl. Was treibt die Kandidaten an? von , und Katrin Schmiedekampf

Die Kämpferin

Nese Erikli kandidiert für die Grünen

Es war einmal eine Hauptschülerin, gerade elf Jahre alt, die wagte sich in der fünften Klasse in das Zimmer der Rektorin und sagte zu ihr: "Ich gehöre nicht hierher, ich gehöre auf die Realschule, ich kann das." Ein Schulhalbjahr später wechselte sie. Ihre Noten waren ein starkes Argument. Und auf die Realschule folgte das Wirtschaftsgymnasium.

Die Hauptschülerin war Nese Erikli, zwanzig Jahre später ist sie Jurastudentin kurz vor dem Abschluss, Mitglied im Kreisvorstand der Grünen in Konstanz und Kandidatin für den Bundestag. Sie erzählt diese Geschichte auf einer Bank im Volkspark Friedrichshain in Berlin, die Abendsonne versteckt sich hinter kahlen Bäumen. Am nächsten Tag beginnt der Parteitag von Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Velodrom, das Wahlprogramm soll debattiert und beschlossen werden. In der Nacht will sie noch an einem Antrag zur Reform des Verfassungsschutzes feilen. "Sicherheits- und Innenpolitik ist mein Leib-und-Magen-Thema."

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Nese Erikli trägt einen schicken blauen Mantel, der sie mehr nach Jurastudentin als nach Grünenpolitikerin aussehen lässt. Beim Erzählen gerät sie gelegentlich ein wenig ins Schwäbeln.

Um zu erklären, warum sie in die Politik gegangen ist, muss sie ausholen. Erikli kam als jüngstes von sechs Kindern türkischer Gastarbeiter in Heilbronn zur Welt. Der Vater starb, die Mutter blieb alleinerziehend. Nie hatte sie eine Schule besucht, nie lesen und schreiben gelernt. Sie ging putzen, um die Kinder durchzubringen, aus diesen Familien bekam die Mutter oft Bücher geschenkt, Erikli entwickelte eine Leidenschaft fürs Lesen, sie nahm an Lesewettbewerben teil, wurde besser und besser. Als in der vierten Klasse die Lehrer trotz guter Noten sagten, du gehst auf die Hauptschule, Realschule packst du nicht, tat sich für sie "ein Loch im Erdboden auf".

In ihr begann etwas zu nagen: das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, weil die Eltern einfache Arbeiter sind und nicht aus Deutschland kamen. Das Gefühl wurde über die Jahre stärker, auch als sie für ihre Mutter bei Behördengängen übersetzte. Dieses Gefühl trieb sie in die Politik. "Ich wollte mitarbeiten an einer Gesellschaft, in der es größere Chancengerechtigkeit gibt, die toleranter ist, in der Herkunft keine Rolle spielt."

Und sie wollte es schnell tun: Mit 14 machte sie in den Sommerferien im Wahlkreisbüro von Cem Özdemir ein Praktikum. Mit 15 war sie im Landesschülerbeirat, als Studentin arbeitete sie als Hilfskraft im Bundestag.

Eine andere Partei als die Grünen kam für sie nicht infrage: "Integration, soziale Gerechtigkeit, Umweltpolitik, das sind meine Themen." Deutschland sei ihre Heimat, sagt sie, "ich fühle mich als Europäerin und Deutsche mit türkischen Wurzeln". Den deutschen Pass hat sie seit ihrem 21. Geburtstag. Wird eine Bundestagskandidatin, die noch studiert, ernst genommen? Sie knöpft den Mantel zu, es ist kühl geworden.

"Klar, ich sehe jung aus", sagt sie. Das könne ein Problem sein. Sie arbeitet noch daran, wie es sich am besten vermitteln lässt, dass sie schon einiges vom Leben gesehen hat – und auch die Arbeitswelt von innen kennt. Das ist in Baden-Württemberg, dem Land der Schaffer, natürlich besonders wichtig. In ihrem Wahlkreis sagt sie deshalb bei jeder Gelegenheit, dass sie zwei Jahre in Zürich bei Lindt & Sprüngli eine halbe Stelle hatte, um ihr Studium zu finanzieren.

Dass sie in ihrer Partei sehr überzeugend sein kann, hat sie mit ihrer Rede auf der Landesdelegiertenkonferenz im Dezember bewiesen, als es um die Platzierungen auf der Landesliste ging. Aus ihrem Leben heraus hat sie erklärt, warum sie Politik macht, machen muss. Das kam gut an. Man kann sich diese Rede auf YouTube anschauen, sie hat viel Beifall bekommen, ungefähr so viel wie die von Cem Özdemir. Es war Eriklis erste Rede auf einem Landesparteitag.

Am Ende hatte sie es dann doch "nur" auf Rang 21 geschafft, also kein Listenplatz, der den Einzug ins Parlament garantiert. Egal. Sie freut sich auf den Wahlkampf. Ein zwölfköpfiges "WKT", Wahlkampfteam, hat sie schon zusammengestellt. Die meisten davon sind älter, einer ist Mitglied im Landtag; dass sie Studentin ist, stört keinen.

Arnfrid Schenk

Leserkommentare
  1. Keiner der jungen Leute kann so recht glaubhaft machen, was sie in die Politik treibt. Der eine mag Merkel, der andere will 8,50€ Mindestlohn. Die dritte will sich in ihrem Leib- und Magenthema profilieren.

    Es ist sicher ein Zufall, daß sich alle drei für die Einheitssoße entschieden haben - eher untypisch für die junge Generation, die angeblich noch die Welt umreißen will.
    Statt dessen drei angepaßte Jungpolitiker, die nicht die Verantwortung, sondern den Job mit Aufstiegschancen suchen. Die nächste Generation der *Abnicker*.
    NICHTS also, was mir Respekt oder den Spruch: "Viel Glück!" entlocken könnte.

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    Ihr Beitrag ist in meinen Augen ein Schlag ins Gesicht für alle politisch engagierten junge Leute, egal welcher Partei sie angehören.

    Woher nehmen Sie eigentlich das Recht zu sagen, dass diese drei vorgestellten Jungpolitiker angepasst sind und Politik nur aus Karrieregründen machen wollen?
    Gerade in unserer heutigen Zeit ist es mutig, vor allem als junger Mensch, in die Politik zu gehen. Eben weil es immer wieder Leute wie Sie gibt, die an alles und jedem rumzunörgeln haben - vorzugsweise von der Couch im heimischen Wohnzimmer aus.
    In einem Moment werden Forderungen als zu idealistisch abgetan und im nächsten Augenblick beklagt man, dass die jungen Leute ja nicht mehr die Welt verbessern wollen. Toll.

    Das Problem in der Politik sind oft nicht die jungen Leute (denn neue Ideen machen so manche Lebenserfahrung wieder wett), sondern die Alten. Jahrelang im Landtag oder Bundestag gesessen, will so mancher selbst mit über 60 Jahren, wo andere in den Ruhestand gehen, noch einmal kandidieren. Platz machen für Jüngere? Falsch gedacht.

    Trotzdem kann ich nur jeden jungen Menschen bestärken in die Politik zu gehen, denn je mehr sich engagieren umso eher kann man etwas verändern.

    • Kye
    • 12. Mai 2013 18:54 Uhr

    Ich selbst bin 25 Jahre alt, politisch durchaus überdurchschnittlich interessiert und stehe eher links als rechts - und frage mich dennoch, was man mit Menschen in meinem Alter im Parlament anfangen will. Dort werden (im Idealfall) Entscheidungen von gesamtgesellschaftlicher Tragweite getroffen und mir ist nicht klar, was einen Fast-noch-Abiturienten befähigt, diese zu treffen? Ich kann so junge Politiker nicht ernst nehmen. Studiert, arbeitet ein paar Jahre und kandidiert dann für die höchste legislative Kammer im Staat. Wer mitten im Leben steht, hat auch einen vernünftigen Eindruck von gesellschaftlichen Realitäten. "Alter und Erfahrung sind noch lange kein Qualitätskriterium." - Alter und (Lebens-)Erfahrung sind in meinen Augen zwar kein hinreichendes, aber doch ein notwendiges Kriterium.

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    ...niemand über 60 sollte im Bundestag sitzen.
    Ich bin fast 44 und erwische mich in letzter Zeit immer wieder eher zurück als nach vorne zu schauen. Ein oder zwei Langzeitprobleme ignorierte ich weil ich sowieso sehr wahrscheinlich tot bin wenn das Problem akut wird.
    Schau ich mir meine Töchter an (15 und 13) komme ich mir echt konservativ vor und das obwohl ich ebenfalls nach links tendiere.
    Das ein(e) +60 Jährige(r) Politik für ihre/seine Enkel Generation macht ist eigentlich ein Unsinn. Was wissen die +60jährigen über die Welt der 15 - 30 Jährigen. Als ich in dem Alter war wussten die wenigsten was los ist. Und heute ist das bestimmt nicht anders auch wenn ich gerade dazwischen stehe.
    Warum sollen die Jungen die Fehler die die Alten gerade machen ausbaden? Warum sollen sie warten bis sie selbst alt sind um die Welt zu gestalten.
    Alter und Erfahrung? Seh ich mir an was in den letzen 20 Jahren so alles in Europa schief gelaufen ist fallen mir die Worte von Kurt Tucholsky ein:
    "Erfahrung heißt gar nichts. Man kann seine Sache auch 35 Jahre schlecht machen."

    >> Wer mitten im Leben steht, hat auch einen vernünftigen Eindruck von gesellschaftlichen Realitäten. <<

    Mit dem Alter wissen die meisten Menschen, wie man möglichst strömungsgünstig innerhalb der Gesellschaft fortkommt. Die Heuchelei, die Verlogenheit, das Wissen darum, wie man manipuliert und wem man in den Hintern kriechen muss, um z.B. Staatssekretär zu werden.
    Rückständiges Denken, Dogmatismus und Phantasielosigkeit, ist die Sozialisierung innerhalb von hierarchischen Strukturen und der Preis für den eigenen Aufstieg ist, sich korrumpierenden Institutionen zu unterwerfen.
    Das Ergebnis daraus ist bestenfalls gesellschaftlicher Stillstand.

    Der Vorteil der Jugend ist, eben noch nicht innerhalb eines menschenfeindlichen Systems solange deformiert worden zu sein, um Wahnsinn als erstrebenswerte Normalität anzusehen.
    Das macht Denken und Handeln einfacher, weil freier und unbelastet von der eigenen Mittäterschaft und eröffnet die Möglichkeit, andere Wege zu beschreiten, statt die herrschenden Verhältnisse unendlich zu reproduzieren.
    Auch wenn ich das den 3 vorgestellten Jungpolitikern nicht wirklich zutraue; sonst wären die keiner Partei beigetreten und würden nach Ämtern streben...

    "Ich kann so junge Politiker nicht ernst nehmen."

    Ich kann das schon nachvollziehen !
    Mit Ach und Krach (wenn überhaupt, s. Nahles) ein Studium geschafft und dann mit einem netten Einstiegsgehalt (>3.000,00 + Vergünstigungen) in einem Job, wo man keine nachweislichen Erfolge und/oder Resultate erzielen muss ! Keine Vorgesetzten (die Fraktion, na ja gut !!), keine Anwesenheitspflicht (siehe Fernsehübertragung aus dem BT) und wenn man zwei Legislaturperioden übersteht, bekommt man mit 30 sein Gnadenbrot im EU - Parlament oder sonstwie gearteteten Ausschüssen, Ministerien oder was weiß ich !
    Ist doch nett !

  2. dann muss man sich nicht wundern, dass 2/3 Mehrheiten für absolut undemokratische Konstrukte wie den ESM zustande kommen können.

    Eine Leserempfehlung
    • gooder
    • 12. Mai 2013 19:10 Uhr

    Den jungen Leuten sei empfohlen, immer parteipolitische Linientreue an den Tag zu legen, dann könnte es mit einem günstigen Listenplatz oder gar einer Direktkandidatur und einem erquicklichen Einkommen als Volksvertreter passen.
    Claudia Roth und auch Katrin Göring-Eckardt von den Grünen z.B., haben keine Berufsausbildung und auch keinen akademischen Abschluss nachzuweisen, mit der Karriere in der Partei hat es dennoch ausgezeichnet geklappt.

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  3. Auch als junges Mitglied der Gesellschaft kann man richtige Entscheidungen treffen. Warum sollte sich das Volk der unter 25-jährigen nur von 50-jährigen regieren lassen? Die Blickwinkel eines jungen Menschen sind ganz andere als die eines älteren Bürgers. Ich finde es gut, dass sich junge Leute für den Bundestag kandidieren.

    3 Leserempfehlungen
  4. ...niemand über 60 sollte im Bundestag sitzen.
    Ich bin fast 44 und erwische mich in letzter Zeit immer wieder eher zurück als nach vorne zu schauen. Ein oder zwei Langzeitprobleme ignorierte ich weil ich sowieso sehr wahrscheinlich tot bin wenn das Problem akut wird.
    Schau ich mir meine Töchter an (15 und 13) komme ich mir echt konservativ vor und das obwohl ich ebenfalls nach links tendiere.
    Das ein(e) +60 Jährige(r) Politik für ihre/seine Enkel Generation macht ist eigentlich ein Unsinn. Was wissen die +60jährigen über die Welt der 15 - 30 Jährigen. Als ich in dem Alter war wussten die wenigsten was los ist. Und heute ist das bestimmt nicht anders auch wenn ich gerade dazwischen stehe.
    Warum sollen die Jungen die Fehler die die Alten gerade machen ausbaden? Warum sollen sie warten bis sie selbst alt sind um die Welt zu gestalten.
    Alter und Erfahrung? Seh ich mir an was in den letzen 20 Jahren so alles in Europa schief gelaufen ist fallen mir die Worte von Kurt Tucholsky ein:
    "Erfahrung heißt gar nichts. Man kann seine Sache auch 35 Jahre schlecht machen."

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    "Das ein(e) +60 Jährige(r) Politik für ihre/seine Enkel Generation macht ist eigentlich ein Unsinn."

    Nicht unbedingt. Was Sie zurecht bemängeln ist nicht eine Frage des Alters, sondern die der innerparteilichen und gesellschaftl.Verfassung. In unserer derzeitigen *Hochleistungs - und Giergesellschaft* würden auch angekommene Junge Parlamentarier gegen ihre Generation entscheiden (müssen). Die o.g. Anwärter sind dafür bestes Beispiel.

    "Was wissen die +60jährigen über die Welt der 15 - 30 Jährigen."

    Die haben Kinder und Enkel, könnten also wissen, wie deren Lebenswirklichkeit aussieht. Es nützt ihnen aber gar nichts, wenn der Fraktionszwang etwas anderes vorgibt.

    "Warum sollen sie warten bis sie selbst alt sind um die Welt zu gestalten."

    Weil es ihnen sowohl an Erfahrungen und oft genug auch an Weitblick fehlt. Die Jugend ist die Zeit der Spontanität, der Irrtümer und des Ausprobierens. Das ist auch gut so und gehört zur Entwicklung. Ich möchte jedoch nicht von 20jährigen regiert werden, die sich und ihre Werte noch finden wollen.

    Das Problem ist - wie so oft - nicht jung gegen alt, sondern Interessen - und Besitzstandswahrung und Pfründeerhalt. Junge, die sich dem klaglos unterwerfen, werden keine Probleme in dem *Spiel* haben. Dafür stehen die Drei aus dem Artikel geradezu exemplarisch.

  5. Leute, die sich anheischig machen, mir Vorschriften zu machen, sind mir per se nicht sonderlich sympathisch. Anstatt mich "repräsentieren" zu wollen, sollten sie sich lieber für Demokratie einsetzen, damit das Volk auch einmal über sein eigenes Geschick mitreden darf.

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  6. >> Wer mitten im Leben steht, hat auch einen vernünftigen Eindruck von gesellschaftlichen Realitäten. <<

    Mit dem Alter wissen die meisten Menschen, wie man möglichst strömungsgünstig innerhalb der Gesellschaft fortkommt. Die Heuchelei, die Verlogenheit, das Wissen darum, wie man manipuliert und wem man in den Hintern kriechen muss, um z.B. Staatssekretär zu werden.
    Rückständiges Denken, Dogmatismus und Phantasielosigkeit, ist die Sozialisierung innerhalb von hierarchischen Strukturen und der Preis für den eigenen Aufstieg ist, sich korrumpierenden Institutionen zu unterwerfen.
    Das Ergebnis daraus ist bestenfalls gesellschaftlicher Stillstand.

    Der Vorteil der Jugend ist, eben noch nicht innerhalb eines menschenfeindlichen Systems solange deformiert worden zu sein, um Wahnsinn als erstrebenswerte Normalität anzusehen.
    Das macht Denken und Handeln einfacher, weil freier und unbelastet von der eigenen Mittäterschaft und eröffnet die Möglichkeit, andere Wege zu beschreiten, statt die herrschenden Verhältnisse unendlich zu reproduzieren.
    Auch wenn ich das den 3 vorgestellten Jungpolitikern nicht wirklich zutraue; sonst wären die keiner Partei beigetreten und würden nach Ämtern streben...

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