Verloren stehen die Polizisten im Büro von Hauptkommissar Friedel Gromotka. Sie können nicht glauben, was sie da sehen: An der Stirnseite des großen Raumes hängen zwei Flaggen, auf der rechten prangt ein riesiges Hakenkreuz, auf der linken ein SS-Zeichen. In der Mitte stehen zwei Schreibtische, einer für Gromotka, der andere für eine Schaufensterpuppe. Sie sitzt auf einem Stuhl und streckt den Arm zum Hitlergruß aus. An den Wänden hängen Messer mit eingravierten rechtsextremen Parolen, ein Regal steht voller CDs mit rechtsextremer Musik, auf dem Boden liegt eine Fußmatte mit SS-Zeichen.

Gromotkas Sammlung im zweiten Stock des Fortbildungszentrums der Landespolizeischule Berlin-Spandau stammt aus Gerichtsverfahren. Normalerweise lässt der Staatsanwalt solches Material vernichten, ausschließlich zu Lehrzwecken darf es gezeigt werden, wie heute. Die Polizisten wollen sich zum Thema Rechtsextremismus fortbilden. Unschlüssig sehen sie aus, treten von einem Bein aufs andere. Zwei Beamte kramen in der CD-Sammlung, als handele es sich um einen Wühltisch beim Sommerschlussverkauf.

Ziel des Seminars sei es, den Beamten einen Überblick über die rechtsextreme Szene zu geben, sagen Gromotka und der Polizeihauptkommissar Klaus Schelske. "Wie erkennt man diese Typen, darum geht es heute. Und wann ist das, was sie sagen oder tun, strafrechtlich relevant?"

In Berlin leben zwischen 5.000 und 6000 Rechtsextreme, es ist die Stadt mit dem größten Anteil. Polizisten haben oft mit ihnen zu tun. Auf der Straße sind sie nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Laut Bundesamt für Verfassungsschutz gab es in Deutschland im Jahr 2011 rund 22.400 Rechtsextremisten. Kürzlich hat der Prozess gegen Beate Zschäpe und vier mutmaßliche Unterstützer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) vor dem Münchner Oberlandesgericht begonnen. Polizei und Verfassungsschutz stehen in der Kritik, weil sie das NSU-Trio nicht früher enttarnt haben. 225 rechtsextreme Organisationen gibt es in Deutschland. Fast alle mit eigenen Abzeichen und Codewörtern. Nur wenige Polizisten können diese entschlüsseln oder zuordnen.

Polizisten haben kaum Zeit, sich mit der Szene zu beschäftigen

Die Beamten, die heute hier sind, haben sich freiwillig für das Seminar entschieden. Doch als der Polizeihauptkommissar Schelske sie später im Seminarraum fragt, warum Menschen ihrer Meinung nach rechtsextrem werden, herrscht Stille. Eine Polizistin gähnt, ein anderer Kollege betrachtet seine Fingernägel. Niemand rührt sich. Sie alle arbeiten in den Kriminalkommissariaten der Hauptstadt, gehören zu einer Hundertschaft oder fahren Streife. Einige sind erst seit wenigen Jahren im Dienst, andere seit Jahrzehnten. Sie sichern Spuren nach einem Mord, vernehmen Zeugen und schlichten Streit zwischen Nachbarn. Sie begleiten Züge voll angetrunkener Fußballfans und kümmern sich um Rentnerinnen, die auf Trickbetrüger reingefallen sind. Der Kampf gegen Rechtsextreme ist ein drängendes Problem, aber den Polizisten fehlt im Alltag oft die Muße, sich damit auseinanderzusetzen. Natürlich gibt es Fortbildungen, aber auch hierfür haben viele Beamte keine Zeit. In einem Seminarraum haben viele zuletzt vor Monaten gesessen. Hauptkommissar Schelske runzelt die Stirn und antwortet selbst. Die Kluft zwischen Armen und Reichen werde größer, der Mittelstand schrumpfe. Besonders junge Menschen bekämen nur selten unbefristete Arbeitsverträge. Viele müssten ständig ihren Lebensstil anpassen. Manche hielten das nicht aus und suchten nach einfachen Antworten.

In den neunziger Jahren sei ein Großteil der Rechtsextremen durch Springerstiefel, Glatze und schlechtes Benehmen aufgefallen, erzählt Friedel Gromotka. Vielen Polizisten fällt es heute schwer, Rechtsextreme zu erkennen. So einfach, wie es die Sammlung in Gromotkas Büro vermuten lässt, ist es häufig nicht, jemanden als rechtsradikal einzuordnen. Die Rechtsextremen tragen Ray-Ban-Brillen oder Levi’s-Jeans wie jeder normale Bürger. Sie sind Banker, Lehrer und Maurer, engagieren sich in der Kirchengemeinde und sind nett zu ihren Nachbarn. Ihre Gesinnung lebten sie in ihren Wohnungen oder bei nicht öffentlichen Treffen aus, sagt Gromotka.

Wer vorbereitet auf Rechtsextreme trifft, weiß, wie er sich verhalten muss

Einer der Seminarteilnehmer kennt das aus seinem Arbeitsalltag. Seit fast 20 Jahren ist er Kriminalkommissar im Wedding. Der Bezirk gilt als sozialer Brennpunkt. Der Kommissar wird zu vielen Wohnungseinbrüchen gerufen. In den letzten zwei, drei Jahren sah er in den Wohnungen etliche Hakenkreuz-Flaggen, Hitler-Büsten oder SS-Totenköpfe. "Da bin ich fast vom Glauben abgekommen", sagt er. Er ist unsicher, wann er gegen Rechtsextreme vorgehen kann – und wann nicht. Im Seminar hofft er, diese Feinheiten zu lernen. Doch genau das ist häufig schwierig: Solange jemand die Sammlung ausschließlich in seinen Privaträumen ausstellt, nicht mehr als zwei identische rechtsextreme Symbole besitzt, mit seinem Besitz das Grundrecht anderer nicht einschränkt oder – beispielsweise durch verbotene Waffen – gegen eine andere Rechtsnorm verstößt, kann er nichts dagegen tun. Das heiße jedoch nicht, dass er nicht wachsam bleiben solle.