BangladeschWas machen die Textilkonzerne?

Die vielen Toten nach dem Einsturz eines Fabrikhochhauses in Bangladesch lassen erneut Proteste aufflammen. von 

Drei Tage lang harrte die 21-jährige Textilarbeiterin Merina aus Bangladesch ohne Wasser, eingeschlossen in den Ruinen ihrer zerstörten Fabrik, aus. Sie hatte schon das Bewusstsein verloren, als ihre Retter sie endlich aus dem Fabrikschutt befreiten. Später in einem Krankenhausbett sagte Merina: "Nie mehr werde ich in einer Textilfabrik arbeiten."

Doch bleibt ihr wirklich eine Wahl?

Anzeige

Merina zählte vergangene Woche zu den Überlebenden des größten Unglücks in der Geschichte der Textilindustrie des Landes. Aus dem eingestürzten Fabrikhochhaus, genannt Rana Plaza, in einem Vorort von Dhaka wurden 397 Leichen geborgen, 900 Menschen galten bei Redaktionsschluss immer noch als vermisst. Doch viele Überlebende suchten schon Tage nach der Katastrophe wieder nach einem neuen Job in derselben Branche.

Tatsächlich war der Rana Plaza, dieser erst im Jahr 2010 in Windeseile hochgezogene Fabrikkomplex mit seinen Tausenden kleinen Nähtischen, Symbol eines beispiellosen Aufschwungs. "China-Relokalisierungshandel" nennt sich dieser Boom im Fachjargon. Die ganze Welt will davon profitieren – zulasten Chinas. Es geht darum, die Abhängigkeit des Westens von der chinesischen Weltfabrik zu durchkreuzen. Damit die Chinesen nicht die Preise diktieren.

Das bettelarme Bangladesch bot sich als Ersatzweltfabrik an – und die Investoren kamen schneller als gedacht. Große westliche Textilmarken wie H&M oder auch das amerikanische Kaufhaus Wal-Mart verlagerten in den vergangenen Jahren ihre Produktionsstätten von China nach Bangladesch. Wie im Zeitraffer wuchs dort die heute zweitgrößte Textilindustrie der Welt heran.

Im vergangenen Jahr setzte die Branche dort 19,1 Milliarden Dollar um und war für 80 Prozent der Exporte aus Bangladesch verantwortlich. Bis 2015, so prophezeien es die Unternehmensberater von McKinsey, werden 5000 Fabriken das Land pflastern und einen Umsatz von 30 Milliarden Dollar erwirtschaften. Nichts sei leichter, als den Chinesen ihr Textilmonopol zu entreißen – so der Glaube der McKinsey-Forscher.

Doch sie haben ihre Rechnung ohne die Katastrophe von Rana Plaza gemacht. Dabei war sie vorhersehbar. "Die Regierung, die lokalen Fabrikbesitzer und die internationale Textilindustrie zahlen den Arbeitern in Bangladesch Löhne, die zu den niedrigsten in der Welt zählen. Gleichzeitig haben sie sich nie um die Sicherheitsbedingungen der Arbeiter gekümmert, die Kleider für die Menschen in aller Welt machen", analysiert Brad Adams, Asien-Direktor der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.

Und was machen die Textilkonzerne? Meist ducken sie sich weg, bestellen unabhängige Inspektoren, die vor Ort mit der Kontrolle nicht selten überfordert sind. In diesem Fall fand man im Schutt Bestelllisten des spanischen Moderiesen Mango und der großen spanischen Kaufhauskette El Corte Inglés. Niemand darf es überraschen, wenn bald noch Hinweise auf andere Auftraggeber auftauchen. Manche Firmen wissen selbst nicht immer genau, wo ihre Kleidung hergestellt wird.

Westliche Markenvertreiber werden in Bangladesch nämlich von einem Produzenten zum anderen weitergereicht, mit der Konsequenz, dass sich die Herstellungsbedingungen nicht mehr kontrollieren lassen. "Sie haben vielleicht keine legale Verantwortung, aber sicher eine moralische", sagt Gareth Price Jones, der Büroleiter der englischen Hilfsorganisation Oxfam in Bangladesch.

Auch die Politik in Bangladesch tut alles, um Verantwortlichkeiten zu kaschieren. Der Besitzer des Rana Plaza war ein einflussreiches Mitglied der Regierungspartei, am Montag wurde er unter dem Druck von Arbeiterdemonstrationen auf der Flucht nach Indien verhaftet.

Nach Indien wollen nun auch einige westliche Konzerne fliehen, die nach dem Unglück in Bangladesch stärkere Auflagen befürchten. Schon warnt der Verband der Textilproduzenten in Bangladesch, es könnten Aufträge im Umfang von 500 Millionen Dollar an die indische Konkurrenz verloren gehen. Dort aber wartet man bisher vergeblich auf einen Textilboom – wegen der strengeren Arbeitsgesetze. Merina wird also noch gebraucht. Und der Wochenlohn von umgerechnet zwölf Euro wird ihr bald fehlen.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. .
    mich hätte die Reaktion von KIK, Benetton und Konsorten auf eine Interview-Anfrage interessiert.

    Auch die Gehaltsstruktur der Verkäufer/innen hier in Deutschland wäre ein interessanter Aspekt.

    Wo genau bleiben die offensichtlich, exorbitanten Gewinne hängen?

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Wo genau bleiben die offensichtlich, exorbitanten Gewinne hängen?"

    Tja, wo könnten die bloß hängen bleiben?

    Die Textilfabrikanten waren ganz wesentlich treibende Kräfte beim Aufbau des Systems, unter dem heute soviele leiden, ohne daß dies so sein müsste.

    Sie haben die Spinn- und Webmaschinen erfinden lassen und eingesetzt, die zu den Ludditen- und Weberaufständen führten.

    Sie sind verantwortlich für massenhafte "Arbeitslosigkeit". Damals wie heute. (Geht natürlich nur im Zusammenspiel mit dem ebenfalls über Jahrhunderte gewachsenen globalen Geldsystem.)

    Sie verwenden Stoffe, die nicht haltbar sind, um uns immer neuen Kram verkaufen zu können. Das machen sogenannte Markenhersteller ebenso wie Billighersteller. (Bitte keine Frage nach Quellen; ich berichte aus persönlicher Erfahrung.)

    Sie machen Riesengewinne und scheren sich einen Dreck um Nachhaltigkeit oder Gesundheit.

    So, danke, liebe Zeit! Ich durfte mir den Ärger von der Seele schreiben, habe aber wieder nichts bewirkt damit.

    Aber Sie könnten am Ball bleiben. Ist das nicht Ihre Aufgabe?

  2. "Wo genau bleiben die offensichtlich, exorbitanten Gewinne hängen?"

    Tja, wo könnten die bloß hängen bleiben?

    Die Textilfabrikanten waren ganz wesentlich treibende Kräfte beim Aufbau des Systems, unter dem heute soviele leiden, ohne daß dies so sein müsste.

    Sie haben die Spinn- und Webmaschinen erfinden lassen und eingesetzt, die zu den Ludditen- und Weberaufständen führten.

    Sie sind verantwortlich für massenhafte "Arbeitslosigkeit". Damals wie heute. (Geht natürlich nur im Zusammenspiel mit dem ebenfalls über Jahrhunderte gewachsenen globalen Geldsystem.)

    Sie verwenden Stoffe, die nicht haltbar sind, um uns immer neuen Kram verkaufen zu können. Das machen sogenannte Markenhersteller ebenso wie Billighersteller. (Bitte keine Frage nach Quellen; ich berichte aus persönlicher Erfahrung.)

    Sie machen Riesengewinne und scheren sich einen Dreck um Nachhaltigkeit oder Gesundheit.

    So, danke, liebe Zeit! Ich durfte mir den Ärger von der Seele schreiben, habe aber wieder nichts bewirkt damit.

    Aber Sie könnten am Ball bleiben. Ist das nicht Ihre Aufgabe?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Lohnkosten

    -Gehalt für Management
    -Gehalt für Verkäufer/innen

    Produktionskosten:

    -Material
    -Logistik
    -Lohnkosten Fertigung
    -Admi
    -Marketing

    Unternehmensfinanzierung: Kapitalsituation

    etc., etc.

    Eine schöne Betriebsanalyse. ( Es wird sicherlich entlassene Fibu-Leute geben, die mit ihrem ehemaligen Arbeitgeber ein Hühnchen zu rupfen haben)

    Investigativer Journalismus halt.

    Ich dachte das wäre klar.

  3. Lohnkosten

    -Gehalt für Management
    -Gehalt für Verkäufer/innen

    Produktionskosten:

    -Material
    -Logistik
    -Lohnkosten Fertigung
    -Admi
    -Marketing

    Unternehmensfinanzierung: Kapitalsituation

    etc., etc.

    Eine schöne Betriebsanalyse. ( Es wird sicherlich entlassene Fibu-Leute geben, die mit ihrem ehemaligen Arbeitgeber ein Hühnchen zu rupfen haben)

    Investigativer Journalismus halt.

    Ich dachte das wäre klar.

    Antwort auf "@ Bamschab"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Bangladesch | Textilindustrie | Fabrik
Service