DIE ZEIT: Seit zwanzig Jahren werten Sie die weltweit wichtigsten empirischen Studien zu Schülerleistungen aus. Die Bücher, die daraus entstanden sind, haben Sie zum derzeit international einflussreichsten Lernforscher gemacht. Was hat Sie zu solch einem Unternehmen getrieben?

John Hattie: Als ich an der Universität begann, haben mir Kollegen viele Ratschläge gegeben, wie das Lernen der Zukunft aussehen sollte. Manche empfahlen Computer und Lernspiele, andere schworen auf das forschende Lernen. Wieder andere betonten die Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern. Und jeder hatte eine Studie parat, die belegen sollte, dass seine Methode die beste sei. Das machte mich skeptisch. Ich schaute mir die Studien genauer an und begann zu vergleichen.

ZEIT: Sie fragten sich: Was wirkt?

Hattie: Nein, ich fragte: Was wirkt am besten? Irgendeinen Effekt hat jede Unterrichtsmethode. Schüler lernen in der Schule fast immer etwas. Ich möchte aber wissen, was man tun kann, damit Schüler die größten Lernfortschritte machen. Das muss der Maßstab sein für jede Art von Schulreform.

ZEIT: Sie stellen ein Ranking der wirksamsten Faktoren für guten Unterricht auf. Vereinfachen solche Ranglisten nicht zu sehr?

Hattie: Das Ranking bringt die Faktoren, die die Schülerleistungen beeinflussen, in eine Reihenfolge. Gleichzeitig bündelt es die Aufmerksamkeit auf meine Botschaft: Das, worauf es ankommt, spielt sich nämlich im Unterricht ab, im Klassenraum, wo sich Lehrer und Schüler begegnen. Die Rahmenbedingungen von Schule dagegen – die Schulstrukturen oder das investierte Geld – haben nur geringen Einfluss. Leider wird in der Bildungsdebatte genau umgekehrt diskutiert.

ZEIT: Aber könnte Ihr Ranking in zehn Jahren nicht völlig anders aussehen?

Hattie: Meinen ersten Artikel zu den Effektstärken pädagogischer Interventionen habe ich 1991 veröffentlicht. Mittlerweile haben meine Mitarbeiter und ich 960 Metastudien mit 260 Millionen beteiligten Schülern ausgewertet. Dabei hat es im Ranking natürlich Verschiebungen gegeben. Die Kernaussage ist jedoch dieselbe geblieben: Es kommt auf den guten Lehrer an. Ohne Frage aber kann sich in der Zukunft etwas tun.

ZEIT: Ist das die größte Schwäche Ihres evidenzbasierten Ansatzes?

Hattie: Ich glaube schon. Alles, was ich in meine Forschung integriere, gehört ja der Vergangenheit an. Nehmen wir die Frage der Klassengröße...

ZEIT: ...gut, dass Sie selbst drauf kommen.

Hattie: Na ja, es gibt keine Diskussion mit Lehrern ohne das Thema. Es bringt mir immer den Vorwurf ein, von Schule keine Ahnung zu haben. Und theoretisch haben die Kritiker recht. Verkleinert man die Klasse, kommen die Schüler öfter dran, und der Lehrer kann sich dem Einzelnen besser widmen. In der Praxis sieht es bislang so aus, dass sich der Unterricht nicht ändert, egal ob im Klassenzimmer 30 oder 20 Schüler sitzen. Deshalb hat die Reduzierung der Klassengröße kaum einen Effekt auf die Lernleistung.

ZEIT: Sie reduziert aber den Stress für die Lehrer.

Hattie: Auch da gibt es eher gegenteilige Befunde. Die Arbeit wird weniger, gewiss. Doch wem der Unterricht mit 30 Schülern Stress bereitet, hat es in kleineren Klassen nicht viel leichter. Eine Metastudie zum Thema zeigt sogar, dass Lehrpersonen in Klassen mit 15 Lernenden selber mehr reden als in Klassen mit 30 Schülern.

ZEIT: Überfordern Sie die Lehrkräfte nicht, wenn Sie sie für den Lernfortschritt ihrer Schüler verantwortlich machen?

Hattie: Zum Lernen gehören immer zwei: der Lehrer wie der Schüler mit seiner Motivation, seinen Talenten und seiner Herkunft. Auf die Grundintelligenz ihrer Schüler haben Lehrer aber kaum Einfluss. Und jeder weiß zwar, dass sich die Leistungen verbessern, wenn die Armutsrate sinkt, was die Schulen aber ebenso wenig befördern können. Was Schulen hingegen sehr wohl verändern können, ist das Verhalten ihrer Lehrer. Das ist ihre Aufgabe.

ZEIT: Das passiert tagtäglich in vielen Schulen.

Hattie: Richtig! Es gibt unglaublich gute Lehrer, die sich für ihre Schüler verantwortlich fühlen, ihren Unterricht immer wieder hinterfragen und verbessern. Interessanterweise haben sie die gleichen schwierigen Schüler, unterrichten in denselben großen Klassen, unter den gleichen Rahmenbedingungen – und sind erfolgreich. Warum sollen ihre Kollegen nicht auch das Gleiche schaffen?

ZEIT: Jammern Lehrer also zu viel?

Hattie: Das will ich nicht behaupten. Aber zu viele Lehrer denken immer noch, wenn sie nur mehr Zeit, größere Räume, bessere Ressourcen hätten, würden sie mehr erreichen. Für einige mag das stimmen. Was die meisten jedoch brauchen, ist kein Mehr, sondern ein Anders. Wenn der Unterricht die Schüler nicht erreicht, muss man den Unterricht verändern. So einfach ist das.

ZEIT: Was also ist ein guter Lehrer?

Hattie: Ein guter Lehrer setzt hohe Erwartungen. Er schafft ein fehlerfreundliches Klima in der Klasse, stellt auch sein Handeln immer wieder infrage, evaluiert seinen eigenen Unterricht fortlaufend und arbeitet mit anderen Lehrern zusammen.

Lehrer als Regisseure des Unterrichts

ZEIT: Sie beschreiben den guten Lehrer zudem als Regisseur des Unterrichts und stellen ihm den Moderator gegenüber. Warum diese Unterscheidung?

Hattie: Die Vorstellung, dass Schüler sich natürlicherweise entwickeln, wenn der Lehrer als ein Moderator lediglich Material und Gelegenheit gibt, ist zwar sympathisch. Leider aber gibt es wenig Evidenz, dass das funktioniert. Bei begabteren Schülern mag das noch klappen. Für die meisten Lerner ist der Ansatz jedoch höchst ineffizient. Ich habe nichts gegen das entdeckende Lernen. Ich glaube aber, dass sich der Lehrer für den Lernerfolg seiner Schüler zuständig fühlen muss.

ZEIT: Das kann ein Moderator ebenso gut.

Hattie: Aber die Haltung und die Praxis unterscheiden sich. Ein Lehrer muss erkennen, dass es seine Aufgabe ist, die Lernenden zu verändern, sie immer wieder herauszufordern und an ihre Grenzen zu bringen. Die meisten Schüler, wie auch Erwachsene, setzen sich eher bescheidene Ziele. Wenn sie in der letzten Prüfung eine Drei hatten, peilen sie das nächstes Mal eine Drei plus an.

ZEIT: Aus Schutz vor Enttäuschung.

Hattie: Möglich, aber Lehrer müssen mit dieser Haltung brechen. Denn wer glaubt, dass er mittelmäßig ist, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch mittelmäßig abschneiden. Die Überzeugung von der Selbstwirksamkeit ist ein wichtiger Erfolgsfaktor. Das wissen wir nicht nur aus vielen Studien. Wenn wir uns selbst an gute Lehrer erinnern, dann waren es solche, die uns als Schüler viel zugetraut haben, die mehr in uns gesehen haben als wir selbst. Leider können die meisten Erwachsenen sich nur an zwei, drei solche Lehrer erinnern – von vielleicht zwanzig oder dreißig, die sie hatten. Guter Unterricht ist so wie Angry Birds spielen.

ZEIT: Sie meinen das Computerspiel, bei dem Vögel Mauern und Häuser zertrümmern?

Hattie: Richtig. Wie die meisten Computerspiele weiß das Programm immer genau, auf welchem Fähigkeitsniveau Sie gerade spielen, und setzt dementsprechend das nächste Level etwas höher an. Dieses Ziel darf Sie nicht langweilen, aber auch nicht zu schwer sein, damit Sie wieder und wieder versuchen, die nächste Runde zu erreichen. Das ist genau das, was Lehrer machen müssen, wenn sie Ziele setzen.

ZEIT: Ist Ihr Lieblingsthema deshalb Feedback?

Hattie: Feedback gehört zu den effektivsten Instrumenten, um den Lernerfolg zu steigern. Gleichzeitig ist es anscheinend sehr schwierig, Schülern eine Rückmeldung zu geben, die ankommt und Wirkung zeigt. So verwechseln viele Lehrer Feedback mit Noten. Auch Lob allein ist kein gutes Feedback. Gutes Feedback meldet dem Schüler zurück, wie er die Aufgabe bearbeitet hat, wo er richtige, wo falsche Wege gegangen ist und wie er noch anspruchsvollere Ziele erreichen kann. Dafür muss der Lehrer mit dem Schüler sprechen, schriftliche Kommentare austauschen. Er muss ein Klima schaffen, in dem sich Schüler trauen, Fehler zu machen. Diese sind besonders hilfreich, um besser zu lernen. Gleichzeitig lernt der Lehrer dabei etwas für seinen Unterricht.

ZEIT: Inwiefern?

Hattie: Auch ein Lehrer braucht Rückmeldung über seinen Unterricht. Er muss stets wissen, wo seine Schüler gerade stehen, was sie verstanden haben, welchen Irrtümern sie gerade nachgehen. Nur so kann er sich selbst immer wieder infrage stellen und seinen Unterricht anpassen. Das meine ich, wenn ich von visible teaching spreche. Ein guter Lehrer muss seinen eigenen Unterricht durch die Augen der Lernenden sehen, sich also ständig selbst evaluieren.

ZEIT: Sie behaupten, dass Lehrer nicht wissen, wie ihr Unterricht bei den Schülern ankommt?

Hattie: Das wissen wir aus vielen Studien. Lehrer über- und unterschätzen Schüler ständig. Deshalb müssen sie immer wieder Gelegenheiten schaffen, herauszufinden, wie ihr Unterricht wirklich wirkt. Mit kleinen Tests etwa oder Diskussionen über Lösungswege der Schüler untereinander. Da kann der Lehrer die Schüler quasi denken hören.

ZEIT: Welche Rolle spielen dabei andere Lehrer?

Hattie: Eine enorm wichtige. Viele Lehrer haben ein falsches Verständnis von Autonomie. Sie arbeiten weder mit ihren Kollegen zusammen, noch begutachten sie gegenseitig ihren Unterricht. Ja, sie sprechen nicht einmal darüber. Forscher haben beobachtet, worüber Lehrer in den Pausen reden, und das in Minuten gemessen. Dabei kam heraus, dass Lehrer viel über Schüler reden, ebenso über Lehrinhalte, Prüfungen und andere Dinge wie Fußball. Nur über das eigene Lehrerhandeln im Unterricht reden sie kaum.

ZEIT: Warum ist es für Lehrer so schwierig, zu erkennen, wie ihr Unterricht ankommt?

Hattie: Lehrer besitzen starke Vorstellungen über ihr Handeln. Eine ihrer stärksten Annahmen lautet: "Ich kann gut erklären", auch wenn das falsch ist. Oder Lehrer platzieren ihre Schüler in Gruppen und glauben, dass diese dann voneinander lernen. Dabei besagen Studien aus England, wo 70 Prozent der Lernenden in Gruppen sitzen, dass nur in zwei Prozent der Unterrichtszeit tatsächlich auf Lernziele ausgerichtete Gruppenaktivitäten stattfinden.

ZEIT: Müssten Lehrer die Selbstbeobachtung nicht schon in der Ausbildung lernen?

Hattie: Die Lehrerausbildung ist weltweit die am meisten notleidende Einrichtung, die ich kenne. Sie ist teuer, und ihre Effekte sind zweifelhaft. Mittlerweile interessiert mich stärker der Einstieg in den Beruf. Denn in den ersten zwei, drei Jahren entwickeln Lehrer ihre Theorie des Lehrens. Gleichzeitig sind die Junglehrer sehr hungrig. Sie wollen es besser machen. Ich glaube, dass diese Phase völlig unterschätzt wird, denn hier werden die Weichen gestellt für die nächsten dreißig Jahre.

ZEIT: Kann denn jeder Lehrer werden?

Hattie: Ich halte nichts von der These, man werde zum Lehrer geboren. Der Lehrerberuf ist eine zu erlernende Profession. Die wichtigste Voraussetzung ist die Flexibilität, zugeben zu können, dass der eigene Unterricht zu wenig erreicht, und die Offenheit, Neues zu lernen.

ZEIT: Wenn Sie Bildungsminister eines Landes wären: Was wäre Ihre erste Amtshandlung?

Hattie: Ich würde keine großen Strukturreformen beginnen, sondern versuchen umzusetzen, was wir über guten Unterricht wissen. Dazu würde ich mir eine Gruppe von sehr guten Lehrern aufbauen, gewissermaßen die besten des Landes. Mein Ansatz wäre, an vielen Orten Koalitionen zu schmieden von erfolgreichen Lehrern und Schulleitern. Das ist mühsam, aber es funktioniert.