Die Kämpferin

Nese Erikli kandidiert für die Grünen

Es war einmal eine Hauptschülerin, gerade elf Jahre alt, die wagte sich in der fünften Klasse in das Zimmer der Rektorin und sagte zu ihr: "Ich gehöre nicht hierher, ich gehöre auf die Realschule, ich kann das." Ein Schulhalbjahr später wechselte sie. Ihre Noten waren ein starkes Argument. Und auf die Realschule folgte das Wirtschaftsgymnasium.

Die Hauptschülerin war Nese Erikli, zwanzig Jahre später ist sie Jurastudentin kurz vor dem Abschluss, Mitglied im Kreisvorstand der Grünen in Konstanz und Kandidatin für den Bundestag. Sie erzählt diese Geschichte auf einer Bank im Volkspark Friedrichshain in Berlin, die Abendsonne versteckt sich hinter kahlen Bäumen. Am nächsten Tag beginnt der Parteitag von Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Velodrom, das Wahlprogramm soll debattiert und beschlossen werden. In der Nacht will sie noch an einem Antrag zur Reform des Verfassungsschutzes feilen. "Sicherheits- und Innenpolitik ist mein Leib-und-Magen-Thema."

Nese Erikli trägt einen schicken blauen Mantel, der sie mehr nach Jurastudentin als nach Grünenpolitikerin aussehen lässt. Beim Erzählen gerät sie gelegentlich ein wenig ins Schwäbeln.

Um zu erklären, warum sie in die Politik gegangen ist, muss sie ausholen. Erikli kam als jüngstes von sechs Kindern türkischer Gastarbeiter in Heilbronn zur Welt. Der Vater starb, die Mutter blieb alleinerziehend. Nie hatte sie eine Schule besucht, nie lesen und schreiben gelernt. Sie ging putzen, um die Kinder durchzubringen, aus diesen Familien bekam die Mutter oft Bücher geschenkt, Erikli entwickelte eine Leidenschaft fürs Lesen, sie nahm an Lesewettbewerben teil, wurde besser und besser. Als in der vierten Klasse die Lehrer trotz guter Noten sagten, du gehst auf die Hauptschule, Realschule packst du nicht, tat sich für sie "ein Loch im Erdboden auf".

In ihr begann etwas zu nagen: das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, weil die Eltern einfache Arbeiter sind und nicht aus Deutschland kamen. Das Gefühl wurde über die Jahre stärker, auch als sie für ihre Mutter bei Behördengängen übersetzte. Dieses Gefühl trieb sie in die Politik. "Ich wollte mitarbeiten an einer Gesellschaft, in der es größere Chancengerechtigkeit gibt, die toleranter ist, in der Herkunft keine Rolle spielt."

Und sie wollte es schnell tun: Mit 14 machte sie in den Sommerferien im Wahlkreisbüro von Cem Özdemir ein Praktikum. Mit 15 war sie im Landesschülerbeirat, als Studentin arbeitete sie als Hilfskraft im Bundestag.

Eine andere Partei als die Grünen kam für sie nicht infrage: "Integration, soziale Gerechtigkeit, Umweltpolitik, das sind meine Themen." Deutschland sei ihre Heimat, sagt sie, "ich fühle mich als Europäerin und Deutsche mit türkischen Wurzeln". Den deutschen Pass hat sie seit ihrem 21. Geburtstag. Wird eine Bundestagskandidatin, die noch studiert, ernst genommen? Sie knöpft den Mantel zu, es ist kühl geworden.

"Klar, ich sehe jung aus", sagt sie. Das könne ein Problem sein. Sie arbeitet noch daran, wie es sich am besten vermitteln lässt, dass sie schon einiges vom Leben gesehen hat – und auch die Arbeitswelt von innen kennt. Das ist in Baden-Württemberg, dem Land der Schaffer, natürlich besonders wichtig. In ihrem Wahlkreis sagt sie deshalb bei jeder Gelegenheit, dass sie zwei Jahre in Zürich bei Lindt & Sprüngli eine halbe Stelle hatte, um ihr Studium zu finanzieren.

Dass sie in ihrer Partei sehr überzeugend sein kann, hat sie mit ihrer Rede auf der Landesdelegiertenkonferenz im Dezember bewiesen, als es um die Platzierungen auf der Landesliste ging. Aus ihrem Leben heraus hat sie erklärt, warum sie Politik macht, machen muss. Das kam gut an. Man kann sich diese Rede auf YouTube anschauen, sie hat viel Beifall bekommen, ungefähr so viel wie die von Cem Özdemir. Es war Eriklis erste Rede auf einem Landesparteitag.

Am Ende hatte sie es dann doch "nur" auf Rang 21 geschafft, also kein Listenplatz, der den Einzug ins Parlament garantiert. Egal. Sie freut sich auf den Wahlkampf. Ein zwölfköpfiges "WKT", Wahlkampfteam, hat sie schon zusammengestellt. Die meisten davon sind älter, einer ist Mitglied im Landtag; dass sie Studentin ist, stört keinen.

Arnfrid Schenk