Wenn jetzt die Reisezeit beginnt, rollern und bollern die Trolleys der Touristen wieder auf den Straßen. In den großen Städten sorgen die kleinen Räder der Rollkoffer auf dem Asphalt für so viel Krach, dass sich bereits Widerstand regt: In einigen Stadtteilen Berlins wird mit No Trolleys-Stickern gegen Touristen Front gemacht.

Es ist ohnehin nicht leicht, würdevoll auszusehen, wenn man einen Trolley hinter sich herzerrt. Es wirkt, als würde man mit dem Koffer Gassi gehen. Vor etwa 150 Jahren war es mit der Eleganz viel einfacher. Da war der Koffer eine Last, die man anderen auferlegte – dem Kofferträger nämlich. Zu jenen Zeiten war das Reisen ein Thema der Reichen – und menschliche Arbeitskraft billig. Koffer ähnelten Möbelstücken, und man hatte nicht allzu viele Gedanken daran verschwendet, den Tragekomfort zu optimieren. Wenn das Personal schwer zu schleppen hatte, wurde schließlich offensichtlich, dass man mit viel Gepäck reiste, also wohlhabend war. Dass der aufrechte Schrankkoffer heute ausgedient hat, ist vor allem der Motorisierung zu verdanken. In die Automobile passte Anfang des 20. Jahrhunderts nur praktisches Gepäck. Und auf den immer populäreren Ozeanriesen standen die Koffer unpraktisch in der eng bemessenen Kabine herum.

Dieses Missverhältnis motivierte einst Georges Vuitton, Sohn des legendären Pariser Koffermachers Louis Vuitton, einen quaderförmigen Überseekoffer zu präsentieren, den man unter das Kabinenbett schieben konnte. Erst dann, als Reisende ihre Koffer schließlich selber tragen mussten, hatte dieser ausgedient. Mittlerweile trägt niemand mehr seinen Koffer selbst – weil der Rollkoffer erfunden worden ist.

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Der Mensch mit Trolley ist ein Mensch, der die Last eines Gepäcks nicht trägt, sondern hinter sich herzieht. Das setzt voraus, dass die Welt flach wie der Boden einer Flughafenhalle ist. Und schon sind wir beim eigentlichen Problem, wenn man mit einem Trolley reist. Man macht weithin sichtbar, dass man nicht mit Überraschungen rechnet; man ist auf eine Welt eingestellt, die für einen eingeebnet wurde und auf deren gut ausgebauten Straßen man sanft entlanggleitet. Natürlich findet man solche Straßen auch. Außer vielleicht in Berlin. Dort lauert noch etwas Abenteuer.