Cecilia Bartoli"Wir müssen unser Leben ändern"

Cecilia Bartoli ist die Primadonna assoluta unserer Zeit. In Salzburg singt sie zum ersten Mal die Norma in Vincenzo Bellinis Oper. Ein Gespräch über tragische Frauenrollen, passende Schuhe und italienische Politik von Christine Lemke-Matwey

Salzburg im April, an jeder halbwegs postkartentauglichen Ecke wird gesägt, gefräst, gebuddelt und gebaut, am Bahnhof sowieso und immer noch, das 470 Jahre alte Sternbräu haben sie sogar ganz weggerupft (die Traditionsgaststätte benötige ein "Facelifting", heißt es). Gerade kämpft sich Cecilia Bartoli in Richtung Festspielhäuser vor, über Stock und Stein, mit mehreren Tüten bepackt. Es ist ein hübsches Bild, wie die Künstlerin, ganz in Schwarz, ein Wahlplakat der amtierenden Landeshauptfrau Gabi Burgstaller passiert ("Wer den Menschen im Wort ist, läuft nicht davon"), auf dem die Sozialdemokratin zum roten Schneewittchen-Mund ein gelbes Zuversichtsjackerl trägt. Die von Bartoli geleiteten Pfingstfestspiele tragen dieses Jahr, wenig passend, das Motto "Opfer". Sie selbst wird am 17. Mai im Haus für Mozart ihr Debüt als Vincenzo Bellinis Norma geben – eine Partie, die ihr kaum jemand zugetraut hätte.

Cecilia Bartoli: Buon giorno, wir setzen uns in den Zuschauerraum, ja? Da sehen Sie etwas von unserem Norma-Bühnenbild.

DIE ZEIT: Signora Bartoli, hat sich die Salzburger Politik, von der man ja weiß, dass sie sich gerne auch in künstlerische Belange einmischt, nicht über ihr Festspielmotto beschwert? Unter Jugendlichen in Deutschland ist "Opfer" ein Schimpfwort, niemand möchte gerne Opfer sein.

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Bartoli: Ich liebe das deutsche Wort "Opfer"! Es schillert, es hat ganz unterschiedliche Bedeutungen, je nachdem, aus welcher Perspektive man es betrachtet. Das Englische kennt für "Opfer" zwei Begriffe: sacrifice und victim, also einmal "Opfer bringen" und einmal "Opfer sein", Opfer einer Unterdrückung, Opfer von Hass und Gewalt, Opfer der eigenen Selbstüberschätzung. Als Italienerin denke ich allerdings auch ans Lateinische, offere, ans "Offertorium" in der katholischen Messe...

ZEIT: Und nach diesem kleinen etymologischen Ausflug war die Landeshauptfrau Burgstaller beruhigt?

Bartoli: Bei mir hat sich niemand beschwert. Wobei es gar kein schlechtes Zeichen wäre, wenn die Politik die Kunst so ernst nähme, dass sie sich von einer Oper aus dem Jahr 1831 provozieren ließe! Von einer Frau wie Bellinis Norma, die mit einem zutiefst menschlichen Beispiel vorangeht, indem sie in einer Konfliktsituation opfert, was ihr am wichtigsten ist: ihre Kinder, ihre Liebe und ihr Leben. Norma hat die Kraft, sich selbst zu überwinden. Wer ist dazu heute noch fähig?

Im Zuschauerraum herrscht schummriges Probenpausenlicht. Das Bühnenbild ist einigermaßen zu erkennen, die Noten und Notizen der Reporterin sind es nicht. Sei’s drum. Cecilia Bartoli spricht mit gesenkter Stimme, fast beschwörend, ihre Augen blitzen. Ihre neueste persönliche Ausgrabung liegt ihr am Herzen, das merkt man.

Bartoli: Was sehen Sie auf der Bühne?

ZEIT: Matratzen auf dem Boden, ein Fahrrad an der Wand, Tische, Stühle ... ein Ambiente aus den dreißiger oder vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts, würde ich sagen, eine Schule vielleicht, die zweckentfremdet wurde und jetzt als Lager dient?

Primadonnen: Cecilia Bartoli

Cecilia Bartoli gilt als die führende Koloratur-Mezzosopranistin der Gegenwart. Ihre Karriere hat die gebürtige Römerin ebenso umsichtig wie medienwirksam aufgebaut: Nach Anfängen mit Rossini kam sie über Dirigenten wie Claudio Abbado und Nikolaus Harnoncourt mit der Praxis historischer Aufführung in Berührung. Sie erarbeitete sich Mozart und barockes Repertoire und begann selbst musikologische Forschungen anzustellen. Bartoli machte Komponisten wie Antonio Salieri oder Agostino Steffani wieder populär und begab sich auf die Spuren der legendären Sängerin Maria Malibran. Die jüngste Leidenschaft der 46-Jährigen gehört dem italienischen Belcanto: Auf Bellinis La Sonnambula folgte 2010 nach langen Recherchen eine erste konzertante Annäherung an Norma (mit dem Dirigenten Thomas Hengelbrock und dem Balthasar-Neumann-Ensemble). Am 17. Mai gibt sie bei den Salzburger Pfingstfestspielen nun in der Titelpartie ihr Bühnendebüt (mit Giovanni Antonini und dem Orchestra La Scintilla), zeitgleich erscheint die CD-Aufnahme (Decca). Bartoli gehört übrigens zu den kommerziell erfolgreichsten Künstlerinnen des Klassik-Marktes. Sie lebt in Zürich, Skandale sind keine bekannt.

Maria Callas

Maria Callas war die Primadonna assoluta des 20. Jahrhunderts und Inbegriff der exzentrischen Operndiva, Ingeborg Bachmann nannte ihr Leben das »letzte Märchen«. Unumstritten sind vor allem Callas’ Verdienste um die Belcanto-Tradition, auch wenn sie es mit den Noten nicht so genau nahm. Ende der 1940er Jahre rückte die Tochter griechischer Eltern Komponisten wie Donizetti, Cherubini und Bellini ganz neu ins Rampenlicht. Das Jetset-Leben aber, das sie an der Seite des Reeders Aristoteles Onassis führte, und ihre Abmagerungskuren blieben nicht ohne Folgen: Die wirklich guten Jahre der Callas dauerten kaum länger als zehn Jahre, 1977 starb sie 53-jährig in Paris. Zwischen 1950 und 1965 veröffentlichte sie nicht weniger als neun Norma-Aufnahmen.

Bartoli: Nicht schlecht! Als Norma 1831 in Mailand uraufgeführt wurde, war Italien besetzt...

ZEIT: Von Österreich.

Bartoli: Ja, liebe Salzburger, von Österreich! Und Bellinis Librettist Felice Romani sah sich natürlich mit der Zensur der Besatzer konfrontiert, das heißt, er musste die Geschichte, die er erzählen wollte, in ein möglichst unverfängliches, exotisches Kostüm stecken. Das hat er getan. Die Italiener sind die Gallier, die Österreicher die Römer, und das Ganze spielt im 1. Jahrhundert vor Christus. Norma ist ein rebellisches, hochpolitisches Stück, es geht ums Aufbegehren, um den Kampf der Unterdrückten gegen ihre Unterdrücker. Das hätten die Österreicher leicht missverstehen können. Andererseits handelt Norma von Liebe und Leidenschaft und von einem überlebensgroßen Konflikt: Norma, die gallische Druidenpriesterin, liebt den Römer Pollione, sie liebt den größten Feind und hat sogar zwei Kinder mit ihm. Wie soll sie das ihren Leuten jemals erklären?

ZEIT: Alles, was mit Liebe zu tun hat, nimmt man der italienischen Oper leicht ab. Beim Politischen hingegen sieht und hört man gerne weg.

Bartoli: Deshalb bauen wir in Salzburg zwei Brücken: eine musikalische, die beim Belcanto ansetzt und penibel erforscht hat, mit welchen Sängern, welchen Stimmfächern Bellini es 1831 zu tun hatte. Ich sage Ihnen: Was Maurizio Biondi und Riccardo Minasi...

Leserkommentare
  1. Frau Bartoli versteht viel von Politik, aber nichts von Geschichte. Im Jahr 1831 konnte Italien nicht von Österreich besetzt sein, weil es Italien
    noch gar nicht gab. Das italienische Königreich ist ja erst 1861 gegründet worden. Auf dem Gebiet des heutigen Staates Italien gab es verschiedene Staaten (unter anderem auch den Kirchenstaat, womit nach der Logik der Frau Bartoli bewiesen wäre, dass der Papst Italien besetzt hatte).

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  • Schlagworte Oper | Festspiele | Österreich | Salzburg
  • Der Autor Diedrich Diederichsen

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