Karamba Diaby, der Politiker, für den sich gerade Journalisten aus aller Welt interessieren, interessiert sich eigentlich vor allem für Kleingärten. In Halle gibt es 12911 davon. Auf 100 Einwohner der Stadt kommen, statistisch gesehen, fünfeinhalb Parzellen. Das ist Spitze in Sachsen-Anhalt. Allerdings verwaisen die Parzellen immer mehr, sagt Diaby. Vielen Kleingartenvereinen fehlten die Mitglieder. Karamba Diaby kämpft für ihre Zukunft, seit der Wende schon.

Bald wohl auch von Berlin aus.

Einst, Anfang der 1990er Jahre, wollten Investoren die Hallenser Kleingärten platt machen, um auf den freiwerdenden Flächen bauen zu können. Sie argumentierten, dass Obst und Gemüse aus Halle ohnehin ungenießbar seien: der vergifteten Böden wegen. Was tat Diaby? Er gärtnerte selbst; erntete Kohlrabi, Sellerie und Äpfel – und untersuchte die Früchte dieser Arbeit für seine Dissertation. Ergebnis: alles im grünen Bereich.

Viele Gärten blieben. Seither setzt sich Karamba Diaby, 51, für das deutscheste Kulturgut überhaupt ein. Und er wünscht sich, dass man das normal findet. Dass vor allem die Presse das normal findet: Denn ihn, Diaby, erreichen gerade Medienanfragen aus ganz Deutschland, aus Frankreich, Großbritannien, den USA. Jeder will mit ihm, dem Schrebergartenpolitiker aus dem Osten, sprechen. Warum, Herr Diaby? "Das weiß ich doch nicht", sagt er. "Da müssen sie die Journalisten fragen."

Die Antwort ist: Wenn im September der neue Bundestag gewählt ist, wird Karamba Diaby mit ziemlicher Sicherheit der erste Abgeordnete sein, der in Afrika geboren wurde. 1961 kam er im Senegal zur Welt; mit 24 Jahren ging er als Student in die DDR. Nun, 2013, ist er Direktkandidat für die SPD im Wahlkreis 72: Halle, Kabelsketal, Landsberg, Petersberg. Noch wichtiger ist sein Listenplatz: Rang drei in Sachsen-Anhalt. Der Einzug ins Parlament ist damit so gut wie sicher.

Längst gibt es Abgeordnete mit türkischen, indischen, kroatischen oder iranischen Wurzeln im Bundestag. Philipp Rösler, der FDP-Chef und Vizekanzler, stammt aus Vietnam. Trotzdem ist die Kandidatur Diabys, offenbar, sehr bemerkenswert.

Neulich erschien ein Beitrag über ihn im Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Dem konnte man entnehmen, dass Karamba Diabys Problem der Argwohn der Hallenser sei; Argwohn ob seiner Hautfarbe. Der Reporter fand es problematisch, dass ein Politiker mit dunkler Haut im angeblich braunen Osten antritt. Diabys Kandidatur sei ein "Experiment". Das Argument: In den neuen Bundesländern sei Wahlkampf für ihn natürlich ein Risiko. Es gebe Viertel in Halle, in denen Diaby sich abends nur unter Lebensgefahr aufhalten könne.

Diaby sagt, er sei "geschockt" gewesen von dem Spiegel-Bericht, er habe sich "verarscht" gefühlt. Er sehe zwar durchaus, dass es im Osten Rassismus gebe; er habe auch selbst Erfahrungen damit gemacht. Anfang der neunziger Jahre wurde er von Rechtsradikalen in Halle überfallen und verprügelt. Und 2011 bekam er Morddrohungen nach einem Interview mit der Jungen Freiheit – dass das Blatt rechtslastig ist, hatte er nicht gewusst. Und Diaby sagt auch: "Gegen Fremdenfeindlichkeit müssen wir natürlich weiter vorgehen."

Aber eines dürfe man nicht vergessen: "Ein intelligenter Mensch müsste doch sehen, dass ich Stadtrat bin. Und dieser Posten wurde nicht verlost. Ich wurde gewählt, von den Menschen in Halle."