StilkolumneMit dem Koffer Gassi gehen

Einst ließ man schwere Koffer schleppen - jetzt ersetzen kleine Räder das Personal. Doch Trolleys haben einen Nachteil: Sie stehen für gähnende Vorhersehbarkeit. von 

Jetzt auch mit vier Rollen: Trolley von Louis Vuitton, 2500 Euro

Jetzt auch mit vier Rollen: Trolley von Louis Vuitton, 2500 Euro  |  © Peter Langer

Wenn jetzt die Reisezeit beginnt, rollern und bollern die Trolleys der Touristen wieder auf den Straßen. In den großen Städten sorgen die kleinen Räder der Rollkoffer auf dem Asphalt für so viel Krach, dass sich bereits Widerstand regt: In einigen Stadtteilen Berlins wird mit No Trolleys-Stickern gegen Touristen Front gemacht.

Es ist ohnehin nicht leicht, würdevoll auszusehen, wenn man einen Trolley hinter sich herzerrt. Es wirkt, als würde man mit dem Koffer Gassi gehen. Vor etwa 150 Jahren war es mit der Eleganz viel einfacher. Da war der Koffer eine Last, die man anderen auferlegte – dem Kofferträger nämlich. Zu jenen Zeiten war das Reisen ein Thema der Reichen – und menschliche Arbeitskraft billig. Koffer ähnelten Möbelstücken, und man hatte nicht allzu viele Gedanken daran verschwendet, den Tragekomfort zu optimieren. Wenn das Personal schwer zu schleppen hatte, wurde schließlich offensichtlich, dass man mit viel Gepäck reiste, also wohlhabend war. Dass der aufrechte Schrankkoffer heute ausgedient hat, ist vor allem der Motorisierung zu verdanken. In die Automobile passte Anfang des 20. Jahrhunderts nur praktisches Gepäck. Und auf den immer populäreren Ozeanriesen standen die Koffer unpraktisch in der eng bemessenen Kabine herum.

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Dieses Missverhältnis motivierte einst Georges Vuitton, Sohn des legendären Pariser Koffermachers Louis Vuitton, einen quaderförmigen Überseekoffer zu präsentieren, den man unter das Kabinenbett schieben konnte. Erst dann, als Reisende ihre Koffer schließlich selber tragen mussten, hatte dieser ausgedient. Mittlerweile trägt niemand mehr seinen Koffer selbst – weil der Rollkoffer erfunden worden ist.

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Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick

Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick   |  © Peter Langer

Der Mensch mit Trolley ist ein Mensch, der die Last eines Gepäcks nicht trägt, sondern hinter sich herzieht. Das setzt voraus, dass die Welt flach wie der Boden einer Flughafenhalle ist. Und schon sind wir beim eigentlichen Problem, wenn man mit einem Trolley reist. Man macht weithin sichtbar, dass man nicht mit Überraschungen rechnet; man ist auf eine Welt eingestellt, die für einen eingeebnet wurde und auf deren gut ausgebauten Straßen man sanft entlanggleitet. Natürlich findet man solche Straßen auch. Außer vielleicht in Berlin. Dort lauert noch etwas Abenteuer.

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Leserkommentare
  1. Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob mit den, eingangs erwähnten, Berliner "No-Trolleys"-Stickern, nicht vielleicht eher gegen den Tourismus (und Geschäftsreisende) als solches protestiert wird, statt nur gegen den, möglicherweise doch irgendwie aushaltbaren, Lärm, den Rollkoffer auf dem Gehsteig verursachen.

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    Okay, möglicherweise sagt der Autor auch genau das. Sollte das so sein, sage ich mea culpa.

    Der vorgestellte Trolley von Louis Vuitton wurde dementsprechend mit 4 Rollen entwickelt und man kann davon ausgehen, dass dieser Trolley keinen Lärm machen wird. Ich habe dieses neue Modell schon selber getestet und ich war höchst erfreut, über den Komfort und die Möglichkeit, den Trolley neben sich zu fahren, anstatt ihn hinter sich her zu ziehen! Nur kann ich es mir nicht vorstellen, dass jeder x-beliebige Tourist 2.500 € für einen Trolley ausgibt!

  2. Okay, möglicherweise sagt der Autor auch genau das. Sollte das so sein, sage ich mea culpa.

    Antwort auf "No Trolleys."
  3. 3. würde

    als ich mit meinem verdammt schweren rucksack durch lateinamerika getourt bin, kam ich mir auch nicht sehr würdevoll vor.

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    • sauce
    • 07. Mai 2013 9:07 Uhr

    In Lateinamerika nützt einem aber auch ein Trolley nichts - die meisten Straßen sind dafür ja nicht geeignet :) .... da rumpelt der Trolley nicht nur sondern legt sich absolut unwürdig auch gerne einfach mal auf die Seite - wenn die Räder überhaupt durchhalten. Die Dinger sind ja für poliertes Marmor gemacht, nicht für buckelige Lehmpisten oder Schlammwege

  4. Als das einzig nicht stilvolle an den Trolleys sehe ich die Unfähigkeit ihrer Besitzer an, sie richtig zu verwenden.

    An Rolltreppenenden bleibt ungeachtet folgender Menschenmassen der Koffer erst mal stehen, bevor er seinem Besitzer folgt. Das Menschenknäuel nicht beachtend, das er ausgelöst, stolziert der Kofferträger ohne Entschuldigung von dannen.
    Die aktivere Ausgabe rammt den Koffer beim Ausfahren des Griffs nach hinten weg - Schienbeine in Schussrichtung mit Verachtung strafend.

    Die eher lachhafte Ausgabe dann bleibt gerne an Pfosten hängen. Es ist auch schwer, die um einen halben Meter zurückversetzte Leibesfülle abzuschätzen.

    Kurz: Seh ich einen, geh ich einen, oder auch zwei Schritt zurück - nur zur Sicherheit (meiner).

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    • _Gold
    • 06. Mai 2013 23:19 Uhr

    Dieser Beobachtung des Autors stimme ich unbedingt zu:
    "Man macht weithin sichtbar, dass man nicht mit Überraschungen rechnet; man ist auf eine Welt eingestellt, die für einen eingeebnet wurde..."

    Habe selbst schonmal hochgezogene Augenbrauen provoziert, als ich bei einem Rucksackgewicht von guten 25kg alternativ einen Trolley bedenken wollte. Der Rucksack gewann damals, eben weil meine Reise nicht über geebnete Strassen führte. Aber die hochgezogene Augenbraue war dem spießigen Image geschuldet.

    Vielleicht brauchts einen Outdoor-Trolley mit Trekking-Bereifung und Aluminium-beschalung, damit man sich ohne Rucksack und Gesichtsverlust auf Berlins ungeebneten Strassen bewegen kann. ;)

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  5. "Man macht weithin sichtbar, dass man nicht mit Überraschungen rechnet; man ist auf eine Welt eingestellt, die für einen eingeebnet wurde..."

    Seit einigen Jahren benutze ich einen Trolleychip am Schlüsselanhänger ( ein kostenloses Werbegeschenk mit Baumarktwerbung ab 50 EUR Einkaufssumme oder alternativ zu 1 EUR inklusive Schnappverschluß ).

    Der schnappverschließende Chip hat mir seitdem innerhalb der Eurozone das Risiko erspart eine gültige Münze in den Trolley einstecken zu müssen.

    Flug- und Bahnreisenden möchte ich jedoch dringend abraten gechipte Trolleys als Bordgepäck mitführen zu wollen.

    • sauce
    • 07. Mai 2013 9:07 Uhr

    In Lateinamerika nützt einem aber auch ein Trolley nichts - die meisten Straßen sind dafür ja nicht geeignet :) .... da rumpelt der Trolley nicht nur sondern legt sich absolut unwürdig auch gerne einfach mal auf die Seite - wenn die Räder überhaupt durchhalten. Die Dinger sind ja für poliertes Marmor gemacht, nicht für buckelige Lehmpisten oder Schlammwege

    Antwort auf "würde"
  6. Ob Rucksack, Trolley oder Fahrradtasche. Bollerwagen, Sackkarre oder Schubkarre. Wo willst Du hin? Was hast Du vor? Was nimmst Du mit? Ich geh doch auch nicht im Ballkleid joggen oder im Bikini ins Büro, auf High Heels wandern oder mit Reitstiefel tanzen - Es sei denn es handelt sich um einen Stiefelball, ist schon klar.

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  • Serie Stilkolumne
  • Schlagworte Abenteuer | Louis Vuitton | Personal
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