Im 7. Stock eines schlichten Wohnblocks im Genfer Pâquis-Quartier öffnet eine kleingewachsene 73-Jährige die Tür zu ihrer mit Büchern vollgestellten Wohnung: Ruth Dreifuss, ehemalige Bundesrätin. Die Grande Dame der Schweizer Sozialdemokratie.

Seit 15 Jahren wohnt Dreifuss im Pâquis, mittendrin im Leben statt hinterm Gartenzaun am Villenhügel. Hier fühlt sie sich zu Hause. Denn für das Leben kämpft sie zeitlebens. Nicht für ihres, sondern um jenes der anderen. In der ehemaligen Gewerkschafterin glüht der heilige Zorn über die Ungerechtigkeit in der Welt. "Die Katze kann das Mausen nicht lassen", sagt sie lachend. "Es geht immer um Leben und Tod."

Nun zieht sie in den Kampf gegen die Macht der Drogen – mit der 2011 gegründeten Weltkommission für Drogenpolitik.

Darin sitzen neben der Altbundesrätin die ehemaligen Präsidenten von Brasilien, Mexiko und Kolumbien, dazu Kofi Annan, einst UN-Generalsekretär, der frühere EU-Außenbeauftragte Javier Solana und George Shultz, US-Außenminister unter Ronald Reagan, sowie der Milliardär Sir Richard Branson.

Das lose Grüppchen Ehemaliger will nichts Geringeres als den längsten Krieg des 20. Jahrhunderts beenden – den war on drugs.

"Die verzweifelte Lage stimmt mich optimistisch"

Es war im Jahr 1971, als US-Präsident Richard Nixon den Drogen den Krieg erklärte. 15 Prozent seiner Soldaten kehrten als Junkies aus dem Dschungelkrieg in Vietnam nach Amerika zurück. War der "Krieg" anfänglich eine Metapher, wurde er bald zur blutigen Realität. Es begann eine weltweite Hatz auf alle, die mit Drogen in Berührung kamen. Egal ob Kokabauern, Kleindealer, Süchtige oder Drogenbarone. Immer nach der moralistischen Maxime: Was nicht gut ist, das darf nicht sein.

Die Folgen dieser 40 Jahre dauernden Politik sind katastrophal – und sie dringen in alle Poren der Gesellschaft.

Weltweit sitzen Abermillionen Menschen für Drogendelikte im Gefängnis. Hunderttausende erleiden dort einen kalten Entzug. Hunderte werden für ihre Taten hingerichtet, erschossen oder geköpft. Zehntausende sterben bei Militäraktionen und Schießereien. Millionen von Drogenabhängigen erhalten keine ausreichende medizinische Betreuung. "Man glaubt, mit Zwang und Verboten erreiche man eine Welt ohne Drogen und eine Menschheit ohne Sucht", sagt Ruth Dreifuss. "Doch das funktioniert nicht." Stattdessen findet man heute "kollabierte Staaten" nicht mehr nur am Hindukusch oder am Horn von Afrika, nein, auch in Guatemala oder El Salvador kontrolliert die Drogenmafia gegen 40 Prozent des Staatsgebiets. In Mexiko haben die Kartelle über 70 Prozent der Kommunen unter ihrer politischen Kontrolle. Und der offene Krieg rückt immer näher an Europa. Guinea-Bissau ist der erste Narco-Staat in Afrika, das Land ist der Umschlagplatz für das Kokain auf dem Weg von Lateinamerika nach Europa. "Das Schwierigste für eine Regierung ist es, wenn sie zugeben muss, dass sie machtlos ist", sagt Ruth Dreifuss. "Und das ist sie, wenn sie die Menschen zu ihrem Glück zwingen will."

Deshalb fordert die Weltkommission für Drogenpolitik ein radikales Umdenken. Drogenkonsumenten sollen nicht länger kriminalisiert, ausgegrenzt und stigmatisiert werden. Wer frische Spritzen oder Therapien braucht, soll diese kriegen; nur so lassen sich Infektionskrankheiten eindämmen. Der Staat soll versuchsweise den Drogenmarkt regulieren und damit die Macht des organisierten Verbrechens brechen; so wie dies bei Tabak und Alkohol längst üblich ist. Und die Polizei soll nicht länger "Chügelidealer" jagen, sondern sich den Hintermännern widmen.

Wir sitzen am Esstisch, der mit Akten und Unterlagen übersät ist. Dreifuss spricht mit ihrer sanften Stimme, die manch politischen Gegner zur Verzweiflung bringt. Weil in dieser Ruhe so viel Bestimmtheit liegt. Und weil die Kämpfe der Ruth Dreifuss zwar aussichtslos scheinen – aber nur für jene, die nicht ihren langen Horizont vor Augen haben. "Ich gebe mich nie geschlagen", sagt sie. Keine Frage, sie meint das ernst. In ihrem Alter, da sind andere längst in Rente und genießen das Leben. Auch Ruth Dreifuss hat zurückbuchstabiert, vor unserem Gespräch hat die Großtante noch ihre "Enkel" gehütet. Doch die Unruhe ist stärker.

Dummheit ist kein Verbrechen

Wieso aber soll ausgerechnet eine ehemalige Schweizer Bundesrätin diese globale Misere beenden? Weil sie im Kleinen geschafft hat, wovon die Welt träumt: Dank ihr kriegte die Schweiz das Drogenproblem in den Griff.

Es war eine turbulente Zeit, als Ruth Dreifuss 1993 in den Bundesrat gewählt wurde. Vor dem Bundeshaus forderten Tausende Demonstranten eine Frau in der Regierung. Derweil setzten sich im nahen Berner Kocherpark oder auf dem Platzspitz in Zürich Drogenabhängige in aller Öffentlichkeit ihren Schuss Heroin. Der needle park wurde weltberühmt. "Es herrschte blanke Angst. Angst um das Leben der Leute, Angst vor der damals noch tödlichen AIDS-Epidemie", sagt Ruth Dreifuss. Die Sichtbarkeit des Elends rief nach neuen Lösungen. Und die Schweiz wurde zum weltweiten Pionier einer fortschrittlichen Drogenpolitik. Polizei und Sozialarbeiter arbeiteten eng zusammen, Süchtige wurden nicht mehr nur weggejagt, sondern betreut. Der Staat gab erst saubere Spritzen, dann Methadon und schließlich sogar Heroin an die Süchtigen ab. Dazu agierte die Gesundheitsministerin Dreifuss auch mal am Rande der Legalität – und kassierte dafür Kritik von den UN.

Das alles geschah nicht aus Ideologie, sondern aus Pragmatismus, die Zustände waren schlicht unerträglich. Ruth Dreifuss erzählt, wie sie damals den direkten Kontakt mit Drogenabhängigen suchte, mit ihren Familien, mit Schwulen, mit Prostituierten. "Wir haben gelernt, dass Randgruppen vertrauenswürdige Partner sein können, wenn man ihnen Vertrauen schenkt", sagt sie. "Man muss auf den Überlebenswillen dieser Menschen setzen."

Diese Erfahrung will sie nun in die Weltkommission für Drogenpolitik einbringen. Ihre Botschaft lautet: Drogenpolitik ist Sozialpolitik. "Wir müssen die Menschen, die im Griff der kriminellen Organisationen sind, die ihre Sucht ausbeuten, aus diesem Griff lösen."

Doch wird die Vortragsreisende Ruth Dreifuss mit ihrer Überzeugungsarbeit und den Berichten ihrer illustren Kommission am Elend der Abermillionen tatsächlich etwas ändern? Sie ist zuversichtlich. Zuversichtlicher als die Protagonisten in ihrer liebsten TV-Serie The Wire, die vom Drogenhandel in der amerikanischen Stadt Baltimore erzählt. In einer der ersten Folgen sitzen drei Polizisten in ihrem Großraumbüro und lassen den Tag Revue passieren:

– "Wir bekämpfen den war on drugs... ein Kapitalverbrechen nach dem anderen."

"Girl, denk nicht mal daran, diesen Scheiß einen Krieg zu nennen."

– "Wieso nicht?"

– "Kriege enden."

In ihrer Wohnung mit Blick auf den Genfer Jet d’eau meint Ruth Dreifuss: "Damit sich in der Politik etwas ändert, braucht es eine gewisse Verzweiflung. An diesem Punkt sind wir nun angekommen. Und diese verzweifelte Lage stimmt mich optimistisch." Tatsächlich ändert sich etwas. Auch bei den Mächtigsten. Am Amerika-Gipfel im kolumbianischen Cartagena wurde im April 2012 über Alternativen zum war on drugs diskutiert. In Lateinamerika oder Westafrika, wo die Kriminalisierung der Drogenabhängigen zu riesigen Gesundheits- und Sicherheitsproblemen für die gesamte Bevölkerung führt, überdenken die Regierungen ihr Tun. "Und die Vereinten Nationen fühlen sich vermehrt den Menschenrechten verpflichtet, die so oft im Krieg gegen die Drogen geopfert werden", sagt Dreifuss.

Ihr Ziel ist das Jahr 2016. Dann findet der nächste Drogen-Gipfel der UN statt, dann sollen die Weichen für eine neue weltweite Drogenpolitik gestellt werden. Die Organisation, die noch Ende der neunziger Jahre ihre Mitglieder dazu anhielt, für eine drogenfreie Welt zu kämpfen, soll endlich einsehen: Diese Vision ist ein Albtraum.

Dafür nimmt Ruth Dreifuss einiges auf sich. In den letzten Monaten war sie in Mexiko, auf Barbados, nächstens fliegt sie nach Vilnius und nach Florenz. Wieso tut sie sich das in ihrem Alter noch an? "Wir sind alle auf der Suche nach dem Glück, und mich macht nun mal das Kämpfen glücklich."

"Kiffen und Saufen sind dumm. Aber Dummheit ist kein Verbrechen"

Persönlich hat Ruth Dreifuss kein Faible für Drogen. Im Gegenteil. "Kiffen und Saufen sind dumm", sagt sie. "Aber sie sind nun mal eine menschliche Realität – zudem ist Dummheit kein Verbrechen." Ihr selbst mache der Kontrollverlust Angst. Nur einmal nahm sie härtere Drogen, das Halluzinogen Psilocybin, im Rahmen eines Experiments zur Erforschung von Psychosen. "Diese Erfahrung lehrte mich einen höllischen Respekt vor Drogen", sagt Dreifuss. "Sie verrücken die Wahrnehmung der Welt."

Sie aber will mit klarem Blick auf die Welt schauen – auch wenn das Gesehene ernüchtert. Etwa die exorbitanten Gewinne, die der Kokainhandel verspricht. Was ist dagegen zu tun? Ruth Dreifuss stockt. Das erste Mal an diesem Vormittag. "Next question, please." Nach einer Pause meint sie: "Wir brauchen eine Regulierung des Markts. Aber dieses Thema gehe ich mit sehr viel Respekt an." Sie weiß, einfache Lösungen gibt es keine. Heroin, das konnte man als Medikament behandeln. Aber Kokain? Da hält der Flash nur kurz an, und Süchtige brauchen ihn bis zu dreißigmal am Tag. Dann sagt sie: "Trotzdem müssen wir auch hier mehr experimentieren." Mögliche Lösungen müssten sorgfältig geprüft und wissenschaftlich beurteilt werden. "Aber", sagt Dreifuss, "ein Medikament hat immer eine Nebenwirkung, wenn es keine hat, dann hat es auch keine Wirkung. Dasselbe gilt auch für die Politik."